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Eine kleine Schweiz in alten Berliner Gemäuern



Elvira Prüwer und Silvana Rosenberg finden vor allem die Alphornbläser sehr gelungen.

Elvira Prüwer und Silvana Rosenberg finden vor allem die Alphornbläser sehr gelungen.

Vor einem Jahr hat der Schweizer Unternehmer Frank Sippel auf dem Gelände einer ehemaligen Malzfabrik in Berlin eine Schweizer Kolonie gegründet. Aus dem fast 100 Jahre alten Industriedenkmal entstand ein Kreativzentrum. Am 31. Juli wurde Geburtstag gefeiert.

Unzählige Fähnchen, Girlanden und Luftballons – alle mit weissen Kreuz auf roten Grund – zieren die alten Backsteinmauern der ehemaligen Malzfabrik in Berlin-Schöneberg. Am Tor zum Fabrikgelände empfängt den Gast ein grosses "Grüezi"-Schild.

Wie an einem Grenzposten stehen die Besucher am Pförtnerhäuschen an, um ein "Einreisevisum", die Eintrittskarte, zu erhalten und ihre Euros in so genannte Malzfranken umzutauschen. Bis 1996 verarbeitete die Berliner Traditionsbrauerei Schultheiss auf dem 50'000 m² grossen Gelände Gerste zu Malz, heute wird hier der "Schwiiztag 2010" gefeiert.

"Mir bringät äs Stückli Schwiiz uf Berlin", lautet das Motto der Veranstaltung. Bei den Klängen von Alphörnern und Jodlern, bei Rivella-Limonade und St. Gallener-Bratwurst sollen sich die Besucher einen Tag lang wie Schweizer fühlen. Oder zumindest wie in der Schweiz.

Sichtlich stolz geht der Schweizer Unternehmer Frank Sippel über die Feier. Er begrüsst Besucher, führt Grüppchen umher, zeigt und erzählt. "Malzbueb" steht vorn auf seinem T-Shirt. Sein Team besteht grösstenteils aus "Malzmeitli", sie sorgen dafür, dass alles klappt.

Schweiz-Kolonie trotz Bürokratie

Vor fünf Jahren kaufte die von Sippel gegründete Immobilien-Firma, die Real Future AG mit Sitz in Zürich, die Berliner Malzfabrik. Da das Gelände unter Denkmalschutz steht, liess sich das ursprünglich geplante Nutzungskonzept aber nicht umsetzen.

So kam Sippel auf die Idee, einmal etwas ganz anderes zu machen. "Die Idee war, mit meinen Leidenschaften zu arbeiten: Umwelt und Kunst", sagt Sippel.

Berlin als Standort passte Sippel gut ins Konzept. "Berlin ist eine faszinierende Stadt, die viel aus nichts macht“, sagt er. Bei der Umsetzung stiess er zunächst auf bürokratische Hürden.

"Die Deutschen sind die Weltmeister in Sachen Bürokratie. Jeder Schritt muss mit verschiedenen Ämtern abgestimmt werden. In der Schweiz hast Du einen Ansprechpartner für alles", sagt Sippel.

Vor einem Jahr konnte Sippel aber dann doch offiziell die Gründung einer Schweizer Kolonie auf dem Gelände der Malzfabrik ausrufen. Eine Schweizerfahne prangt nun hoch oben am Silo, direkt neben dem Markenzeichen von Schultheiss.

Eine Insel in Berlin

"Die Schweizer Botschaft war erst nicht so begeistert, aber inzwischen unterstützt sie das Projekt", sagt Sippel und betont, dass es ihm nicht um ein politisches Statement gehe. "Die Malzfabrik ist eine kreative Oase, eine Insel mitten in Berlin, wie die Schweiz eine Insel in Europa ist", sagt er.

So entstand mitten in einem Gewerbegebiet ein Kreativzentrum. Zu den Mietern, welche die nach und nach sanierten Fabrikgebäude inzwischen bezogen haben, zählen Goldschmiede, eine Textildesignerin, verschiedene Agenturen und eine Firma, die Schaufensterpuppen herstellt.

Allen Mietern gemein ist ein Bezug zur Kreativität und, dass sie die Idee der Malzfabrik unterstützen, indem sie sich zum Beispiel hohen Umweltstandards verpflichten.

Spielplätzli und Bergtüürli

Nach dem ersten Jahr seit offiziellem Start des Projekts ist Frank Sippel besonders stolz darauf, dass sein Konzept ankommt. "Man sieht, dass das Nutzungskonzept funktioniert. Wir werden nachgefragt, die Mieter sind zufrieden und Besucher kommen gern hierher", sagt er.

Am "Schwiiztag 2010", dem ersten Geburtstag der Kolonie, öffnen einige der Mieter ihre Türen, es gibt ein Spielplätzli, auf dem Kinder Türme aus Kühen bauen und Erwachsene "Naglä" spielen können.

Das "Bergtüürli" lädt die Besucher ein, die Räumlichkeiten der alten Mälzerei von innen zu erkunden, wobei auf die Wände projizierte Bergpanoramas für Alpen-Ambiente sorgen sollen.

Ein Ökostromanbieter informiert darüber, dass man in Berlin Elektrizität aus Schweizer Wasserkraft beziehen kann, und der Schweizer Autor Tim Krohn liest aus seinem neuem Buch. Es gibt eine Ausstellung Schweizer Künstler, Schoggi-Verkostungen und Fondue.

Heimatgefühle und Berliner Flair

"Das sind kleine Impressionen davon, was einen in der Schweiz erwarten könnte", sagt die Berlinerin Elvira Prüwer. Anders als die meisten Besucher war sie war noch nie in der Schweiz, möchte aber sehr gern einmal dorthin.

Für den "Schwiiztag" haben sich ihre Freundin und sie extra zurechtgemacht: Das Schweizerkreuz ziert T-Shirts, Taschen und Sonnenbrillen.

Bei einigen Schweizer Besuchern kommen am Schwiiztag auch tatsächlich Heimatgefühle auf. "Bei den Alphornbläsern natürlich. Und die Idee mit der Währung ist gut", sagt ein in Deutschland lebender Schweizer.

Alles in allem überwiegt nach Meinung der Gäste aber doch das Berliner Flair. "Ich fühle mich eigentlich nicht wie in der Schweiz", sagt eine der Schweiz verbundene Deutsche. "Dafür ist hier zu viel schlechte Berliner Luft. Aber es ist eine nette Atmosphäre. Es ist etwas Besonderes."

Lena Langbein, Berlin, swissinfo.ch

Malzfabrik

In einer Mälzerei wird aus Braugetreide, meist Gerste, Malz hergestellt. Vor allem Deutschland als Biernation ist für seine Mälzereien bekannt.

Die Malzfabrik in Berlin-Schöneberg wurde ab 1914 von der Schultheiss-Brauerei AG gebaut und blieb mit einer Pause während des zweiten Weltkrieges bis 1996 in Betrieb. Sie bestehen aus der Mälzerei, einem Malzsilo, einer Kellerei und mehreren anderen Nebengebäuden.

Im Jahr 2004 wurden die unter Denkmalschutz stehende Malzfabrik von der Schweizer Immobilienfirma Real Future AG übernommen. Seit 2008 werden die Fabrikgebäude nach und nach saniert. Die erste Bauphase wird im Oktober 2010 abgeschlossen sein, der Abschluss der Sanierungsarbeiten ist für 2011 geplant.

Die vom Geschäftsführer der Real Future AG gegründete IGG Malzfabrik mbH betreibt das Fabrikgelände seit 2009 als Kreativzentrum. Die sanierten Räume werden an Kunstschaffende, Handwerksbetriebe oder Agenturen vermietet. Auch für Veranstaltungen, Dreharbeiten oder Fotoshootings kann man die Räumlichkeiten anmieten.

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