Die Schweiz eine Bananenrepublik?

Ungewohnte Einigkeit der Schweizer Presse beim Thema Swissair-Debakel. Keystone

Nach den letzten Hiobs-Botschaften zum Schicksal der Swissair, deren Flugzeuge am Dienstag am Boden bleiben mussten, weil ihr schlicht das Geld für das Flug-Benzin fehlte, herrscht im Schweizer Blätterwald am Mittwoch weitgehende Einigkeit: Schuld am Desaster sind die Grossbanken.

Dieser Inhalt wurde am 03. Oktober 2001 - 10:47 publiziert

Zudem weisen die meisten Kommentatoren auf den drohenden Imageschaden für den Wirtschaftsstandort Schweiz hin. Auseinander gehen die Meinungen in der Frage, was die Banken zu ihrem Vorgehen bewegte. Mehr als einmal fällt das Wort Bananenrepublik.

"Dumm und ruchlos"

Das "St. Galler Tagblatt" schreibt von einem "Schlag ins Gesicht" und von "wirtschaftlich, politisch und moralischen Schäden immensen Ausmasses. Die Schweiz sonst ein Muster an Ordnung und Organisation, steht da wie eine Bananenrepubik."

Die "Neue Zürcher Zeitung" sieht einen "beträchtlichen politischen Flurschaden" und bezeichnet das Verhalten der Banken als"ungeschickt, wenn nicht sogar dumm und ruchlos".

Der Zürcher "Tages-Anzeiger" titelt: "Banken liessen Swissair sitzen" und schreibt mit Blick auf UBS-Chef Marcel Opsel, noch nie seit bestehen des Bundesstaates sei eine demokratisch gewählte Regierung in der Schweiz von einem Bankier so gedemütigt worden. ..."Man kann auch sagen: Die Öffentlichkeit wurde hinters Licht geführt."

"Die Banken provozieren die Schweiz": So sieht es auch die "Neue Luzerner Zeitung", während der "Blick" von Schande spricht und das Aargauer Tagblatt von der "Arroganz der Banken".

Stümper oder Zyniker?

Die "Berner Zeitung" sieht das "Vertrauen verspielt" und schreibt in ihrem Kommentar, noch am Montag hätten sich die Banken als grosse Retter der Schweizer Flugindustrie und der Marke Swissair aufgespielt. Und nun dies: "Das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort Schweiz, in dem es wie in einer Bananenrepublik möglich ist, Aktionäre, Kunden, ja sogar die Regierung zu verschaukeln, ist nachhaltig geschädigt."

Mit ihrem Vorgehen hätten sich die Superliberalisierer nun selbst diskreditiert und klar gemacht, wer die Macht im Land habe. "Das Hohelied auf die Liberalisierung wird man ihnen nicht mehr abnehmen", zeigt sich der Kommentator überzeugt.

Der Berner "Bund" fragt sich, ob das Vorgehen der Banken bewusst war oder nicht und schreibt: "Entweder sind Stümper am Werk - oder böswillige Zyniker, die bewusst nicht nur die bisherige Swissair zerstören wollen, sondern auch die Marke, den bei vielen intakten Ruf. Die Grossbanken hätten es in der Hand gehabt, das Chaos zu vermeiden."

"Missmanagement, Arroganz und Filz"

Die Westschweizer Zeitung "Le Temps" titelt: "Swissair, scénario catastrophe". Swissair, Katastrophen-Szenario und meint damit die Tatsache, dass die Maschinen am Boden bleiben müssen. Warum sich die Grossbanken verhielten, wie sie es taten, sei ein Geheimnis, das die Schweizer Bevölkerung und die Regierung perplex lasse. Nun erwarte man von den Banken, dass sie ihre Verantwortung tatsächlich wahrnähmen.

Übrigens: Auch die konservative österreichische Zeitung "Die Presse" befasst sich unter dem Titel "Schweizer Kracher" mit dem Thema und fragt sich, wie es so weit kommen konnte. Die Luftfahrtkrise gelte nicht als Ausrede, die Swissair sei schon lange vorher pleite gewesen und hervorgerufen worden sei diese Pleite durch eine "Mischung aus Missmanagement, Arroganz und Filz".

Rita Emch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen