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Ein neues Instrument für die Nationalbank?

Keystone / Anthony Anex

Die Europäische Zentralbank experimentiert seit einem Jahr mit einem neuen geldpolitischen Instrument. Sie stimuliert die Kreditvergabe der Banken mit Geldgeschenken. Das könnte auch etwas für die Schweizerische Nationalbank (SNB) sein. 

Dieser Inhalt wurde am 11. März 2021 - 14:00 publiziert
Fabio Canetg

Es ist der 12. März 2020, Europa befindet sich im ersten Lockdown. Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) Christine Lagarde hat soeben der Öffentlichkeit die neusten Massnahmen der Zentralbank erklärt und die Fragen der Medienschaffenden beantwortet. Kaum zur Sprache kam das neuste Instrument der EZB. 

Nur wenige Wochen zuvor war Corona noch kein Thema. Die Geschäfte liefen rund. Gleichwohl lagen die Zinsen in der Eurozone unter null. Darüber hinaus kaufte die EZB monatlich Staatsanleihen für mehrere Milliarden Euros. Das geldpolitische Gaspedal war schon voll durchgedrückt, bevor Covid-19 eine volkswirtschaftliche Vollbremsung verlangte. 

Das Zinsinstrument wirkt nicht mehr 

Für Lagarde war diese Ausgangslage der Super-GAU. Üblicherweise senkt die EZB in einer Krise nämlich die Zinsen. Bankkredite werden dadurch günstiger. Das erlaubt der Kindertagesstätte oder dem Hotelbetrieb, die marode Küche zu erneuern. Für die Schreinerin bedeutet das mehr Aufträge. Das hilft der Wirtschaft. 

Die Zinsen noch weiter zu senken, war 2020 aber keine Option. Irgendwann ist nämlich Schluss mit der stimulierenden Wirkung von Negativzinsen. Für die Banken lohnt es sich ab einem gewissen Schwellenwert schlicht nicht mehr, Kredite zu vergeben. 

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB). Keystone / Boris Roessler

Lagarde musste sich etwas Neues einfallen lassen, um die Wirtschaft zu stützen. Sie verliess sich dabei auf Firmen, die auch während des Lockdowns investieren wollten. "Wer einen Kredit will, soll auch einen bekommen", lautete die Losung der EZB. Um das sicherzustellen, setzte Lagarde auf ein neues geldpolitisches Instrument: den Doppelzins.  

So funktioniert der Doppelzins 

An der Medienkonferenz vom 12. März 2020 hat danach aber niemand gefragt. Zu unrecht. Der Doppelzins ist nämlich höchst wirkungsvoll. Im Grunde ist der Doppelzins eine Kreditsubvention: Die Banken werden dafür bezahlt, Geld auszuleihen.  

Wie funktioniert das in der Praxis? Genau wie die Kindertagesstätte oder der Hotelbetrieb können die Banken einen Kredit aufnehmen. Sie tun das bei der Zentralbank. Dafür zahlen sie einen Kreditzins. Dieser Zins heisst in Europa TLTRO-Kreditzins (die Abkürzung steht für "targeted longer-term refinancing operations"). 

Mit dem ausgeliehenen Geld können die Banken aber kaum etwas anfangen. Sie können es nämlich nicht an die Kita oder das Hotel weitergeben. Die Banken parkieren ihr Geld deshalb bei der Zentralbank. Auf diesem Geld zahlt die EZB den Banken den sogenannten Depositenzins.  

In einem Doppelzinsregime ist der Kreditzins tiefer als der Depositenzins. Ein Rechenbeispiel zeigt die Auswirkungen davon. 

Das passiert bei tiefen Kreditzinsen 

Stellen Sie sich vor, Sie könnten von Ihrer Bank einen Betrag von 10'000 Franken zu 1 Prozent ausleihen. Sie müssten der Bank also nur 100 Franken Kreditzinsen bezahlen. Gleichzeitig offeriert Ihnen die Bank einen Depositenzins von 2.5 Prozent auf Ihrem Bankguthaben. Wenn Sie die ausgeliehenen 10'000 Franken auf Ihrem Bankkonto liegen liessen, bekämen Sie dafür also eine Zinsgutschrift von 250 Franken.  

Sollten Sie das machen? Bestimmt! Mit einem solchen Geschäft würden Sie nämlich 150 Franken verdienen. Allerdings werden Sie keine Bank finden, die Ihnen ein solches Angebot macht. Der Grund: Für die Bank wäre das ein Verlustgeschäft. 

Das gilt auch für die EZB. Bis im Frühjahr 2020 waren die TLTRO-Kreditzins und die Depositenzinsen deshalb gleich hoch. Seither liegt der TLTRO-Kreditzins unter dem Depositenzins. Die Folge: Die Banken können sich günstig bei der EZB finanzieren und das geliehene Geld zu vergleichsweise hohen Zinsen bei der Zentralbank anlegen. Faktisch schenkt die EZB den Banken dadurch Geld. Das funktioniert auch, wenn die Zinsen negativ sind. 

Die EZB verschenkt Geld 

Das macht die EZB aber nicht zum Spass. Sie möchte damit ein Ziel erreichen. Geldgeschenke gibt es nur, wenn die Banken eine Bedingung erfüllen: Sie müssen genügend Kredite vergeben. 

Christine Lagarde hat den Doppelzins nach Europa gebracht und gezeigt: Geldgeschenken an Banken stimulieren die Kreditvergabe – und zwar auch dann, wenn die Zinsen bereits sehr niedrig sind. Auch die israelische Notenbank setzt auf das neue Instrument. 

Das sind gute Neuigkeiten für die Schweizerische Nationalbank. Sollte es in einer künftigen Krise zu einer Kreditverknappung kommen, könnte sie mit einem Doppelzins eine effektive Geldpolitik betreiben. Das sagt auch Daniel Kaufmann, Assistenzprofessor an der Universität Neuchâtel: "Zur Stimulierung der Kreditvergabe wäre ein Doppelzins eine interessante Option."  

Zurzeit gibt es in der Schweiz aber keine Kreditklemme. Das zeigt eine UmfrageExterner Link der Nationalbank vom November 2020. Im Fokus der Notenbank steht deshalb der Aussenwert des Frankens.  

Könnte die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit einem Doppelzins den Franken schwächen? "Es ist nicht klar, ob ein Doppelzins zu einer Auf- oder Abwertung des Frankens führen würde", meint Sarah Lein, Makroökonomie-Professorin an der Universität Basel. Ein tieferer Kreditzins würde zwar den Aufwertungsdruck auf den Franken reduzieren. "Allerdings hängt der Wechselkurs auch von den ausländischen Zinsen ab", so die SNB-Expertin. Trotzdem solle die Nationalbank genau beobachten, wie sich das neue Instrument bewähre. 

Spätestens wenn der Doppelzins in der Schweiz eingesetzt wird, drängt sich allerdings die heikle Frage auf: Sind Geldgeschenke der Zentralbanken nicht Helikoptergeld? Die Antwort: Doch.  

Autor Fabio CanetgExterner Link hat an der Universität Bern und an der Toulouse School of Economics zum Thema Geldpolitik doktoriert. Heute ist er Dozent an der Universität Neuenburg. Als freischaffender Journalist schreibt er für SWI swissinfo.ch und die Republik. Er moderiert den Geldpolitik-Podcast "GeldcastExterner Link".  

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