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Volksinitiative Ein "Indianer" als Glücksfall für die Schweizer Demokratie

Armin Capaul schaut in den Ordner

Wusste jeden Tag über den Stand der Unterschriftensammlung Bescheid: Armin Capaul mit seiner Buchhaltung.

(swissinfo.ch)

Nach dem Nein zu seiner Hornkuhinitiative in der Volksabstimmung Ende 2018 war es still um Armin Capaul. Jetzt meldet sich der Einzelkämpfer aus den Bergen des Jura zurück: Er liebäugelt mit dem Referendum gegen das neue Landwirtschaftspaket des Bundes, welches das Parlament voraussichtlich im Herbst berät. Dazu will Capaul seine Erfahrungen in die Waagschale werfen, die jetzt seinen Rucksack füllen.

Gäbe es einen Schweizer Rekord im Unterschriftensammeln für eine Volksinitiative, der Titelträger hiesse wohl Armin Capaul. Für seine Hornkuhinitiative hatte der Bergbauer eigenhändig 50'000 der nötigen 100'000 Unterschriften gesammelt. 

Andreas Gross, einer der profundesten Kenner der direkten Demokratie Schweiz, weiss von keiner Einzelperson, die Capauls Marke übertroffen hätte. "Bei unserer Volksinitiative zur Abschaffung der Armee (der GSoA-Initiative aus der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, die Red.) war die Höchstmarke einer Einzelperson 6000 Unterschriften", sagt Gross.

Zum Vergleich: Thomas Minder, der 2013 mit seiner "Abzockerinitiative" gegen exorbitante Managergehälter an der Urne Erfolg hatte, hatte selber nur rund 1000 Unterschriften für das Zustandekommen seines Begehrens gesammelt.

+ So geht eine Volksinitiative in der Schweiz

Capaul kennt jetzt den Part in der direkten Demokratie aus dem Effeff. "Es ist eine unheimlich grosse Lebenserfahrung, die dir niemand mehr nehmen kann", sagt er am Holztisch in seinem Stöckli, das die Capauls weitgehend selbst gebaut hatten.

Gestärkt zurück

Nach über einem Jahr Erholungspause ist Armin Capaul parat für die nächste Runde. Falls das Parlament keine Entschädigung für Bauern mit Hornkühen in das Paket des Bundes zur neuen Landwirtschaftspolitik aufnimmt, will er das Referendum ergreifen. 

In der Botschaft mit dem kryptischen Namen "AP22+"externer Link vermisst Capaul nämlich einen solchen Passus. Politiker in Bern hätten ihm einen solchen aber zugesichert. Der Start der Beratung im Parlament ist für kommenden Herbst vorgesehen.

+ So geht ein Referendum in der Schweiz

Für das Referendum, hinter der Volksinitiative das Volksrecht Nummer zwei in der Schweiz, braucht es 50'000 Unterschriften innert 100 Tagen. Dann kommt die Gesetzesvorlage vors Volk.

Stolperstein repräsentative Demokratie

Die Beratung im Parlament war auch der Ort, wo die Weichen zum Scheitern seiner Volksinitiative gestellt wurde. Nach einem Hickhack der beiden Kammern sprachen sich diese schlussendlich gegen einen Gegenvorschlag aus. Damit sackten Capauls Siegeschancen auf zehn Prozent ab, schickt doch das Schweizer Volk neun von zehn Volksinitiativen bachab.

"Der heutige Pächter von Johann Schneider Ammanns Bauernhof belässt den Kühen ihre Hörner – und das ganz bewusst." Armin Capaul

Ende des Zitats

Der Tiefpunkt kommt in der Debatte am Schweizer Fernsehen vor der Abstimmung. "Gleich bei meinem ersten Satz fiel mir Bundesrat Schneider Ammann ins Wort." Capaul, ein Verfechter des politischen Anstandes, war schlicht überrumpelt. Aber er hat sich am damaligen Agrarminister gerächt – indirekt. "Der heutige Pächter von Schneider Ammanns Bauernhof belässt den Kühen ihre Hörner – und das ganz bewusst", erzählt Capaul.

"Ich bin jetzt mit allen Wassern gewaschen, denn ich habe die Spielchen, Kniffe und Tricks der Politiker am eigenen Leib erfahren." Das Fazit des Armin Capaul tönt auch nach einer Warnung. Gerichtet an jene Politiker in Bern, die ihn in Runde 1 gepiesackt hatten.

Wer als einzelkämpferischer Aussenseiter und klarer Underdog in der Volksabstimmung über 45% der Stimmen erzielt, hat vieles richtig gemacht. Genau das macht den Rucksack mit Capauls gesammelten Erfahrungen so wertvoll. Beginnen wir mit dem 1. November 2014.

Armin Capaul schlüpft im Herbst wieder in die Rolle des Unterschriftensammlers.

(swissinfo.ch)

Der einsame Sammel-Wolf

Der Startschuss zur Unterschriftensammlung fällt an einem Samstag in Basel. Capaul erlebt seine Feuertaufe auf der Strasse. Seine Ausbeute am Ende des Tages: 15 Unterschriften. "Ich war glücklich, denn ich hatte eine innere Schallmauer durchbrochen, indem ich Menschen ansprach, die ich nicht kannte. Das hatte ich zuvor noch nie gemacht."

Gattin Claudia aber staucht ihn zusammen. "Sie sagte mir, dass ich nicht mehr nachhause zu kommen brauche, wenn ich am Tag nicht 100 Unterschriften gesammelt habe." Bis zu 20 Minuten spricht und diskutiert er mit einer Person. Derweil ziehen zig andere am ihm vorbei. 

Effizient ist er aber daheim in der Zentrale: Auf seinem Computer hat Capaul ein einfaches Kontrollsystem aufgesetzt, das er nun täglich mit den neuesten Zahlen füttert. So hat Capaul ab Tag eins stets den Durchblick betreffend Stand der Sammlung.

Flucht vom Schwingfest

Dumme Sprüche habe er sich nur wenige anhören müssen, sagt Capaul. Einmal jedoch droht eine Eskalation. Das ist im Sommer 2015 am Schwingfest auf dem Brünig. Eine Gruppe junger und alkoholisierter Männer macht den Unterschriftensammler zu ihrer Zielscheibe. 

Mit steigendem Alkoholpegel pushen sie ihre Aggressionen gegenseitig hoch. Plötzlich spürt Capaul, dass es Zeit für den Abgang ist. "Sie hätten mich sonst verprügelt."

(1)

Jetzt bringt Capaul die Effizienz auch auf der Strasse. Weniger ist mehr – weniger reden bringt mehr Unterschriften. Mit einem VW-Bus, in dem er übernachtet, reist er durch die Schweiz und sammelt und sammelt, unterstützt von einer Handvoll Idealisten. Nach einem Jahr weist seine Buchhaltung 62'100 Unterschriften aus.

Der Hochrisiko-Akt

Capaul spürt, dass er organisierte Hilfe braucht. Und die Uhr zeigt nur noch vier Monate bis zum Stichtag. Ab Oktober 2015 setzt er auf bezahlte Unterschriftensammler und -sammlerinnen. Pro Unterschrift bezahlt er einen Franken, so der Deal. 

Das Risikokapital beträgt 55'000 Franken – es ist das gemeinsame Pensionskassenguthaben der Capauls. "Ich hob das Geld von der Bank ab, ohne es meiner Frau zu sagen", räumt er immer noch etwas kleinlaut ein.

Der blöde Scherz, der Weihnachten vermieste

Doch vor Weihnachten 2015 kommt noch ein Schock: Ein Helfer meldet, dass die Behörden der Stadt Zürich 9000 Unterschriften für ungültig erklärt hätten. Angesichts einer solch riesigen Rate steigen in Capaul wieder Zweifel auf. Statt Festtagsfreude herrscht auf Valengiron gedrückte Stimmung. Was Capauls erst zwei Wochen später erfahren: Der Helfer hatte sich einen blöden Scherz erlaubt.

Sein Mut zum Risiko zahlt sich aus. Nach dem Jahreswechsel liefert die Post täglich Berge von Unterschriftenbogen. Dazu trägt auch eine zweite Änderung bei: Capaul drückt jenen, die unterschrieben, gleich noch einen leeren Unterschriftenbogen in die Hand. So macht er sie zu Helfenden, die in ihren Familien, bei Freunden und am Arbeitsplatz sammeln.

Auch das investierte Risikokapital spielt er wieder ein: Nach einem Auftritt am Schweizer Fernsehen setzt eine Welle von Spenden ein.

Der Künstler

"Jetzt waren es die Leute, die mir erklärten, weshalb wir den Kühen ihre Hörner lassen sollten." Armin Capaul

Ende des Zitats

Auf der Zielgeraden gelingt es Capaul, die Welt auf den Kopf zu stellen. "Wo ich nun auftauchte, kamen die Leute zu mir und sagten: 'Herr Capaul, endlich sind Sie auch bei uns!'" Und noch etwas hat gekehrt: "Jetzt waren es die Leute, die mir erklärten, weshalb wir den Kühen ihre Hörner lassen sollten." Fast süchtig sei er da gewesen nach dem Unterschriften sammeln, sagt Claudia Capaul.

Der Triumphlauf

Die letzten drei Monate geraten zur Ehrenrunde. Die kleine Maschine, die Capaul angeworfen und verfeinert hatte, ist zu einem Perpetuum Mobile geworden: Bis zu 2000 Unterschriften bringt der Postbote täglich. "Claudia und ich kriegten fast die Krise", sagt Capaul. Der Endspurt verlangt auch ihr alles ab, öffnet sie doch die Bündel mit den Kuverts. 

Besondere Mühe bereiten ihr jene Bogen, welche die Absender gefaltet und mit Klebestreifen verschlossen hatten. Claudia Capaul muss diese sorgfältig mit einer scharfen Klinge öffnen, ohne die Bogen zu beschädigen.

Im Ziel

Der Stichtag bringt Armin und Claudia Capaul und der kleinen Schar ihrer Helfer die Erlösung: Am 23. März 2016 reichen sie bei der Bundeskanzlei in Bern die Kuhhorninitiative ein – mit knapp 119'500 gültigen Unterschriften. 

Armin und Claudia Capaul in ihrem Haus

Claudia und Armin Capaul in ihrer Wohnstube. Im Herbst wird diese wieder zur Zentrale ihres Kleinstunternehmens für Unterschriftensammlung.

(swissinfo.ch)

Insgesamt haben fast 155'000 Schweizerinnen und Schweizer das Begehren unterschrieben. Noch lange nach Torschluss treffen bei ihnen Bogen ein. 50'000 Unterschriften stammen von Armin Capaul, 50'000 von bezahlten Helfenden, 50'000 von Privaten, denen Capaul Bogen verteilt hatte.

Unter den Helfenden ragten zwei heraus, die 20'000 resp. 16'000 Signaturen beisteuerten. Noch lange nach Ende der Sammelfrist treffen bei Capauls bündelweise Unterschriften ein. Sie waren entweder bei den Sammlern liegengeblieben oder auf den Gemeinden, welche die Unterschrift beglaubigen mussten.

Managerqualitäten

Machen wir die Bestandesaufnahme und wechseln dazu in den Business Jargon. Seine Volksinitiative ist jetzt ein direktdemokratisches Startup. Capaul hat eine Geschäftsidee – den Kühen mit den Hörnern ihre Würde zurückzugeben. 

Knowhow, das andere für zehn- oder hunderttausende Franken von Beratungs-Profis einkaufen, hat er sich selber erarbeitet. Das macht seine über 45% der Stimmen zu einem Grosserfolg.

Ende des Zitats

Sein Produkt: die Volksinitiative. Das Kundengeschäft erfordert fortlaufend Analysen, Risikoabwägungen und Strategieänderungen. Dabei hat er nur ein kleines Risikokapital. Laufend optimiert er das Aufwand-/Ertragsverhältnis; Fehler kann er sich keine erlauben. Und das ganze unter dem Zeitdruck: Die Deadline der Sammelfrist rückt unerbittlich näher.

Jetzt wechseln wir wieder zurück. Der, der diesen Parcours mit Bravour gemeistert hat, ist kein unternehmerischer Jungspund, der die Welt erobern will, sondern ein bedächtiger, Bergbauer gegen die 70. Seine Welt sind seine Kühe und die Natur. Und Jimi Hendrix, dessen elektrisierenden Gitarrenklänge bisweilen durch den Stall fetzt. 

Knowhow, das andere für zehn- oder hunderttausende Franken von Beratungs-Profis einkaufen, hat er sich selber erarbeitet. Das macht seine über 45% der Stimmen zu einem Grosserfolg.

Woher sein Gespür für den richtigen Entscheid zur richtigen Zeit stamme, frage ich am Schluss. "Von den Indianern", sagt Capaul. "Ihre Art, Probleme zu sehen und anzugehen, haben mich beeindruckt. Mit der Initiative habe ich auch versucht, etwas von ihrem Wissen in die Schweizer Demokratie einzubringen."

Das Wissen seiner Seelenverwandten warf Armin Capaul auch in die Waagschale, wenn ihm Passanten auf der Strasse sagten, Kühe würden mit ihrem Methanausstoss zum Klimawandel beitragen.

"Kühe, die Hörner haben und nur Gras auf der Weide und im Stall Heu fressen, schaden der Umwelt und dem Klima nicht. Im Gegenteil: Sie tragen mit ihrem Mist aus Gras und Heu zur Bildung von neuem Humus auf dieser Mutter Erde bei."

Erfolgreich Unterschriften sammeln mit Armin Capaul

● Absolute Überzeugung von der Sache.

●Authentischer, unverwechselbarer Auftritt. Aber keine Show.

● Strategische Auswahl der Sammelorte: Innenstädte, Märkte, Messen, Feste.

● Personen-Check: Auf jene fokussieren, die ihre Schritte verlangsamen.       Initialzündung: Blickkontakt.

● Eilige nicht beachten!

● Gespräch: Effizienz! Nur wenige, aber einleuchtende Erklärung.

● Nicht zu viel Zeit der Menschen beanspruchen.

● "Fans": als Helfer gewinnen (Unterschriftenbogen mitgeben).

● Kontrolle: Stand der Sammlung soll jederzeit bekannt.

● Rücklauf per Post: Die Verarbeitung ist ein Grossaufwand (Öffnung, Sortierung).

● Beglaubigung: Ebenfalls ein grosser Aufwand (Adressänderungen von Gemeindeverwaltungen nach Gemeindefusionen).

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