Eine neue Idee zur Pandemiebekämpfung

Dieser Inhalt wurde am 06. Juli 2020 - 14:00 publiziert
Rudolph Thomson, Berater für Risikomanagement

Die Schweiz sollte eine neue Art der wissenschaftlich-militärischen Zusammenarbeit schaffen, um Herausforderungen wie die aktuelle im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu bewältigen. Der in der Schweiz lebende Risikomanager Rudolph Thomson schlägt dazu ein Schweizerisches Korps für Wissenschaft und Medizin vor.

Die Reaktion vieler Länder auf die Covid-19-Pandemie war durch den Ruf nach einem "Kriegsmodus" gekennzeichnet – und das zu Recht, denn dies ist Krieg, auch wenn der Feind unbewaffnet und unsichtbar ist. Es liegt daher an uns, unsere Herangehensweise an bewaffnete Konflikte zu erweitern und mit wissenschaftlichen und medizinischen Fähigkeiten sowie Ressourcen zu ergänzen, um unbewaffnete Konflikte auszutragen.

In einer ausserordentlichen Aktion hat die Schweizer Regierung am 16. März bis zu 8000 Soldaten aufgeboten, um im Kampf gegen das Coronavirus zu helfen. Es war der erste Einsatz der Schweizer Armee seit dem Zweiten Weltkrieg.

In den Berichten über den Einsatz ging es weder um Strategie und Taktik auf dem Schlachtfeld noch um militärische Ausrüstung oder Munition. Stattdessen drehte sich alles um Intensivstationen, Krankenhausbetten, medizinische Ausrüstung und Zubehör – sowie Equipment wie Masken, Handschuhe und Desinfektionsgel für das Gesundheitspersonal und die übrigen von uns. Das ist der Punkt: Dies sind einige der Mittel, die zur Bekämpfung eines unbewaffneten Konflikts wie Covid-19 erforderlich sind.

Hätte das Schweizerische Epidemiengesetz eine Kooperation zwischen Militär und der öffentlichen Gesundheit klarer definiert und hätten wir in die erforderliche Infrastruktur investiert, wäre die Reaktion auf Covid-19 effizienter und kostengünstiger gewesen. Die grossflächige Abriegelung und Stilllegung des Landes und der Wirtschaft wären möglicherweise vermeidbar gewesen.

Schweizerisches Wissenschaftliches und Medizinisches Korps

Ich unterstütze das Fortbestehen der Schweizer Armee und ihre Wehrpflicht im Verteidigungsfall ausdrücklich. Ich schlage nicht vor, die Funktionen der Armee zu beschneiden. Aber wir könnten und sollten ernsthaft erwägen, die Zusammensetzung der Armee so zu gestalten, dass sie ein Korps von wissenschaftlichem und medizinischem Personal umfasst, das zahlreiche Arten von Fachwissen und Disziplinen abdeckt.

Bei einer solchen Regelung würden die Schweizer Armee und das Bundesamt für Gesundheit gemeinsam als zuständige Behörde fungieren, wobei sich erstere auf Sicherheit und Logistik und letztere auf Erkennung, Eindämmung und Beseitigung der Krankheit konzentrieren würde.

Das Vorhaben würde aus den Budgets der Armee und des Bundesamts für Gesundheit finanziert. Privatunternehmen, die ein starkes Interesse an der öffentlichen Gesundheit haben, würden sowohl finanzielle als auch personelle Ressourcen beisteuern.

Ein neues Schweizerisches Wissenschafts- und Medizinkorps (Swiss Sci-Med-Corps) könnte bis zu 20'000 "medizinische Mitarbeitende" umfassen, darunter Wissenschaftler, Epidemiologen, Immunologinnen, Virologen, Kardiologinnen, Radiologen, Krankheitsforschende, Krankenschwestern, Medizintechniker und andere Fachleute. Das Personal würde aus Fachschulen und Universitäten rekrutiert (und auch eingezogen) und in allen Kantonen stationiert werden.

Das Schweizerische Sci-Med-Korps würde als öffentlich-private Partnerschaft mit schweizerischen wissenschaftlichen und medizinischen Forschungslabors, Universitäten und medizinischen Schulen strukturiert werden. Assoziierungen und Zusammenarbeit mit Behörden wie der Weltgesundheitsorganisation und diversen Zentren für Krankheitsbekämpfung würden je nach Bedarf von den politischen, militärischen und medizinischen Behörden eingegangen.

Eine neue Art der Invasion

Abgesehen von irregeleiteten Angriffen beider Seiten während des Zweiten Weltkriegs ist es rund 170 Jahre her, dass wir in der Schweiz Todesopfer aus einem bewaffneten Konflikt zu beklagen hatten – nämlich im Sonderbundskrieg, der weniger als 100 Menschenleben forderte. Später kostete ein anderer unbewaffneter Konflikt, die Spanische Grippe, unser Land 1918 mehr als 25'000 Menschenleben.

Der Ruf der Schweiz als eines der wohlhabendsten und gesündesten Länder der Welt und als zweitplatzierter Staat bei den Gesundheitsausgaben hat die Invasion des Coronavirus nicht verhindert. Vielmehr wurden auch wir zu wirtschaftlichen und finanziellen Unterstützungsmassnahmen gezwungen, die mehr als 9% des BIP ausmachen.

Ungeachtet der tapferen Reaktion der Schweizer Behörden werden die Gesamtkosten das Land über Jahre hinweg schwer belasten. Die sozialen Kosten in Form von Stress, Depressionen und anderen psychischen Gesundheitsproblemen werden tiefgreifend sein und durch die anhaltende Furcht verschlimmert, dass neue Ausbrüche verheerende Folgen haben könnten.

Ein Dienst für die Welt

Ein kompetentes, gut organisiertes Schweizer Sci-Med-Korps hätte das Potenzial, zu einem neuen Pfeiler der Schweizer Wirtschaft zu werden. Indem es sein Fachwissen und seine Kapazitäten – wenn sie im Inland nicht benötigt werden – multilateralen Organisationen, Ländern oder Regionen zur Verfügung stellt.

Dieses Bestreben würde auf dem Ruf der Schweiz für Qualität, Zuverlässigkeit und Effizienz aufbauen und diesen ausbauen. So könnten epidemiologische und andere umfangreiche medizinische Dienstleistungen einen wichtigen Beitrag zum BIP der Schweiz leisten. Das Korps würde zu einem wichtigen Pfeiler der Schweizer Wirtschaft werden, wie etwa Tourismus, Gastgewerbe, Uhrmacherei, Schokolade oder Präzisionswerkzeuge und -geräte.

Jetzt ist es an der Zeit, auf dem reichen Erbe und den friedlichen Institutionen aufzubauen, welche die Schweiz definieren. Ein Schweizer Sci-Med-Korps würde sich auf das stolze Vermächtnis des Roten Kreuzes von Henri Dunant, Henri Dufour und ihren bedeutenden Mitbegründern berufen.

Es würde auch das Vermächtnis und die Wirksamkeit von Dufours "sanfter" Kriegsführung im Sonderbundskrieg ehren und fördern: Dies inspirierte unsere Verfassung von 1848, die aufzeigte, wie der kollektive Geist unserer Kantone eine Schweiz bilden konnte, die "eine für alle, alle für eine" ist. Können wir diesen Geist erneuern und ihn mit dem Rest der Welt teilen?

Der Autor

Der in der Schweiz lebende Rudolph Thomson ist Gründer und Geschäftsführer von "VaudRisk", einem Beratungsunternehmen für Risikomanagement mit den Schwerpunkten Frühwarnung und Problemerkennung, Restrukturierung und Sanierungsmanagement. Er lebt und arbeitet im Kanton Waadt, Schweiz.

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(Übertragung aus dem Englischen: Giannis Mavris)

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