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Eine Legende Le Corbusier, dieser mysteriöse Koloss



Corbusiers Bauten waren im Ausland kolossaler als in der Schweiz.

Corbusiers Bauten waren im Ausland kolossaler als in der Schweiz.

(AFP)

Ein Porträt zum 125. Geburtsjahr von Le Corbusier – durch Stimmen von Schweizer Künstlern und Schriftstellern, die seine Figur in ihren Werken verarbeitet haben. Oder die ganz einfach in derselben Stadt wie er, in La Chaux-de-Fonds, geboren worden sind.

Ob sie Nicolas Verdan, Jean Winiger oder Plonk&Replonk heissen, sie zeigen sich manchmal bewundernd, manchmal respektlos.

Nehmen Sie zum Beispiel Plonk&Replonk, alias Gebrüder Froidevaux, Zeichner und Kunstmaler, furchterregende Humoristen aus La Chaux-de-Fonds.

Frage an die beiden Künstler: "Wie würden Sie sich das Gesicht Corbusiers vorstellen, wenn Sie es zeichnen müssten?" Einer von ihnen antwortet: "Ein Würfel aus Beton mit einer eingebauten Brille."

"Ehrerbietung für 5 x 2 Franken"

Schwierig, um die Brille herumzukommen, ein Klischee zwar, das aber unverkennbar die Identität Corbusiers ausmacht. Auf der 10-Franken-Banknote sieht man nur sie, die Brille. Geprägt mit dem Bildnis des Architekten ehrt die Schweizerische Nationalbank den Sohn des Landes.

"Eine wunderbare Ehrerbietung für 5 x 2 Franken", sagt Plonk ironisch, der weiss, dass die Schweiz lange gebraucht hat, bis sie das Genie des grössten helvetischen Künstlers des 20. Jahrhunderts anerkannt hat.

"Das ist hier üblich", betont Replonk. "Die Schweiz anerkennt ihre Künstler erst dann, wenn diese vorher im Ausland berühmt geworden sind."

Ähnlich tönt es bei Nicolas Verdan. Der Schriftsteller aus Vevey, Autor des Romans "Saga, Le Corbusier", erklärt: "Die Schweiz ist lange auf Distanz zu ihrem berühmten Architekten gegangen, und der hat es seinem Land heimbezahlt. Das sieht man in seinen Memoiren und seinen Privatnotizen."

"Im Munde Le Corbusiers ist das Wort 'Schweiz' zum Beispiel oft verziert mit Kritik oder mit desillusionierten Erwägungen. Sein Heimatland ist für ihn Synonym für Misserfolg. Und seine Frustrationen verstärken sich, als man ihm das Bauprojekt des Palais des Nations in Genf verweigert."

Dennoch lässt Le Corbusier die Schweiz nicht fallen. Seine Verbundenheit mit diesem Land erfolgt nicht unbedingt über seine Realisationen, die im Ausland kolossaler (die Stadt Chandigarh in Indien), im Inland indessen weniger grandios sind (der Wohnblock Clarté in Genf, la Maison Blanche in La Chaux-de-Fonds).

Seine Mutter, eine andere Heimat

Der Grund der Verbundenheit zur Schweiz ist seine Mutter, eine andere Heimat. Le Corbusier besucht sie regelmässig, "getrieben von einem unstillbaren Bedürfnis, ihr zu zeigen, dass er der Beste ist, jedenfalls der Aufträge würdig, die man ihm weltweit gegeben hat", sagt Nicolas Verdan.

Als er seinen Roman schrieb, traf Verdan den Briefträger, welcher der Mutter Le Corbusiers die Briefe ihres Sohns auslieferte. Der Briefträger habe ihm gesagt, er finde die Familie sehr merkwürdig.

"Es stimmt, dass Le Corbusier ein mysteriöser Mensch war", erklärt Verdan. "Seine internationale Reputation hat diese geschickt gepflegte Rätselhaftigkeit mitnichten aufgeklärt. Es gab zum Beispiel immer eine Unklarheit über seine Identität. Viele Leute denken heute, dass Le Corbusier Franzose war."

Auch wenn man ihn als Inder bezeichnen würde, es würde ihm egal sein! Le Corbusier besitzt alle Pässe: Er beherrscht die ganze Welt. "Er dominiert von oben her", präzisiert Verdan. "Er ist ein Mann, der sehr viel mit dem Flugzeug reist. Aus der Luft zeichnet er Skizzen von Flüssen. Er ist über dem Getümmel. Dieser Mann, selbsttrunken, ist sich der Grösse seines Talentes bewusst."

Lateinamerika, Asien, Naher Osten…

Lateinamerika, Asien, Naher Osten, Nordafrika… man will überall etwas von Le Corbusier. In Indien baut er eine ganze Stadt, Chandigarh. In Brasilien ist sein Einfluss auf die Architekten, die in den 1950er-Jahren Rio de Janeiro gebaut haben, massgebend. In Algier unternimmt er alles, dass sein Projekt der Casbah (Altstadt) durchkommt. Die französischen Kolonialbehörden sind dagegen: Sie erachten das Projekt des Schweizers als Gefahr für die koloniale Architektur.

Aber Le Corbusier ist nicht ein Mann, der sich kleinkriegen lässt. Er hat andere Werke im Kopf. Auf seine Art ist er ein Koloss. Deshalb gibt es eine gewisse Schwierigkeit, in seine Haut zu schlüpfen. "Er lässt sich nicht leicht gewinnen", betont der Freiburger Schauspieler Jean Winiger, der 2004 auf der Bühne die Rolle von Le Corbusier übernimmt.

"Zu Beginn empfindet man eine kalte, ja eisige Autorität. Aber je mehr man sich in die Person hineinfühlt, desto mehr wird man sich bewusst, dass bei ihm eine brüderliche Aufmerksamkeit gegenüber anderen vorhanden ist und der Wunsch, der Gesellschaft eine schöne und gerechte Zukunft weiterzugeben."

"Mit seinen Häuserblöcken – am symbolischsten dafür war die Cité radieuse in Marseille – hat er den Individualismus beeinträchtigt. Die Häuserblöcke, in denen es Wohnungen und Geschäfte gibt, begünstigen die Annäherung zwischen verschiedenen sozialen Schichten und Sektoren der Wirtschaft. In diesem Sinn war Le Corbusier der Erfinder eines friedlichen Zusammenlebens und der Gestalter eines gewissen demokratischen Ideals", sagt Jean Winiger.

Le Corbusier

Charles-Edouard Jeanneret, genannt Le Corbusier (Pseudonym, das er 1920 in Paris annahm), ist am 6. Oktober 1887 in La Chaux-de-Fonds, Kanton Neuenburg geboren. Nach einer Ausbildung als Radierer und Steinbildhauer an der Kunstschule der Stadt sattelt er auf Architektur um.

1912 baut er in La Chaux-de-Fonds sein erstes Haus. 1917 lässt er sich in Paris nieder, wo er ein Architekturbüro eröffnet.

1919 gründet er die Zeitschrift L'Esprit Nouveau. Ab 1920 steht der "Purismus" (nach dem "Kubismus), eine neue Kunst, im Mittelpunkt seiner Arbeit.

Von 1929 an richtet er seine Arbeit auf die Probleme der städtebaulichen Verdichtung.

1965 stirbt Le Corbusier in Roquebrune-Cap-Martin, an der Côte d'Azur, wo er sich ein Ferienhaus gebaut hatte.

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Einige Werke

1930-1932: Pavillon Suisse der Cité Universitaire in Paris.

1946-1952: Cité radieuse in Marseille.

1950: Wiederaufbau der Chapelle Notre-Dame du Haut in Ronchamp.

1950er-Jahre: Entwurf von Chandigarh, neue Hauptstadt des indischen Bundesstaates Punjab.

1960: Einrichtung der Strandpromenade in Algier.

Le Corbusiers Werk figuriert nicht imUnesco-Welterbe: 2011 lehnte die UNO-Organisation zum zweiten Mal eine Aufnahme auf die Liste ab. Für 2014 ist ein neuer Aufnahmeversuch vorgesehen.

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(Übertragung aus dem Französischen: Jean-Michel Berthoud), swissinfo.ch


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