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Ein Gast, der die Gemüter erhitzt

Die Ernennung von Wolfgang Haas zum Weihbischof von Chur durch Papst Johannes Paul erzeugte in der Schweiz böses Blut.

(Keystone Archive)

Der Besuch von Papst Johannes Paul II in der Schweiz hat eine hitzige Debatte ausgelöst über die latenten Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten sowie Kirche und Staat.

Auch die Ernennung eines Schweizer Botschafters im Vatikan hat Unmut ausgelöst.

Der Bundesrat hat vor kurzem einen Botschafter für den Vatikan bestimmt und damit die bilateralen Beziehungen "normalisiert". Die Schweiz pflegt schon seit über 80 Jahren Beziehungen zum Heiligen Stuhl, beziehungsweise zum Vatikanstaat.

Aber erst jetzt hat die Schweiz mit dem neu ernannten Botschafter eine gleichwertige Vertretung wie der Vatikan mit seinem apostolischen Nuntius in Bern. Die Botschafter-Nominierung beendet eine lange Reihe von diplomatischen Schwierigkeiten, die 1987 begonnen hatten.

Der Fall Haas

Damals ernannte Papst Johannes Paul II Wolfgang Haas zum Weihbischof mit Nachfolgerecht, womit er sich über das Bischofswahlrecht des Churer Domkapitels hinweg setzte. Die Schweizer Bischöfe erklärten öffentlich ihr Misstrauen gegen den Schützling des Papstes in Chur. Jahrelang hatte der Pontifex Mitleid mit seinem Getreuen, bis er einwilligte, für Bischof Haas das Erzbistum Vaduz zu schaffen. Ein ungewöhnliches Vorkommnis.

Mit der Ernennung Haas' zum Weihbischof von Chur wurde in der Schweiz eine lange politische Tradition im Schweizer Katholizismus verletzt: der Schutz vor externen Einflüssen, der bis vor wenigen Jahren noch in der Bundesverfassung verankert war.

Die Proteste gegen den als erzreaktionär eingestuften Bischof Haas hatten einen grossen Teil der Schweizer Öffentlichkeit mit den gläubigen Katholiken vereint.

Irritierte Protestanten

Nach der bundesrätlichen Nominierung eines Botschafters im Vatikan äusserte die protestantische Kirche sofort ihren Ärger: Die Gleichbehandlung zwischen Katholiken und Protestanten sei nicht mehr gegeben.

"Der Bundesrat hätte uns konsultieren müssen", sagt Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Der Entscheid der Landesregierung sei nicht einfach eine rein formale Sache, "weil der Vatikan nicht nur ein Staat ist, sondern auch eine Kirche, welche die Tendenz hat, im Namen aller Christen zu sprechen", so Wipf.

Zudem sind unter Papst Johannes Paul II die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen schwieriger geworden, nachdem das Zweite Vatikanische Konzil in den frühen Sechzigerjahren eine Öffnung der katholischen Kirche in Richtung Ökumene beschlossen hatte. Die Ökumene funktioniere zwar auf lokaler Ebene, doch der Vatikan scheine alles zu tun, um davon Abstand zu nehmen, heisst es beim SEK.

Mit dem Dokument "Dominus Jesus" vom letzten Jahr hat der Vatikan die Unfehlbarkeit der katholischen Kirche erneut festgeschrieben und sich damit über die anderen Religionen gestellt.

Mit dem Erlass "Redemptionis Sacramentum" hat der Vatikan zudem den Ausschluss von Nicht-Katholiken von der Eucharistie zementiert. Deshalb haben die Protestanten die Einladung zur Messe abgelehnt, die der Papst in Bern halten wird.

Im Zusammenhang mit dem Papst-Besuch in der Schweiz tauchen also Jahrhunderte alte Spannungen auf, welche die Schweizer Geschichte und ihre Beziehungen zum päpstlichen Rom prägten.

Eine schwierige Beziehung

Der Protestantismus mit seinen demokratischen Strukturen hat die Geschichte der Schweiz eindrücklich geprägt. Von 1520 an – zuerst mit Zwingli in Zürich und später mit Calvin in Genf – hat über die Hälfte des Schweizer Territoriums der römischen Kirche den Rücken zugekehrt.

Periodisch kam es auch zu Religionskriegen. Die fünfte und letzte kriegerische Auseinandersetzung endete 1847 mit dem Sieg der Liberalen und ebnete den Weg zu einer neuen Bundesverfassung, welche die Schweiz noch heute definiert.

Der militante Katholizismus blieb bis zum Ende des 19. Jahrhunderts von der Bundespolitik ausgeschlossen. Erst 1898 begannen die Wunden zu heilen, als der erste Katholik in die Landesregierung, den Bundesrat, gewählt wurde.

Die Kirche in der demokratischen Schweiz

Trotz allen konfessionellen Differenzen gab es in der Schweiz seit jeher eine gewisse Durchlässigkeit zwischen den beiden Fronten.

Die Schweiz besitzt eine Tradition von lokaler Autonomie, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Der Protestantismus kennt keine kirchlichen Hierarchien. Die Gemeinden sind die organisatorische Basis , und die Pfarrer haben keine sakramentalen Funktionen.

Auch die Katholiken in der Schweiz geniessen Mitspracherechte im täglichen Leben ihrer Kirche, insbesondere im Vergleich zu ihren Glaubensgenossen in anderen Ländern.

In jedem Kanton existieren Versammlungen, welche die apostolische Aktion mit den Bischöfen koordinieren. Diese lange Tradition hat unter anderem zur Möglichkeit der Mitsprache bei Priesterwahlen oder der Domkapitel bei Bischofswahlen geführt.

Schweizer Katholizismus

In den Siebzigerjahren ist in der Schweiz als Folge des Konzils eine Bewegung entstanden, die versuchte, den Katholizismus zu modernisieren. Laien und Frauen sollten eine neue Rolle spielen.

Letztes Jahr verlangten die Pastoralräte zahlreicher Kantone mit lauter Stimme die Abschaffung des Zölibates sowie die Zulassung von Frauen als Priesterinnen – eine Forderung, die bei der katholischen Kirchenhierarchie Empörung auslöste.

Papst Johannes Paul II steht für die Protestanten, aber auch für viele Schweizer Katholiken, trotz seiner Popularität für eine in ihren alten Werten erstarrte, realitätsfremde Kirche. Die breite Diskussion im Zusammenhang mit dem Papst-Besuch in der Schweiz beweist das.

swissinfo, Daniele Papacella
(Übertragung aus dem Italienischen: Jean-Michel Berthoud)

Fakten

Konfessionen in der Schweiz:

42% Katholiken
35,2% Protestanten
4,3% Muslime
0,2% Juden
11,1% konfessionslos

Infobox Ende

In Kürze

Der Papst-Besuch (5. und 6. Juni) hat in der Schweiz heftige Diskussionen ausgelöst.

Die protestantische Kirche kritisiert die jüngst erfolgte Ernennung eines Schweizer Botschafters im Vatikan anstelle des bisherigen diplomatischen Sondergesandten.

Das sei eine Verletzung der Gleichberechtigung zwischen Katholiken und Protestanten, heisst es beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK).

In der Schweiz sind nicht nur Protestanten gegenüber dem Papst kritisch eingestellt, sondern auch zahlreiche Katholiken. Für sie repräsentiert Johannes Paul II trotz seiner Popularität eine Kirche, die in ihren alten Werten erstarrt und realitätsfremd ist.

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