Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Er kämpft für Versöhnung und liebt den Bobsport

Jakob Finci, der künftige bosnisch-herzegowinische Botschafter in der Schweiz.

Während des Bosnien-Krieges organisierte Jakob Finci humanitäre Hilfe für das belagerte Sarajewo. Seitdem die Waffen schweigen, setzt er sich für Versöhnung ein. Nun wird einer der angesehensten Bürger Bosnien und Herzegowinas neuer Botschafter in der Schweiz.

Auch wenn Jakob Finci nie zum Diplomaten ausgebildet wurde - schon während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 war er als "Botschafter" seines Landes in aller Welt unterwegs.

Er versuchte zu erklären, was im ehemaligen Jugoslawien passierte, um vor allem auf das Leiden der Zivilbevölkerung aufmerksam zu machen.

Als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft von Bosnien und Herzegowina - und damit als eine Person, die keiner der drei in den Konflikt verstrickten Volksgruppen der Bosniaken, bosnischen Serben oder Kroaten angehörte - konnte er dies tun, ohne sich dem Vorwurf der Parteilichkeit auszusetzen.

Ungestörte Hilfe

Die jüdische Hilfsorganisation La Benevolencija, deren Präsident der 65-Jährige bis heute ist, brachte während des Kriegs jeden Monat zwei Lastwagen von der kroatischen Küstenstadt Split ins belagerte Sarajewo - einen mit Lebensmitteln und einen mit Medikamenten.

"Wir mussten auf diesen 300 Kilometern bis zu 36 Checkpoints der verschiedenen Kriegsparteien passieren - zum Glück immer problemlos", erinnert sich Finci. "Wir halfen allen in der Stadt so gut es ging, unabhängig von ihrer Nationalität oder Religion."

So versorgte La Benevolencija als einzige vom UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR anerkannte lokale Partnerorganisation monatlich 1000 Leute mit Lebensmitteln und bis zu 100'000 mit Medikamenten.

Zudem evakuierte die jüdische Hilfsorganisation 2500 Menschen aller Volksgruppen aus dem belagerten Sarajewo. Unter ihnen auch 50 ältere Jüdinnen und Juden, die in jüdischen Altersheimen in der Schweiz Aufnahme fanden.

"Kein Religionskrieg"

"Der Krieg in meinem Land war kein Religionskrieg", unterstreicht Finci. "Aber die Religion wurde missbraucht, Verbrechen wurden in ihrem Namen verübt."

Als die Waffen endlich schwiegen, initiierte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinschaft deshalb die Gründung des sogenannten Inter-religiösen Rates von Bosnien und Herzegowina, "um gemeinsam den Namen der Religion zu reinigen".

Für die Idee des Dialogs der Religionen konnte er den katholischen Kardinal, den serbisch-orthodoxen Metropoliten und den muslimischen Grossmufti von Bosnien und Herzegowina gewinnen.

Im Frühling 1996 setzten sich alle vier erstmals seit Kriegsausbruch wieder gemeinsam an einen Tisch und treffen sich bis heute regelmässig.

Auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene beschritt Jakob Finci stets Wege des Dialogs. Angeregt durch die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika arbeitete er als Präsident der "Bürgervereinigung Wahrheit und Versöhnung" Vorschläge aus, um etwas Ähnliches auch in seiner Heimat zu realisieren.

"Es wurde mir bewusst, wie wichtig es für viele Leute ist, dass sie ihre leidvollen Erfahrungen aus dem Krieg jemandem erzählen können, dass ihnen jemand zuhört." Die Politik allerdings hat Fincis von einer breiten Basis unterstützte Vorschläge bis jetzt noch nicht umgesetzt.

Bobsport-Importeur

Doch schon lange vor dem Krieg war Jakob Finci im öffentlichen Leben Bosnien und Herzegowinas aktiv.

So war der Anwalt beispielsweise von 1983 bis 1990 Direktor der für die Olympischen Winterspiele 1984 erstellten Bobbahn von Sarajewo - von der heute nur noch Trümmer geblieben sind.

"Ich wollte unbedingt bei Olympia 84 mithelfen. Doch ich fuhr nie in meinem Leben Ski. So wählte ich eben einen Sport, der bislang bei uns nicht existiert hatte - Bobfahren!", lacht Finci.

Danach hatte er so viel Spass am Bobsport gewonnen, dass er sich zum internationalen Wettkampfrichter ausbilden liess. Als Botschafter in der Schweiz hofft er nun, "das eine oder andere Rennen in St. Moritz geniessen zu können".

"Perfekt organisiert"

Als Diplomat will Finci, der nebst Englisch auch fliessend Französisch und Italienisch spricht, die "sehr guten Beziehungen" zwischen der Schweiz und Bosnien und Herzegowina weiter stärken: "Die Schweiz ist ein absolut perfekt organisiertes Land - da können wir viel lernen".

Vor allem in der Landwirtschaft sieht Finci eine realistische Chance für seinen Staat: "Mit Beratung durch Schweizer Experten haben wir das Potenzial, bei uns gesunde Lebensmittel zu produzieren und diese auch exportieren zu können."

Der diplomatische Quereinsteiger ist sich bewusst, dass der Bosnien-Krieg und dessen Folgen ihn als Botschafter in der Schweiz ständig begleiten werden.

"Ja, wir sind ein Nachkriegsland, aber ich will versuchen, Bosnien und Herzegowina in den richtigen Farben zu malen", sagt Finci nachdenklich.

"Denn wir sind zusätzlich noch immer ein Transitionsland. Als der Rest von Osteuropa mit dem Übergang in die freie Marktwirtschaft begann, ging bei uns der Krieg los. Uns fiel sozusagen die Berliner Mauer auf unsere Köpfe."

swissinfo, Norbert Rütsche, Sarajewo

Schweiz – Bosnien und Herzegowina

Mit einer Fläche von 51'209 Quadratkilometern ist Bosnien und Herzegowina um etwa einen Viertel grösser als die Schweiz.

Im Balkanstaat leben geschätzte 4 bis 4,5 Millionen Menschen. Davon definieren sich rund 48% als Bosniaken (vor allem Muslime), zirka 35% als Serben (vor allem orthodoxe Christen) und ungefähr 15% als Kroaten (vor allem Katholiken).

1992 erklärte sich die damalige jugoslawische Republik nach einer Volksabstimmung für unabhängig. 1993 eröffnete Bosnien und Herzegowina seine Botschaft in Bern.

Die Eidgenossenschaft ist seit Kriegsende 1995 mit einer Botschaft in Sarajewo vertreten.

Im August 2008 lebten 38'260 Bürger Bosnien und Herzegowinas als Ausländer in der Schweiz, seit 2003 nimmt deren Zahl kontinuierlich ab.

Von 1995 bis Ende 2007 wurden 18'635 bosnisch-herzegowinische Staatsangehörige in der Schweiz eingebürgert.

Umgekehrt umfasst die Schweizerkolonie in Bosnien und Herzegowina derzeit 234 Personen. 133 von ihnen sind schweizerisch-bosnisch-herzegowinische Doppelbürger.

Infobox Ende

Juden in Bosnien und Herzegowina

Heute leben rund 1000 Juden in Bosnien und Herzegowina, etwa 900 Sephardi und 100 Aschkenazi.

Die grösste Gemeinde ist jene von Sarajewo mit zirka 700 Mitgliedern.

Viele Gemeindemitglieder hatten das Land nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens und während des Bosnien-Krieges verlassen, nur wenige kamen zurück.

Vor dem Zweiten Weltkrieg wohnten rund 14'000 Juden in Bosnien und Herzegowina. Etwa 20 bis 25% überlebten den Holocaust.

Die jüdische Gemeinschaft pflegt traditionell gute Beziehungen zu allen Volksgruppen des Landes.

Nach Angaben von Jakob Finci gibt es heutzutage kaum Antisemitismus in Bosnien und Herzegowina.

Infobox Ende

Ausgezeichnet

Für sein Engagement für Frieden und Verständigung wurde Jakob Finci mit hohen Orden Deutschlands (Bundesverdienstkreuz) und Frankreichs (Ritter der Ehrenlegion) sowie zahlreichen weiteren Auszeichnungen geehrt.

Infobox Ende


Links

Neuer Inhalt

Horizontal Line


subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.









swissinfo DE

Aufruf, der Facebook-Seite von swissinfo.ch beizutreten

Treten Sie unserer Facebook Seite auf Deutsch bei!

×