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Fachkräfte-Mangel: das akute Problem der Wirtschaft

Produktion beimTechnologie-Konzern Mikron Holding AG in Nidau BE.

(Keystone)

Die Schweizer Wirtschaft läuft auf Hochtouren. Doch es fehlt zunehmend an Arbeitskräften. Mangelware sind vor allem qualifizierte Fachkräfte sowie Führungspersonal. Mit dem Zuzug von ausländischen Fachleuten allein lässt sich das Problem jedoch nicht lösen.

Der Arbeitsmarkt gilt als der eigentliche Flaschenhals der Schweizer Wirtschaft. Mit einer tiefen Arbeitslosigkeit und einem hohen Beschäftigungsgrad herrscht in der Schweiz heute praktisch Vollbeschäftigung. Der Arbeitsmarkt ist ausgetrocknet wie seit Jahren nicht mehr.

Gefährdetes Wirtschaftswachstum

Der Arbeitskräftemangel bremst das Wachstum der Wirtschaft und gefährdet die Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Schweiz. Insbesondere bereitet der Mangel an qualifizierten Führungs- und Fachkräften den Topmanagern Kopfzerbrechen. 58 Prozent der Unternehmen klagen über fehlende Informatiker und Aufträge müssen mangels Personal abgelehnt werden.

Der ausgetrocknete Arbeitsmarkt zwingt viele Schweizer Unternehmen, die benötigten Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren. Gefragt sind vor allem Computer-Spezialisten, Ingenieure und technische Kader. Der Anteil ausländischer Spezialisten bei Informatik-Projekten liegt denn auch schnell einmal bei 70 Prozent, wie ein Software-Entwickler bei Siemens Schweiz gegenüber swissinfo bestätigte. Diese Entwicklung zeigt sich ebenfalls in einer zunehmenden Zahl von Gesuchen für Arbeits-Bewilligungen für ausländische Arbeitskräfte. Ohne Zuzug von ausländischen Arbeitskräften sei ein Wachstum von mehr als 1,5 Prozent kaum zu bewältigen, heisst es beim Schweizerischen Arbeitgeberverband.

Aktive Kantone

Immer mehr Kantone engagieren sich im Kampf gegen den Personalmangel. Die Kantone Bern, Solothurn und Zürich sind für ihre Firmen an der Personalfront aktiv geworden. Mit der Initiative "Switzerland: new-swiss-jobs" wollen sie versuchen, im EU-Raum die dringend benötigten Spezialisten zu finden.

An den Technologiemessen CeBIT 2001 (22.3. - 28.3) und Hannover Messe 2001 (23.4 - 28.4) sowie im Internet unter der Adresse www.new-swiss-jobs.com sollen Firmen ihre offenen Stellen präsentieren können. Interessentinnen und Interessenten sollen zudem über die bald in Kraft tretenden bilateralen Verträge Schweiz -EU informiert werden. Dies ist auch dringend nötig, erwies sich doch die fehlende Personenfreizügigkeit als einer der Hauptnachteile für schweizerische Unternehmen bei der Anwerbung von ausländischen Kadern und Spezialisten.

Die Organisation der Initiative liegt bei der Innovations-Beratungsstelle der Solothurner Handelskammer (IBS). Laut Roland Simonet von der IBS ist die Initiative bei den Firmen auf grosses Echo gestossen. Denn die 2'500 Franken für die Stellen-Ausschreibung im Internet sind gut angelegtes Geld, wenn sich dafür die dringend benötigten Spezialisten finden lassen.

Schweiz nicht allein

Gut qualifizierte Fachleute fehlen nicht nur in der Schweiz. Die Schwierigkeiten sind in ganz Europa und in den USA dieselben. Ob es den drei Kantonen gelingen wird, an den beiden Fachmessen in Deutschland Computer-Spezialisten in grosser Zahl in die Schweiz zu locken, ist fraglich. Hatte doch an der letztjährigen CeBIT 2000 der deutsche Bundeskanzler selbst Alarm geschlagen und eine "Green Card" für 30'000 Spezialisten aus Osteuropa und Südostasien gefordert.

Nach langer Polemik wurde schliesslich im Juli die Schaffung einer "Green Card" für maximal 20'000 Fachkräfte gebilligt. Doch bis Anfang Februar hatten lediglich rund 5'000 ausländische Experten den Weg auf den deutschen Arbeitsmarkt gefunden.

Angst vor zu vielen Ausländern

Während sich in Deutschland der Bundeskanzler persönlich für den Zuzug von mehr ausländischen Fachkräften engagierte, will die Schweizer Regierung trotz Drängen der Kantone die Kontingente für ausländische Arbeitskräfte nicht erhöhen. Sie will den hohen Ausländeranteil in der Schweiz nicht weiter anwachsen lassen.

Noch Ende Januar hatte Bundesrätin Ruth Metzler die Kantone eindringlich davor gewarnt, grosszügig Arbeits-Bewilligungen zu erteilen und dadurch auch bewusst eine Verletzung von Bundesrecht in Kauf zu nehmen. "Das werde ich nicht tolerieren und nicht honorieren", hatte Metzler die versammelten Volkswirtschafts-Direktoren gewarnt.

Potentiale besser nutzen

Die Wirtschaftsfachleute des Bundes sind überzeugt, dass sich mit dem Zuzug von Ausländern allein das Problem nicht lösen lässt. Laut Thomas Held, dem Präsidenten der Stiftung Zukunft Schweiz - dem "Think Tank" der Schweizer Wirtschaft, ist der gegenwärtige Mangel an Arbeitskräften nicht nur eine Folge der guten konjunkturellen Lage. Er ist vielmehr auch Ausdruck des demographischen Wandels. Die "Green Card" funktioniere nicht, man müsse mit dem Potential arbeiten, das vorhanden sei, sagte Held am Dienstag (27.02.) an einem Podium zum Thema "Arbeitsmarkt: Comeback der Alten?".

Umworbenen Frauen und Senioren

Im Focus der Wirtschaft sind einmal mehr die Frauen. Sie sollen mit einem verbesserten Angebot von Kinderkrippen und Tagesschulen von ihren familiären Verpflichtungen entlastet und wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. Doch dieses Potential ist kleiner denn je: Die Geburt eines Kindes ist heute nur noch für einen Drittel der Frauen ein Grund, den Beruf an den Nagel zu hängen.

Ein weiteres Potential sehen die Wirtschaftsfachleute in den Senioren. Jeder dritte ältere Erwerbstätige ging während der Rezession der Neunzigerjahre noch vor seinem Pensionsalter in Rente. Doch nicht jeder ging freiwillig. Denn die Entlassungen trafen vor allem langjährige Mitarbeiter. Um diese nun wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern, braucht es neben Anreizen vor allem auch psychologische Unterstützung. Viele Entlassene sind zutiefst verletzt und verunsichert und nicht einfach zu einem Wiedereinstieg zu bewegen. Entsprechende Begleitprogramme sind indes selten und noch kaum entwickelt.

Erhöhung des Rentenalters

Die Schweiz müsse sich dringend den Konsequenzen ihrer demographischen Entwicklung stellen, warnte Held. Diese lasse sich nämlich im Gegensatz zur Wirtschaftsentwicklung mit ziemlicher Sicherheit voraussagen. Im Jahr 2040 würden auf einen Pensionierten noch zwei Erwerbstätige kommen, die für dessen Rente aufzukommen hätten.

Längerfristig werde die Schweiz nicht darum herum kommen, ihre Einwanderungspolitik zu überdenken und das Rentenalter von heute 65 Jahren heraufzusetzen, sagte Held. Doch beides ist politisch heikel und schon manche Politikerin und mancher Politiker hat sich daran die Finger verbrannt.

Hansjörg Bolliger


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