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Die Bergrechnung: Mathematik, die über jede Kuhhaut geht

"Tüüsche": Christian Germann (rechts) deckt sich mit "Sillern" ein.

(swissinfo.ch)

Bevor die Kühe im Alpaufzug auf saftige Weiden steigen, müssen die Adelbodner Bauern für ihre Tiere die nötigen Rechte besorgen – an der Bergrechnung.

Der Brauch besteht aus einer Art urchiger Börse, an der die Viehalter so genannte Kuh- oder Bergrechte handeln.

Es wird jeweils Ende Juni, bis das Gras nach der Schneeschmelze wieder schön saftig ist. Dann ist auch auf den Alpen Sillern, Tschenten, Lurnig, Geilskummi, Bonder, Engstligen und Egerlen wieder das vielstimmig-unbeschwerte Bimmeln der Kuhglocken zu hören.

Die Sömmerung auf diesen Adelbodner Alpen will verdient sein. Die Tiere müssen im Alpaufzug die höher gelegenen fetten Weiden zu Fuss erklimmen. Zuvor müssen ihre Besitzer für jedes Tier ein Sömmerungsrecht erwerben.

Der Handel mit diesen Kuh- oder Bergrechten findet an der Bergrechnung statt. Dabei handelt es sich um einen der kompliziertesten Bräuche der Schweiz. Die "Bärgrächnig" beherrschen letztlich wohl nur die listigen Adelbodner Bergbauern bis in die letzten Bruchteile...

Exakte Wissenschaft - auf jeder Alp anders

Der Lektion Nr. 1 bei Daniel Zimmermann kann ich problemlos folgen: "Ein Kuhrecht besteht aus acht Geissenrechten", sagt der Adelbodner Bauer. Soeben hat er "sechs Geissen für Sillern" erstanden, bescheinigt auf einem weissen Zettel. "Das sind ¾ Kuhrechte für die Alp Sillern."

Bei Lektion Nr. 2 schon die ersten Zweifel: "Je nach Alp kann sich das Verhältnis Kuh/Geissen ändern", sagt Zimmermann. Auf der Tschenten ergeben sieben Geissen ein Kuhrecht, auf der Engstligen sechs.

Soziales Ereignis

Die Bauern stehen in kleineren Gruppen auf dem Dorfplatz vor den Restaurants Kreuz und Bären beieinander: Jüngere und Ältere, mit und ohne Bärte, viele im braunen Halbleinigen oder gar im prächtigen "Chüjermutz", der kurzärmligen Tracht mit weissem Hemd und edelweissbestickter schwarzer Samtjacke.

Man kennt einander, erkundigt sich nach Neuigkeiten, und kommt dann zügig zum Handel. Christian Germann wird sich mit einem Kollegen schnell einig, sie tauschen oder "tüüsche", wie die Männer sagen, zwei kleine weisse Zettel.

"Ich habe vier Lurnig gegeben, dafür vier Sillern erhalten", erklärt Germann. Ausgedeutscht: Germann hat vier Kuhrechte für die Alp Silleren erworben, wo er sein Vieh sömmert. Dafür hat er dem Kollegen vier Kuhrechte für die Alp Lurnig abgetreten. Tausch um Tausch nähern sich die Bauern der Anzahl der von ihnen benötigten Bergrechte an.

Kühe und Kälber in Geissen

Wie viele Tiere sömmert denn Germann auf der Silleren? "Ich brauche dieses Jahr insgesamt 85 2/6 Berg." Kein Zweifel: Lektion Nr. 3 ist fällig.

Dies entspreche 7 Kühen, 2 Rindern und 8 Kälbern, erklärt Germann. "3 Kälber sind 1 Kuhrecht, pro Kalb macht das also 2 4/6 Geissen". Zur Erinnerung: 1 Kuhrecht gleich 8 Geissen. Auf Sillern...

Bergvogt Reichen

Am Nachmittag dann schlägt die Stunde der Bergvögte, die im Restaurant Kreuz residieren. Es sind dies respektierte Bauern, die von den jeweiligen Genossenschaften gewählt wurden und für eine Alp verantwortlich sind.

Werner Reichen aus dem Nachbardorf Achseten ist Bergvogt der Bonderalp. Mit seinem dichten schwarzen Haar, den buschigen Augenbrauen, den hellwachen Augen und einem langem Bart sieht Reichen aus, als wäre er einem Sagenbuch entstiegen. "Reichen ist einer der Urchigsten", wie der Kreuz-Wirt voller Anerkennung zum Journalisten bemerkt.

Rechnung geht nicht immer für alle auf

Alle Bauern, die Vieh auf der Bonderalp sömmern, müssen Reichen ihre Zettel mit den Rechten abgeben. Dann gleicht der Bergvogt diese mit dem "Bergverzeichnis" ab. Das Buch ist Reichens wichtigstes Instrument. So behält er die Kontrolle, dass nicht mehr Vieh auf Bonder weidet als im Verzeichnis festgelegt.

Des Bergvogts Dienste sind auch gefragt, wenn ein Bauer nach dem Tauschhandel auf dem Dorfplatz noch nicht alle benötigten Rechte beisammen hat. "Am Schluss geht es meistens noch um Sechstel", so Reichen. Aber auch er kann nicht immer helfen. "Dann muss der Bauer die Tiere halt auf ein Mäiensäss oder eine fremde Alp geben."

Zu grosse Stückelung

So urtümlich der Brauch der Bergrechnung ist, in ihm spiegeln sich auch Wehen der Zivilisation. "Der Berg ist viel zu 'ruch verstückelt'", klagt Reichen. Will heissen: Die Bergrechte befinden sich in zu vielen Händen. Auf der Bonder sind es beispielsweise über 140 Genossenschafter, aber nur 35 mit Vieh im Stall.

Die starke Aufteilung sei Folge der Erbteilungen, bei denen ein Erbe das Heimwesen übernehme, die anderen Erben mit Bergrechten entschädigt würden. "Im alten Landrecht waren die Bergrechte dagegen ans Heimet gebunden", so der Bonder-Bergvogt Reichen.

Nachzutragen bleibt noch Lektion Nr. 5: Für seinen Stier benötigt Bauer Germann kein Kuhrecht. "Dafür können die Bauern ihre Kühe gratis von ihm decken lassen."

Der Feind aller gymnasialen Mathematik reist trotz geballter Ladung alpiner Zahlenartistik bereichert in die Hauptstadt zurück. Bereichert um die Einsicht, dass man Menschen verstehen kann, ohne ihr Rechnen ganz zu begreifen.

swissinfo, Renat Künzi in Adelboden

In Kürze

Die Bergrechnung ist ein Brauch, den so nur die Adelbodner Bauern kennen.

Ihm liegt die Knappheit an Adelbodner Alpweiden zu Grunde. Er widerspiegelt die grosse reale und emotionale Nachfrage nach Alpweiden für die Sömmerung der Tiere.

Im übrigen Schweizer Alpenraum ist die Nachfrage geringer. Viele Alpen drohen mangels Beweidung zu verganden oder sind schon überwuchert oder verwaldet.

Tourismus-Untersuchungen haben ergeben, dass Gäste eine stark bewaldete Bergregion ohne Weidetiere als wenig attraktiv empfinden.

Die Sömmerung von Kühen, Ziegen und Schafen ist daher wichtig für den Tourismus. Aber auch zur Erhaltung der Alpen als einzigartige Kulturlandschaft und Lebensraum einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt.

An der Bergrechnung bestimmen die Alpgenossenschaften auch das Datum ihres Alpaufzuges (z.B. Bonderalp am 20. Juni).

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Fakten

Die Gemeinde Adelboden im Berner Oberland zählt rund 140 Bauern.
Die Adelbodner Alpweiden sind in der Hand von Alpgenossenschaften und privaten Besitzern.
Auch die Gemeinde Adelboden ist Besitzerin von Kuhrechten von allen Alpen ("Armenberg").
An der Bergrechnung geht es für die Bauern darum, im Tauschhandel Kuh- oder Bergrechte zu erwerben, die zur Sömmerung ihrer Tiere auf einer Alp nötig sind.
Der Preis für ein Kuhrecht wird im Herbst bezahlt, es kostet von 100 Franken an aufwärts, je nach Alp und Ertrag (Käse).
Bergvögte kontrollieren, dass nicht zu viele Tiere auf einer Alp weiden.

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