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Die Schweizer lieben ihr Kino

"Achtung, Fertig, Charlie!" hat die Romands weit weniger begeistert als die Deutschschweizer.

Der Schweizer Film kommt gemäss einer Studie des Bundesamts für Kultur beim Publikum gut an. Bei Deutschschweizern mehr noch als bei den Romands.

Dieser regionale Unterschied erkläre sich durch die jüngsten Erfolge von Deutschschweizer Filmen, die aber in der Westschweiz weniger einschlagen.

Die Studie "Das Schweizer Filmpublikum", die von der Uni Lausanne verfasst und vom Bundesamt für Kultur (BAK) in Auftrag gegeben worden war, ist die erste, die auf nationaler Ebene umfassend Daten liefert.

"Ich wollte endlich Fakten über das Kinopublikum in der Schweiz", sagte Nicolas Bideau, Chef der Sektion Film im BAK. "Spricht man heute unter Experten und Branchenvertretern über Filme, bezieht man sich zu oft auf Klischee-Einschätzungen und Intuitionen."

Die Untersuchung sei eine Diskussionplattform, die eine professionellere Promotions-Politik ermögliche, so Bideau weiter.

Vor allem am Bildschirm

Die Studie legt offen, dass die Schweizer gerne Filme schauen: Drei von vier Befragten schätzen Kino. Dabei sind die Romands mit 82% noch begeisterter als die Deutschschweizer (75%).

"Durchschnittlich schaut sich ein Befragter 2,4 Filme im Kino an", sagt der Soziologe und Studienautor Olivier Moeschler von der Uni Lausanne. "Im europäischen Vergleich schneidet nur Frankreich besser als die Schweiz ab."

Doch im allgemeinen werden die meisten Filme am Bildschirm gesehen, also am Fernsehen, als Video oder DVD. 75% der Befragten geben an, mindestens einmal jährlich einen Film im Kino zu schauen. Gleich Viele sagten, einmal wöchentlich einen Film am Fernsehen zu sehen.

Vorliebe für den Dokumentarfilm

Was den Geschmack des Publikums betrifft, zeigt die Studie, dass der Dok-Film am höchsten im Kurs sind. In diesem Genre hat sich die Schweizer Produktion besonders hervorgetan.

"Insgesamt muss das Kino für die Schweizer eine 'Sicht der Wirklichkeit' – vision du réel - abgeben", sagt Moeschler. Der Studienautor zielt damit auf den Namen des Dokfilm-Festivals "Vision du réel" in Nyon ab, zu dessen Anlass die Studie am Mittwoch vorgestellt wurde.

In diesem Punkt zeigt die Untersuchung einen Widerspruch im Verhalten auf: Über 80% der Befragten geben zwar den Dokfilm als Lieblings-Filmart an. Gleichzeitig geben sie aber zu, in erster Linie Fiction zu schauen. Wobei die Romands Unterhaltungs- und Abenteuer-Filmen den Vorzug geben.

Regionale Unterschiede

Als gute Nachricht für die Kinobranche kann der Umstand gelten, dass laut der Studie die Schweizer auch den Schweizer Film schätzen. Weniger gut ist, dass Westschweizer vom Schweizer Film signifikant weniger (49%) überzeugt sind als Deutschschweizer (72%).

Gar ein Viertel der Romands kreuzte dazu keine Meinung an. Mit anderen Worten: Sie interessieren sich wenig für den Schweizer Film oder kennen ihn nicht.

"Ich denke, dass die gleiche Umfrage, wäre sie vor einigen Jahren durchgeführt worden, weniger unterschiedliche Resultate erbracht hätte", vermutet Moeschler. Denn in den letzten Jahren ist es mit dem Erfolgsfilm "Achtung, Fertig, Charlie!" zu einem Neuaufbruch des Deutschschweizer Kinos gekommen.

Deutschschweizer Kinowunder

Nicolas Bideau nennt dies das "Deutschschweizer Kinowunder". "Vor sechs Jahren begannen sich die Deutschschweizer Cineasten die Frage nach dem Publikum zu stellen", sagt der Film-Sektionschef. "Sie haben mit viel Effekt – zu Beginn nicht unbedingt auch mit viel Qualität – Filme gemacht, welche die Leute ansprachen."

"Indem die Filmemacher das Publikum berücksichtigten und ein Unterhaltungs-Genre entwickelten, vermochten sie eine Vertrauensbindung zwischen den Produzenten und den Zuschauern herzustellen", sagt Bideau. Sie hätten deshalb den Freiraum gewonnen, nicht nur ausschliesslich publikumsgefällige Filme drehen zu müssen.

In letzter Zeit hätten nur einige wenige Filme wie "Mais im Bundeshaus" des Waadtländers Jean-Stéphane Bron und "Grounding" des Zürchers Michael Steiner ein starkes Publikum aus der Deutsch- UND Westschweiz anziehen können.

Südschweizer Wüste

Was die dritte Sprachregion der Schweiz, das Tessin, betrifft, so wurde sie in der vorliegenden Studie gar nicht erst berücksichtigt...

"Im Tessin ist noch nichts von einem Aufbruch des Schweizer Films festzustellen, so dass Vergleiche gar nicht möglich waren", sagt der Autor der Untersuchung. "Es ist unnötig, die Italienisch Sprechenden überhaupt zu fragen, ob sie den Schweizer Film lieben – sie kennen ihn gar nicht!"

Doch das Bundesamt für Kultur plant, eine Untersuchung zur Film-Situation im Tessin durchzuführen.

swissinfo, Alexandra Richard, Nyon
(Übertragung aus dem Französischen: Alexander Künzle)

In Kürze

2005 haben die Schweizer Kinos mehr als eine Million Eintritte verzeichnet.

90% der Eintritte bei Schweizer Filmen entfielen auf die Deutschschweiz.

Die Anzahl Zuschauer in den Schweizer Kinosäälen sank um 13%, doch bezieht sich diese Einbusse nicht auf die nationalen Filmproduktionen.

Mit mehr als einer halben Million Eintritten landete 2005 der Schweizer Film "Mein Name ist Eugen" von Michael Steiner auf Rang drei der Kino-Hitparade. Nur Harry Potter und Madagaskar lockten noch mehr Publikum in die Säle.

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Fakten

Die Umfrage zur Studie "Das Schweizer Filmpublikum" wurde im Januar 2006 von der Universität Lausanne durchgeführt.
Es wurden 1400 Personen befragt, 700 in der West- und 700 in der Deutschschweiz.
Eine weitere Untersuchung, unabhängig von der vorliegenden, soll bald in der italienischsprachigen Schweiz durchgeführt werden.
Der Fehlerquote beträgt 2,7%.

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