Es harzt am Gotthard

Nach der Gotthard-Wiedereröffnung: Camions stauen sich entlang der A2 in Airolo Richtung Nord. Keystone

Seit der Wiedereröffnung des Gotthard-Strassentunnels herrscht überall Unzufriedenheit: bei Chauffeuren, bei der Polizei und bei der Bevölkerung.

Dieser Inhalt wurde am 22. Dezember 2001 - 16:03 publiziert

Trotz eisiger Kälte haben sich am Samstagmorgen rund 300 Personen auf dem Flugplatz von Ambrì-Piotta eingefunden, um gegen die Wiedereröffnung des Gotthard-Tunnels für den Schwerverkehr zu protestieren. Zwei Monate lang waren auf der A2 neben dem Flugfeld keine Camions mehr passiert, seit Samstagmorgen ist das ratternde Geräusch der vorbeirasenden Lastwagen wieder deutlich zu hören.

Der Protest richtete sich gegen Camions, nicht gegen den Autoverkehr schlechthin. Die fein säuberlich parkierten Autos auf dem Flugfeld machten dies deutlich. Denn fast alle Kundgebungs-Teilnehmer sind mit ihrem Privatfahrzeug angereist. Viele aus dem Südtessin - einer Gegend, die ebenfalls stark unter dem Schwerverkehr auf der A2 leidet.

Auch zwei Regierungsräte und Politiker

Die Kantonsregierung hat aus institutionellen Erwägungen nicht offiziell an der Protestveranstaltung teilgenommen. Doch zwei Regierungsräte sind gekommen, zudem zwei Nationalräte, ein Ständerat und etliche lokale Politiker, um ihrem Unmut über die frühzeitige Öffnung des Gotthard-Strassentunnels für Camions Luft zu machen. "Es wurde eine Chance verpasst, den alpenquerenden Güterverkehr auf der Strasse prinzipiell zu hinterfragen", lautete der Tenor der Reden.

Gross sind die Ängste, dass auch das neue Dosiersystem mit Einbahnverkehr für Lastwagen im Tunnel das Problem nicht lösen wird. Die provisorischen Stauräume werden als reale Bedrohung der Lebensqualität in den Bergtälern empfunden.

Auch im Misox

Der Protest gegen den Schwerverkehr beschränkte sich nicht nur auf das Tessin. Auch im Bündner Misox entlang der A13 haben Anwohner und Umweltgruppen demonstriert.

Dass die Sorgen nicht unberechtigt sind, zeigte ein Blick auf die A2 Richtung Gotthard, wo sich bereits Dutzende von Lastwagen auf der fünf Kilometer langen "Spezial-Dosierungsspur" stauten - eine eindrucksvolle Aneinanderreihung von Camions in dem engen Bergtal. Laut Marschtabelle dürfen sie alle zwei Stunden losfahren. Einmal in Quinto, dann auf der Nordseite in Amsteg. So lässt sich Kreuzungsverkehr im Tunnel vermeiden.

Erste Probleme am ersten Tag

Doch das am Computer entworfenen System zeigte am ersten Tag erste Probleme, obwohl der Andrang an Camions wegen der Weihnachtsperiode unter dem Durchschnitt liegt. "Wir haben in Richtung Norden in einer Tranche maximal 128 Lastwagen durch den Tunnel schleusen können, von Norden nach Süden waren es sogar nur 70", erklärt Silvano Stern, Vize-Chef der Tessiner Verkehrspolizei, gegenüber swissinfo.

Gemäss Dosierplan sollten allerdings in einer Schicht jeweils 200 Lastwagen durch den Tunnel fahren. Dies ergäbe die Kapazität von 3400 Lastwagen pro Tag (1800 von Norden nach Süden, 1600 von Süden nach Norden). Stern schätzt, dass maximal 1800 Camions in beiden Richtung mit diesem System zu bewältigen sind.

Gründe für diese Situation sind laut Polizei die übergrossen Abstände zwischen den Lastwagen und zu geringe Geschwindigkeiten. "Wir müssen die LKW richtig antreiben, weil sie viel mehr Abstand als die vorgeschriebenen 150 Meter halten", sagt Stern.

Auch die Politik, die Camions in "Paketen" auf die Reise durch den Tunnel zu schicken, hat einige Mängel. Wenn einer langsam ist, müssen auch alle anderen warten. Dieses Problem führte offenbar auf der Nordrampe zwischen Amsteg und Göschenen zu den enormen Verzögerungen. Kann ein Camion diese Rampe nur mit 35 km/h bewältigen, hängen alle Lastwagen hinterher. Zudem schneite es noch stark.

Noch ein Detail am Rande: Auf Tessiner Seite mussten die Sicherheitsleute am Samstagmorgen die Lastwagenfahrer für die erste Tranche grösstenteils wecken.

Verärgerte Chauffeure

Sauer auf das neue System sind viele Chauffeure. "Wir stehen seit zwei Stunden in der Kälte", sagt ein Trucker aus England zu swissinfo. "Wir können nicht einmal auf die Toilette gehen." Dabei sieht er von seinem Führerstand die Raststätten von Ambrì und Stalvedro.

In England würde die Polizei in einem solchen Fall wenigstens heissen Tee verteilen, meint er. Wenn er etwas von diesem Dosiersystem gewusst hätte, hätte er die Simplon-Route gewählt. Doch das schlimmste: Wegen des Fahrverbots in Frankreich ab 22 Uhr fürchtet er, für Weihnachten nicht mehr nach Hause zu kommen.

Gerhard Lob, Quinto

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