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Die erste Siedlung mit lauter Mietern ohne Auto



Die Mieter der neuen Siedlung verzichten aufs Auto.

Die Mieter der neuen Siedlung verzichten aufs Auto.

(swissinfo.ch)

Eine Baufirma in Bern bietet die erste "nicht motorisierte" Wohnsiedlung der Schweiz an. Die Mieter verpflichten sich vertraglich, auf das Auto zu verzichten. Die "Siedlung Burgunder" möchte auch ein partizipativer Raum sein. Ein Augenschein.

Laut offiziellen Angaben gab es im vergangenen Jahr in der Schweiz 5,1 Millionen motorisierte Fahrzeuge. Diese "Flotte" fährt auch durch die Städte, wo die Mehrheit der Bevölkerung wohnt.

Weil Firmen Flexibilität und Mobilität fordern, pendeln immer mehr Arbeitnehmer zwischen ihrem Wohnort und Arbeitsplatz. Die Folgen sind Verkehrsstauungen, Unfälle, überfüllte Züge und Umweltverschmutzung.

Doch es gibt auch einen entgegengesetzten Trend:"Fast die Hälfte der Einwohner der Hauptstadt besitzen kein Auto", sagt Günther Ketterer, Präsident des Verwaltungsrats der Baufirma NPG AG. Dies brachte den Unternehmer deutscher Herkunft auf die Idee, die erste Wohnsiedlung in der Schweiz zu bauen, in der die Bewohner freiwillig auf den Besitz eines Autos verzichten.

Die Siedlung liegt in einem Quartier im Westen der Hauptstadt. Bümpliz war bisher eher für seine Hochhäuser und seinen hohen Ausländeranteil bekannt.

Die Überbauung wird drei Blöcke mit insgesamt 82 Wohnungen verschiedener Grösse haben. Ein altes Haus auf dem Grundstück wurde zudem instand gestellt  und soll einen Gemeinschaftsraum und einen Kindergarten beherbergen.

Die 40 Wohnungen des ersten Blocks werden seit dem letzten März vermietet, die beiden anderen sind ab März dieses Jahres einzugsbereit.

Einschränkungen

Die Mieter müssen sich im Mietvertrag verpflichten, auf ein Auto zu verzichten. Nicht erlaubt ist auch, ein Auto auf den Namen einer anderen Person , z.B. eines Verwandten, zu kaufen. Würde ein solches "Vergehen" entdeckt, kann der Mietvertrag aufgelöst werden.

Doch Günther Ketterer ist überzeugt, dass diese Einschränkung kein Problem sein wird, ganz im Gegenteil: "Viele unserer Mieter sind hierher gezogen, gerade um in einem autofreien Quartier zu wohnen."

Auch Umziehen oder Grosseinkäufe sind kein Problem. Ketterer weist auf eine Nebenstrasse hin, in der ein rotes Fahrzeug mit der Aufschrift "Mobility" geparkt ist. Es gehört zum Gemeinschaftssystem der Siedlung: "Man kann den Zügelwagen mit den Möbeln auf der Strasse parkieren oder eines der Mobility-Autos in Anspruch nehmen."

Auch über öffentliche Transportmittel können sich die Bewohner nicht beklagen. In der Nähe befindet sich der Bahnhof Bümpliz-Süd. "In 4 Minuten gelangt man ins Zentrum von Bern und in 15 Minuten zu Fuss ins Quartier-Zentrum, wo es Dutzende von Geschäften und Supermärkte gibt. Mit dem Bus kommt man ins etwas weiter entfernte Shopping Zentrum Westside", sagt Ketterer :" Ich wohne auch in Bümpliz und benötigte nie ein Auto".

Von den 40 Wohnungen des ersten Blocks sind bereits 34 vermietet. Die Mieten entsprechen laut Eigentümerin den üblichen Marktpreisen

Nachhaltigkeit

Die Gesetzgebung verpflichtet Baufirmen, Raum zum Parkieren einzuplanen, damit zusätzliche Einwohner kein lokales Verkehrschaos verursachen. Deshalb sollte die Siedlung Parkplätze oder eine unterirdische Garage für 64 Autos haben.

Doch die "Siedlung Burgunder" fand eine andere Lösung. In der Garage finden sich Dutzende von Fahrrädern und Kinderwagen nebeneinander aufgereiht. Zuvor jedoch musste Günther Ketterer die Stadt- und Kantonsbehörden von seiner Idee einer autofreien Siedlung überzeugen.

"Es waren langwierige Verhandlungen, und wir mussten auch Konzessionen machen, bis das Projekt angenommen wurde," erinnert sich der Bauunternehmer. So musste sich die Firma verpflichten, Garagen zu bauen, falls die Mieter eines Tages ein Auto haben wollten. Sie reservierte zu diesem Zweck Raum auf dem Grundstück.

Ein weiteres Verhandlungsthema betraf ökologische Bautechniken. Nebst der Wärme-Isolierung der Gebäude (Imprägnierung der Aussenmauern und Doppelverglasung der Fenster) werden die Wohnungen geothermisch geheizt.

Mit einer speziellen Pumpe wird Wasser 150 m tief nach unten gepresst  und kommt heiss für die Bodenheizungen hoch. "Während in einer normalen Wohnung für Heizung bis zu 21 Liter Öl pro m2 im Jahr benötigt werden, sind es bei uns 3 Liter, weil wir ausschliesslich Strom benützen," rechnet Ketterer vor.

Kooperative

Anders als in anderen Überbauungen ist die "Siedlung Burgunder" als Kooperative organisiert. Bereits während der Bauetappe konnten die zukünftigen Bewohner Vorschläge einbringen, um nun auch an der Verwaltung teilzunehmen oder zukünftige Nachbarn auszuwählen.

Aber die wichtigste Beteiligung besteht in der Direktinvestition in die Baufirma NPG AG und Besitzerin der Siedlung mittels Aktienkauf (1000 Fr. pro Stück). "So wird der Mieter zum Mitbesitzer und hat bei Firmenversammlungen Stimmrecht", sagt Ketterer.

Der deutsche Bauherr verfügt bereits über beträchtliche Erfahrung als "sozialer" Unternehmer. Wie er ausdrücklich betont, ist er bereits mehrere Jahre im Immobilien- und Finanzsektor tätig und stets verfocht er ökologische und soziale Ziele.

Beweis dafür ist, dass er zu den Mitbegründern der Alternativen Bank Schweiz (ABS) gehört. Diese finanziert Projekte und Unternehmen, die ihr Gewicht auf Nachhaltigkeit legen.

"Autopark" der Schweiz

Laut dem Eidgenössischen Statistischen Amt vom 14.2.2011 gibt es für zwei Einwohner mehr als ein Auto.

2010 waren 5,1 Mio. Motorfahrzeuge registriert, wovon 4,1 Mio. Personenfahrzeuge.

Zwischen 1990 und 2010 nahmen die Fahrzeuge von 4 auf 5,7 Mio. zu.

In den vergangenen 20 Jahren nahm die Anzahl motorisierter Fahrzeuge um 42% zu, jene von Autos um 37% und von Motorrädern um 118%.

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Portugiesischen: Regula Ochsenbein), swissinfo.ch


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