Die Schweiz auf der Landkarte

Les Musées d'art et d'histoire de Genève

Jede Landkarte ist eine Interpretation – und so erzählen Karten vergangener Jahrhunderte auch Geschichten über die, die sie gefertigt haben. Ein kleiner Parcours durch die letzten fünfhundert Jahre der Kartenkunst der Schweiz, einer Hochburg der Kartographie.

Dieser Inhalt wurde am 01. August 2020 - 11:00 publiziert
Ester Unterfinger, David Eugster (Text)

Die Schweiz in der Kartografie 

1444 wurden in der Genfer Kathedrale Saint-Pierre mehrere Altarbilder des Baslers Konrad Witz aufgestellt. Besonders eines hat wohl den Blick der Gläubigen eingefangen: Die Darstellung von Jesus Christus, dem Menschenfischer, vor einem See. Doch nicht das altbekannte Motiv aus der Bibel überraschte, sondern das Panorama, vor dem der Erlöser stand.

Es war eine minutiös gefertigte Abbildung der Landschaft um den Genfersee, der französische Berg Môle war erkennbar, genauso wie die Dörfer um ihn. Es handelte sich dabei um die erste genau verortbare Landschaftsdarstellung der europäischen Malerei.

Wiederentdeckung von Ptolemäus 

Exakt erfasste Karten aber gab es damals noch nicht. Erst mit dem Zerfall des oströmischen Reichs in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nach Christus kam kartografisches Wissen zurück nach Europa.

Laut Dr. Hans-Peter Höhener, der sich zeitlebens mit der Geschichte der Kartografie beschäftigt hat, wurde ernsthafte Kartografie damals zum ersten Mal wieder möglich. Vor allem die Karte von Ptolemäus wurde zu einem wichtigen Vorbild: Sie erfasste astronomische Dinge, Länge und Breite – "wobei die Länge damals noch etwas schwierig zu messen war".

Ptolemäus hatte auch das Gebiet der Schweiz erstmals erfasst, auf den gallischen Karten: "Darauf sieht man auch die Schweiz: Aventicum, Augusta Raurica, Tiberio – man streitet bis heute drum, ob damit das heutige Solothurn gemeint ist."

Das Territorium der heutigen Schweiz auf einer Karte nach Ptolemäus - antikes Wissen kehrt zurück nach Europa. unibas.ch

Astrologisch-medizinische Karten 

Die erste eigentliche Karte der Eidgenossenschaft stammt aber von Conrad Türst, von 1496. Seine Motivation war ausserordentlicher Natur, Höhener sieht seinen Beruf als Grund: "Türst war Arzt – die arbeiteten damals noch sehr viel mit Astrologie, mit Sternenkunde. Deswegen musste er genauere Ortsbestimmungen machen, nach Breiten- und Längengraden, um Horoskope für die Leute zu erstellen – um daraus Behandlungsoptionen abzuleiten." Die erste Karte der Schweiz war also das Produkt eines Horoskopgläubigen.

Zentralbibliothek Zürich

Im 16. Jahrhundert entwickelten sich Zürich und Basel zu Zentren des Buch-, aber auch des Kartendrucks. Doch Karten der ganzen Eidgenossenschaft blieben länger eine Seltenheit – laut Höhener aufgrund ihrer Regierungsform: "Die Schweiz wurde nur durch die Tagsatzung zusammengehalten, es gab sonst keine gemeinsame Behörde."

Kartografie blieb deswegen oft kantonal, wenn nicht sogar lokal: "Die städtischen Kantone zeigten ein Interesse an Karten, die ärmeren, ländlichen Kantone nicht. Dort existierten höchstens ein paar Grenzkarten, Zeichnungen für Gerichtsprozesse – zum Beispiel so genannte Augenscheinkarten für Gerichtsprozesse, wo Zeichnungen des Gebiets dazu dienten, einen Streitfall zu entscheiden."

Militärische Funktion 

Dazu kam: Karten interessierten damals vor allem wegen ihrer militärischen Funktion. So erstellte Hans Conrad Gyger 1620 eine Karte der Ostschweiz – im Auftrag des Kantons Zürich. Damals wütete der 30-jährige Krieg, die Zürcher hatten Angst vor der Innerschweiz, aufgrund der religiösen Differenzen nach der Reformation. Die Karte diente strategischen Überlegungen: "Gyger machte auch Vorschläge, wo man Hochwachten errichten und wie man das Gebiet aufteilen soll, wenn man dann gewonnen hat", meint Höhener.

Gyger verliess die Kavaliersperspektive, in der man wie bei Türst von schräg oben in die Landschaft schaute, und zeichnete aus der Vogelperspektive. Doch seine Innovation blieb damals ohne Echo, denn die Karte sollte nicht an die Öffentlichkeit gelangen. "Detailkarten waren lange ein staatliches Geheimnis, auf den gedruckten Karten waren auch nie Strassen eingezeichnet. Nur Brücken sind ab und an doch verzeichnet", erklärt Höhener.

1683 gibt Gyger eine Karte der Schweiz heraus, die in ihrer Präzision jedoch nicht an seine militärischen Arbeiten heranreicht. Die ganze Schweiz erschien darauf – aber parzelliert: Die Kantonsgrenzen und ihre Wappen dominierten die Darstellung.

Universitätsbibliothek Basel

Das nackte Territorium: Die Dufourkarte

Im 18. Jahrhundert wurden die Messtechniken zunehmend wissenschaftlicher. "Es gab Expeditionen zur Vermessung des Längengrades, so hatte man immer genauere Methoden für Aufnahmen", sagt Höhener. In Frankreich entstand das Berufsbild des "Ingénieur géographe", es entstanden Lehrgänge und polytechnische Schulen: Die Kartografie wurde professioneller und auch genauer.

Eth-bibliothek Zürich

Gleichzeitig blieb Kartografie eine Form der Repräsentation von Macht, meint Höhener: Man zeigte damit stolz sein Territorium. Insofern erstaunt es wenig, dass die erste akribische kartografische Erfassung der Schweiz nach den neuen naturwissenschaftlichen Massstäben in die Zeit der Entstehung des Bundesstaats fiel.

Vorangetrieben hat die Arbeit der in Frankreich ausgebildete Guillaume-Henri Dufour, der in jahrzehntelanger Arbeit, gemeinsam mit Wissenschaftlern, Topografen und Kupferstechern die so genannte Dufourkarte schuf – 1845 bis 1865 wurde sie publiziert. Die Dufourkarte demonstrierte erstmals eine nationale Einheit, in der kantonale Unterschiede weniger wichtig wurden. Hier wurde das Territorium in nüchterner Vermessung dargestellt: Als präzise erfasste Landschaft, in der die Berge in dunkler Schraffur dominant hervorstanden.

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Die Popularisierung der Karte

Doch bereits gab es erste Nationalkarten – weniger genaue, für das normale Publikum. So hatte der Aarauer Seidenband-Fabrikant Johann Rudolf Meyer um 1800 einen "Atlas Suisse" herausgegeben – für das normale Publikum. Die Aufklärung hatte auch die Kartografie erfasst: Was früher Geheimwissen war, wurde auch für Zivilpersonen zugänglich.

Ab dem 18. Jahrhundert kamen die ersten Karten in die Schulen, später die Atlanten. Insbesondere der alpine Tourismus führte in der Schweiz zu einem Schub der zivilen Kartografie: Reisekarten wurden publiziert, und der Schweizer Alpen-Club (SAC) schrieb sich bei seiner Gründung 1863 in die Statuten, die Alpen durch Exkursionen genauer kennenzulernen, "namentlich in topographischer, naturhistorischer und landschaftlicher Beziehung".

Keystone / Walter Studer

Der SAC machte denn auch Druck auf den Bund, die Dufourkarten im Originalmassstab herauszugeben – was 1868 durch das Gesetz bezüglich der Publikation der topographischen Aufnahmen ermöglicht wurde.

Heute dominiert die digitale Kartografie – sie wird täglich verwendet. Insbesondere Google Maps – manche verwenden sogar Satellitenbilder. Sind wir damit am Höhepunkt der Kartografie angekommen? Höhener winkt ab: "Karten sind immer eine Interpretation. Eine Aufnahme ist keine Interpretation und damit auch keine Karte."

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