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Die Olympia-Bilanz des François Carrard

François Carrard an einer Pressekonferenz in Athen.

(Keystone)

Die 28. Olympischen Spiele der Moderne gehen am Sonntag in Athen zu Ende.

Der ehemalige Direktor des internationalen Olympischen Komitees, der Schweizer François Carrard, analysiert für swissinfo die Spiele und die Leistungen des Schweizer Teams.

Der 66-jährige François Carrard hat von 1988 bis 2002 als Generaldirektor und rechte Hand der Präsidenten Juan Antonio Samaranch und Jacques Rogge die Geschäfte des IOC geleitet.

Nach seinem Rücktritt hat er allerdings die Stricke zum IOC nicht abreissen lassen. Er amtet weiterhin als juristischer Berater des Komitees und konnte daher die Olympischen Spiele in Athen hautnah erleben.

Für swissinfo hat Carrard einen kritischen Blick auf die beiden letzten Wochen geworfen.

swissinfo: François Carrard, was denken Sie über die fünf Medaillen, welche die Schweizer in Athen gewonnen haben (1xGold, 1xSilber, 3xBronze)?

François Carrard: Ich betrachte dies mit einem Augenzwinkern, also unter einem positiven Aspekt. Ich denke, diese Bilanz reflektiert eine gewisse Position der Schweiz in der Gesellschaft und in der Welt

Die Schweiz hat etwas Mühe, auch wenn sie sich anstrengt. Und die Welt um uns herum schreitet vorwärts, besser und schneller als wir.

Dies gilt nicht nur für den Sport. Eine Tatsache, der wir uns bewusst werden sollten.

swissinfo: Verschiedene Schweizer Medaillen sind von Athleten geholt worden, die nicht optimal vorbereitet waren. Welchen Schluss ziehen Sie daraus?

F.C.: Für mich ist nur eines sicher: Es ist nötig, im grossen Stil mit personellen und finanziellen Ressourcen in den Schweizer Sport zu investieren. Der Wille ist da, doch das braucht viel Zeit.

Ich bin für eine professionellere Betreuung der Athletinnen und Athleten. Sich aber absolut von der Freiwilligenarbeit zurückzuziehen, wäre ein grosser Fehler. Sie ist im Sport, der Werte transportiert, unersetzlich.

swissinfo: Nach 14 Jahren im IOC erlebten Sie ihre ersten Olympischen Spiele als "Privatmann". Welchen Eindruck von Athen 2004 nehmen Sie mit nach Hause?

F.C.: Die Rückkehr der Spiele nach Griechenland war wunderbar. Ich bin froh für die Griechen und für die olympische Bewegung, denn das war sehr wichtig.

Griechenland hat die Kultur der Olympischen Spiele. Hier sind das Verständnis und das Interesse wirklich gross, und die Magie vermag zu spielen.

Ausserdem konnten die Griechen all die erstaunen, die ein Scheitern der Organisatoren erwartet hatten. Ich denke, es ist wichtig, die aussergewöhnliche Qualität all jener hervorzustreichen, die diese Spiele möglich gemacht haben.

Griechenland ist eine intelligente Nation und seine Bewohner haben viel Anpassungsfähigkeit, Lebhaftigkeit und Improvisationsgabe bewiesen. Sie haben immer klare Lösungen präsentiert, wenn sich ein Problem stellte.

swissinfo: Ist es Athen gelungen, den Gigantismus der Spiele etwas zu dämpfen?

F.C.: Athen wusste von diesen Olympischen Spielen zu profitieren. Es war vorher eine sehr chaotische Stadt. Dank der Spiele konnte Athen seine Infrastruktur, seine Transportmittel und die Hotellerie erneuern.

Es ist nun eine andere Stadt, auch architektonisch, die in Zukunft einen anderen Platz auf der Weltkarte einnehmen wird. Obwohl die Nutzung diverser Anlagen nach den Spielen noch unklar ist.

Und ich bin nicht sicher, wie die Griechen damit umgehen werden. Denn viele Anlagen wurden in letzter Minute fertiggestellt. Da könnten Probleme mit dem Unterhalt auftreten.

swissinfo: An den Spielen wurden gegen 20 Athleten des Dopings überführt, ein Rekord für Olympia. Ihr Kommentar dazu?

F.C.: Im Kampf gegen Doping markiert Athen wohl die Wende. Wir sind aus einer Zeit, in der man das Phänomen untersuchte und den Kampf harmonisieren wollte zur intensiven Jagd auf Dopingsünder gekommen.

Jeder Fall von Doping, der aufgedeckt und beurteilt wird, ist ein neuer Sieg in dieser schwierigen Schlacht. Persönlich habe ich eine grosse kulturelle Veränderung im Verständnis für Dopingfälle festgestellt.

Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch bei den Athleten und in ihrem Umfeld. Das hat sich auch in Befragungen gezeigt, an denen ich teilgenommen habe.

Ich fühle da einen Willen, zusammen vorwärts zu kommen. Es würden alle gewinnen.

swissinfo: Diese Spiele waren ebenfalls die bestbewachten der Geschichte. Hatte dies einen Einfluss auf die Wettkämpfe?

F.C.: Ich habe nie an den Griechen gezweifelt, wenn es um die Sicherheit ging. Länder, die immer mit Sicherheitsproblemen konfrontiert sind, haben gelernt, mit dieser Unbekannten umzugehen.

Und eigentlich waren die Einschränkungen nicht grösser, als bei früheren Spielen - trotz des grossen Sicherheits-Dispositivs.

swissinfo: swissinfo: Wird es bis zur Olympiade 2008 in Peking neue olympische Sportarten geben?

F.C.: Die Sportprogramm-Kommission beschäftigt sich zur Zeit mit dieser Frage. Aber in Peking wird es nicht mehr Disziplinen geben, denn 10'500 Athleten sind die oberste Grenze, die nicht überschritten werden darf.

Das Programm der Olympiade ist wie ein überfüllter Bus. Wenn man will, dass ein neuer Passagier einsteigen soll, dann muss ein anderer aussteigen. Und wenn gewisse Sportarten von der Liste gestrichen würden, bedeutete dies ihr Todesurteil.

Aber ich vertraue Präsident Jacques Rogge, dass er die richtigen und notwendigen Entscheidungen trifft. Die Schlussbetrachtung der Olympischen Spiele von Athen zu gegebener Zeit wird da mehr Klarheit schaffen.

swissinfo-Interview: Mathias Froidevaux
(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

Fakten

Der 66jährige Lausanner Jurist François Carrard war von 1988 bis 2002 Generaldirektor des IOC.
Heute ist er der wichtigste juristische Berater des IOC.
Carrard ist auch Präsident des Montreux Jazz Festivals.

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In Kürze

Der frühere IOC-Generaldirektor François Carrard arbeitet heute in seiner Anwaltskanzlei mit über 30 Mitarbeitern in Lausanne.

Das Mandat des juristischen Beraters des IOC, das Carrard von IOC-Präsident Jacques Rogge erteilt wurde, umfasst mehrere Dossiers:
- Erneuerung der olympischen Charta
- Verhandlungen über die Fernsehrechte
- IOC-Vertretung vor dem Sportschiedsgericht.

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