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Folter mitten in der Stadt

Ein Plakat der Amnesty-Kampagne "Es geschieht nicht hier. Aber jetzt." im Bahnhof Zürich.

(swissinfo.ch)

Eine Plakatkampagne von Amnesty International bringt das Thema Folter mit geschickten optischen Effekten hautnah zur Diskussion.

Dramatisch inszenierte Bilder an öffentlichen Plätzen sollen das Gewissen der Schweiz aufrütteln.

Es ist Morgen. Die Pendlerströme wälzen sich durch die Zürcher Bahnhofshalle zur Arbeit. Immer wieder bleiben Passanten und Passantinnen vor einem riesigen Plakat am Perron-Ende stehen.

Was sie da sehen, ist schockierend: Ein Gefangener in weisser Kleidung, an Händen und Füssen angekettet, in der Luft hängend. Die Szene spielt sich nicht in der Ferne, sondern genau dort ab, wo der Betrachter steht: im Bahnhof Zürich.

Die Auflösung liefert die Kampagne der Menschenrechts-Organisation Amnesty International Schweiz (AI): "Es geschieht nicht hier. Aber jetzt." Unter diesem Slogan führt AI seit Ende Mai bis zum 23. Juni landesweit eine Aktion mit 200 Plakaten gegen die weltweite Folter durch.

Mit optischer Täuschung schockieren und sensibilisieren

Was macht ein US-Soldat, der auf ein wehrloses Opfer eindrischt, mitten in Zürich, Genf, Basel oder Bern? Was ein hilfloser irakischer Gefangener mit seinem verzweifelten Kind? Was ein schwerbewaffnetes Kind im militärischen Kampfanzug?

Mittels optischer Täuschung bringt die Plakat-Kampagne Folter, Menschenrechtsverletzungen und Hunger direkt in unser tägliches Leben. "So sollen wir daran erinnert werden, dass anderswo auf der Welt solche Dinge täglich passieren", sagt Jürg Keller, Mediensprecher von Amnesty Schweiz, gegenüber swissinfo.

Realität in andere Umgebung verpflanzen

Um die optische Illusion zu erzeugen, liess die Walker Werbeagentur, Partnerin für die Kampagne von Amnesty, die Umgebung hinter der Plakatstelle fotografieren. Der Betrachter schaut gleichsam durch das Sujet hindurch.

Die Bilder der Misshandlungen – sie zeigen mit ganz wenigen Ausnahmen Pressefotos der jüngeren Zeit – wurden mittels einer Montage in die heimische Realität wie Einkaufstrassen, Bahnhöfe, idyllische Uferpromenaden oder stark frequentierte Plätze eingesetzt.

Zumutbare Schonungslosigkeit

Nicht alle Passanten reagieren wohlwollend auf diese ungeschminkte Darstellung schrecklicher Tatsachen. Einige schütteln den Kopf, den meisten aber geben die Plakate zu denken.

Kann man eine Kampagne, die Folterungen im öffentlichen Raum schonungslos abbildet, den Passanten zumuten? "Das haben wir uns im Vorfeld der Kampagne natürlich auch gefragt und sind zum Schluss gekommen: Ja, das können wir, das müssen wir", sagt der Amnesty-Sprecher.

"Auf allen diesen Plakaten werden Szenen gezeigt, die als Bilder in den Medien erschienen sind. Bilder also, welche die Menschen in der Schweiz kennen, gesehen haben. Wir stellen sie jetzt an einen Ort, an dem sie diese Bilder nicht erwarten." Gerade deshalb hoffe Amnesty, die Leute darauf aufmerksam machen zu können, was überall auf der Welt geschehe, so Keller.

Keine Angst vor negativen Reaktionen

Ein Plakat vor der Sprüngli-Filiale auf dem Zürcher Paradeplatz wurde bereits weggeräumt. Einige Kunden habe das Bild gestört, hiess es bei Sprüngli.

Zu diesem konkreten Fall könne er nichts sagen, erklärt Keller. Die Plakate würden während einigen Tagen hängen und dann zum Teil wieder abgehängt. Das hänge mit der Verfügbarkeit des Platzes zusammen, den die Allgemeine Plakatgesellschaft Amnesty gewähre.

Dass die Plakat-Kampagne auch negative Reaktionen provoziert, hat Keller erwartet. Einige Leute störten sich daran, dass diese Bilder in einer Umgebung sind, die eigentlich ihnen gehöre. "Und in ihrer Umgebung wollen sie so etwas nicht."

Überwiegend positive Reaktionen

Man habe aber überwiegend positive Reaktionen erhalten, fährt Keller fort. "Die Beachtung der Kampagne ist enorm. Das neuste Beispiel: Das deutsche Magazin Der Spiegel interessiert sich für die Kampagne und will darüber berichten."

Viele Leute fänden es wichtig, "dass wir in unseren relativ idyllischen Verhältnissen daran erinnert werden, dass andernorts auf der Welt gefoltert wird", so der AI-Sprecher.

Engagement bewirken

"Wir möchten mit der Kampagne auch bewirken, dass die Leute sich einsetzen gegen Menschenrechtsverletzungen, Folter und Hunger", sagt Keller.

Weil das Thema so wichtig sei, habe man zu einer aussergewöhnlichen Kampagne gegriffen. "Es ist das erste Mal, dass wir eine Kampagne dieser Art machen, die mit einer Schocktherapie Aufmerksamkeit erlangen soll."

swissinfo, Jean-Michel Berthoud, Zürich

Fakten

Die Kampagne "Es geschieht nicht hier. Aber jetzt." von Amnesty International Schweiz dauert vom 29. Mai bis 23. Juni 2006.
200 Plakate sind an ausgewählten Stellen in grösseren Schweizer Städten zu sehen.
Mit wenigen Ausnahmen zeigen die Plakate Pressebilder der jüngsten Zeit.
Konzipiert hat die Kampagne die Walker Werbeagentur.

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In Kürze

Amnesty International (AI) ist eine weltweite Bewegung, die für die Förderung und Verteidigung der fundamentalen Menschenrechte arbeitet. Unabhängig und unparteilich, zielen ihre Aktionen auf schnellste und wirksame Hilfe für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen

Die Aktivitäten der Organisation sind nur durch ihre Mitglieder und mit privaten Spenden finanziert. AI Schweiz hat ein Sammel-Budget von 11 Millionen Franken pro Jahr. Davon wird rund ein Drittel an die weltweite Dachorganisation abgeliefert.

Als länderübegreifende Kampagnen laufen derzeit eine Aktion "Control Arms" (Waffenkontrolle) sowie eine Aufklärungs-Kampagne rund um Gewalt gegen Frauen.

Für die nationalen Themen kann die Sektion Schweiz frei entscheiden. Für ihre Aufklärung zum Thema Folter lautet das Konzept: "Öffentlich machen ist der Kern des Handelns".

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