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Eine Leseratte im Land der Triaden

Madeline Progin konnte sich ihren Traum erfüllen.

(swissinfo.ch)

Die Neuenburgerin Madeline Progin lebt seit 25 Jahren in Hongkong. Sie führt dort die einzige französischsprachige Buchhandlung Chinas.

Für ihr Engagement für die französische Literatur und Kultur hat Frankreich sie vor kurzem zum Ritter des Ordens für Kunst und Literatur geschlagen.

Sich in Hongkong für das Lesen stark zu machen, ist irgendwie paradox. Das Leben in dieser Stadt ist hektisch und dreht sich nur ums Business. Es bleibt wenig unproduktive Zeit zum Lesen.

"Die Leute arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit", erklärt Madeline Pogin. "Sie kennen praktisch keine freien Wochenenden, und wenn die Geschäftsleute etwas Freizeit haben, machen sie Sport. Gelesen wird nur sehr selten."

Trotzdem hat die Neuenburgerin beschlossen, sich in diesem "feindlichen" Umfeld einen alten Traum zu erfüllen und ihr Leben den Büchern zu widmen.

Progin liest, seit sie ein kleines Kind ist. Aber im Unterschied zu Obelix kann sie es nicht mehr bleiben lassen, niemand kann sie von diesem Vergnügen abhalten.

"Seit fünfzehn Jahren erfreue ich mich der Parenthèse. Ich habe meine persönliche Bibliothek in Griffnähe, und jede Woche, wenn die neuen Bücher von Frankreich ankommen, ist es, als ob ich Geschenke auspacke."

Von der Biologie zu den Büchern

Das Mädchen wuchs in Lignières (im Kanton Neuenburg) auf. Ihr Vater, ein Bauer, liest vom Himmel ab, was bevorsteht. Es ist eine ihrer Tanten, die in Madeline die Liebe zum geschriebenen Wort weckt.

Später studiert sie Biologie. Das unterrichtet sie ein Jahr lang am französischen Gymnasium in Hongkong, anschliessend hilft sie ihrem Mann bei der Vermarktung von Werkzeugmaschinen "made in Switzerland".

Doch schon bald fehlt ihr etwas. Es genügt ihr nicht mehr, von ihren Reisen nach Europa mit Koffern voller Bücher zurückzukehren, um ihren Durst nach französischsprachiger Literatur zu stillen.

1989 sucht ein kleiner Laden, der so ziemlich alles verkauft, einen neuen Inhaber. Sie kauft dessen Bücher, stockt diese auf, um daraus eine würdige Buchhandlung zu machen, und kontaktiert Verlagshäuser in Paris, welche sich für die Auslandmärkte zusammengetan haben.

Noch heute ist es aus geschäftlichen Gründen nötig, alle Bücher, CDs, DVDs und Zeitungen, welche in die Regale der Parenthèse finden, aus Paris zu beziehen. Auch Schweizer Werke.

"Die zeitgenössischen Schweizer Autorinnen und Autoren sind hier nicht bekannt", hält Progin dazu fest. "Die Leute sind nicht sehr wissbegierig. Aber wir wollen dieses Jahr, zusammen mit dem Konsulat, einige Westschweizer Verlagshäuser vorstellen."

Gemischte Kundschaft

Die Kundschaft der Buchhandlung – 100 m2 im zweiten Stock eines Gebäudes im Geschäftszentrum – ist vielseitig. 40% der Bücher gehen an Chinesen, die Französisch lernen (Sprachmethoden, DVD).

Die übrige Kundschaft setzt sich aus den (6'000 gemeldeten) Exilfranzosen, Romands (nur 150), Belgiern, Leuten aus Quebec sowie französischsprachiger Kundschaft auf der Durchreise zusammen.

Die Paranthèse bleibt wohl noch für einige Zeit die einzige frankophone Buchhandlung in China, im gesamten südostasiatischen Raum gibt es sonst nur noch zwei oder drei.

Und es kommt nicht selten vor, dass Menschen, die sie kennen und lieben, extra einen Abstecher nach Hongkong machen.

Mit den Jahren wurde die Paranthèse gar zu einem Treffpunkt für die französischsprachige Bevölkerung Hongkongs. Denn die exorbitanten Mieten in dieser Stadt halten davon ab, in der früheren englischen Kolonie ein wirkliches Begegnungszentrum einzurichten.

Blick auf die Schweiz

In der Buchhandlung, wo ein Buch bereits ein Bestseller ist, wenn es zehn Mal verkauft wird, verkörpern Progin und ihre drei Kolleginnen das ultimative Verkaufsargument.

Denn sie können etwas anbieten, was bei Fnac.com, Amazon.com und anderen fehlt: Persönliche Beratung.

"Aber", meint Progin, die heute in den Fünfzigern ist, "Hongkong ist eine Stadt für Hyperaktive. In zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren bin ich nicht mehr da."

"Ich werde irgendwo zwischen der Schweiz und dem Rest der Welt sein. Aber wahrscheinlich mit einer Basis in der Schweiz."

swissinfo, Pierre-François Besson

Fakten

600'000 Schweizerinnen und Schweizer leben im Ausland, sie bilden die so genannte "Fünfte Schweiz".
Seit 1990 hat die Zahl der "Expats" um 150'000 zugenommen.
Im Januar 2004 lebten 1250 Schweizer Staatsangehörige in Hongkong und Macau.

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In Kürze

Madeline Progin und ihr Mann lassen sich 1979 in Hongkong nieder. Zehn Jahre später übernimmt sie den Buchbestand eines Ladens, baut ihn aus und macht daraus die für einige Zeit einzige rein frankophone Buchhandlung im Fernen Osten.

Heute hat die "Parenthèse" ein paar kleinere Schwestern in Taiwan, Thailand und Kuala Lumpur. Ferner besteht ein Projekt in Peking. Zur Zeit aber ist sie noch immer die einzige Buchhandlung dieser Art in der ganzen chinesischen Zone.

Madeline Progin wird in ihrer Buchhandlung von zwei weiteren Schweizerinnen, einer Französin und einer Chinesin unterstützt. Sie erhielt am 21. März in Paris den Orden des Chevalier de l’ordre des Arts et Lettres (Ritter der Kunst und Literatur).

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