Frauenrekord im Parlament – trotz weniger Frauen an der Urne

Bundeshaus, Dezember 2019: Noch nie traten in den beiden Räten so viele Frauen zur neuen Legislatur an wie beim Start der letztjährigen Wintersession des Schweizer Parlaments. Keystone / Peter Klaunzer

Trotz Frauenstreik als Grosserfolg und der Debatte um Gleichberechtigung als Motoren des Wahlkampfes: Bei den letztjährigen Wahlen ins Schweizer Parlament lag der Anteil der Wählerinnen tiefer als 2015. Das überrascht angesichts der Rekordmarken betreffend der Frauen-Repräsentation in National- und Ständerat.

Dieser Inhalt wurde am 07. Juli 2020 - 10:51 publiziert

Die eidgenössischen Wahlen 2019 waren für die Vertretung der Frauen ein historischer Moment. Die Zahl der gewählten Kandidatinnen brach Rekorde: Sie stieg im Nationalrat (grosse Kammer) von 32% im Jahr 2015 auf 42% und im Ständerat (kleine Kammer) von 15% auf 26%.

Das Thema Gleichstellung stand während der Kampagne im Mittelpunkt, insbesondere mit der Frauenstreikbewegung, die am 14. Juni 2019 rund 500'000 Frauen im Land auf die Strassen gebracht hatte.

Die Wahlstudie Selects

Seit 1995 analysiert Selects die Wahlbeteiligung und das Wahlverhalten bei eidgenössischen Wahlen. Das Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert und vom FORS durchgeführt. Es ist dies das Schweizer Kompetenzzentrum für Sozialwissenschaften an der Uni Lausanne.

Im Rahmen der eidgenössischen Wahlen vom Oktober 2019 wurde nach den Wahlen eine Umfrage unter 6664 Personen durchgeführt; dazu kam eine Umfrage mit zwischen 5000 und 8000 Teilnehmenden, bei der dieselben Personen vor und nach den Wahlen drei Mal befragt wurden, sowie eine Umfrage unter 2158 Kandidierenden für beide Kammern des Parlaments.

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All dies hatte jedoch nicht dazu geführt, dass auch mehr Frauen an die Urnen gingen. Dies zeigt die Schweizer Wahlstudie Selects, die grosse Analyse, die nach jeden Eidgenössischen Wahlen publiziert wird. Während 49% der Stimmbürger sich an den Wahlen beteiligten, lag der Anteil bei den Stimmbürgerinnen nur bei 41%. Das war sogar noch etwas weniger als bei den Wahlen 2015. Dies ist eine Kluft zwischen den Geschlechtern, welche die Schweiz auch bei grösserer Mobilisierung zum Thema Gleichstellung bisher nicht schliessen konnte.

"Die Kluft in der Beteiligung von Männern und Frauen bleibt stabil, aber wenn man die verschiedenen Altersgruppen betrachtet, zeigt sich klar eine gewisse Normalisierung der Beteiligung junger Frauen", analysiert Anke Tresch, Projektleiterin von Selects.

"Bis zum Alter von etwa 35 Jahren gibt es keinen Unterschied in der Beteiligung von Männern und Frauen. Die noch bestehende Kluft lässt sich sicherlich auf die späte Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz zurückführen. Dies ist ein gewisses historisches Erbe, das hoffentlich in einigen Jahren verschwinden wird".

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Die Kluft bei der Beteiligung zeigt sich auch bei eidgenössischen Abstimmungen. Nach einer Erhebung des Bundesamts für Statistik lag der Anteil der Bevölkerung, der sich häufig an nationalen Abstimmungen beteiligt, bei den Männern im Jahr 2017 bei 68%, bei den Frauen bei 61%.

Mehr Stimmen für Frauen

2019 wurden mehr Frauen gewählt, weil mehr Wählerinnen und Wähler für sie stimmten als vier Jahre zuvor. Selects hatte Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Wahlstudie gefragt, ob sie bei gleicher Qualifikation lieber einem Mann oder einer Frau ihre Stimme geben würden. 80% der befragten Frauen (gegenüber 73% im Jahr 2015) sprachen sich für die Wahl einer Kandidatin aus, bei den Männern gaben 54% der Befragten (gegenüber 45% im Jahr 2015) der Wahl einer Kandidatin den Vorzug.

Nur die Wählerschaft der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) gab an, einen Kandidaten zu bevorzugen, obwohl auch hier ein Anstieg zugunsten von Kandidatinnen zu verzeichnen war. Der deutlichste Anstieg seit 2015 zeigt sich bei jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren.

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"Ich glaube, das entspricht auch dem Zeitgeist", sagt Anke Tresch. "Kann man heute überhaupt noch sagen, dass man einen Mann einer Frau vorzieht? Wir haben festgestellt, dass der Anteil jener, die sagen, dass sie eine Kandidatin bevorzugen, in bestimmten Altersgruppen, ab dem 70. Lebensjahr, deutlich niedriger ist als bei jungen Menschen. Ich denke, es ist eine Entwicklung der Gewohnheiten, des Platzes der Frau in der Gesellschaft, in der Politik und auf dem Arbeitsmarkt."

Mobilisierung der Parteien

Die Rekordzahl der gewählten Parlamentarierinnen erklärt sich auch aus dem Engagement der politischen Parteien für die Frauenförderung. Der Anteil der Kandidatinnen auf den Listen stieg von 35% im Jahr 2015 auf 40% im Jahr 2019.

Die Selects-Studie zeigt, dass die Parteien den Frauen auch eine substanziellere Unterstützung gewährten: Sie kamen für 38% der Kosten der kandidierenden Frauen auf, für die Männer lag der Anteil bei 21%. Im Durchschnitt gaben die Parteien im Jahr 2019 für eine Kandidatin 2600 Franken aus, für einen Kandidaten 1900 Franken, verglichen mit 2100 Franken und 2000 Franken 2015.

Der Frauenstreik, die lebhafte Gleichstellungsdebatte und die Kampagne "Helvetia ruft" für eine ausgewogenere Vertretung der Geschlechter im Parlament haben zwar noch keine Trendwende bei der Wahlbeteiligung der Frauen herbeigeführt. All diese Initiativen haben es aber geschafft, politische Parteien und Kandidatinnen stärker zu mobilisieren, um eine Richtungsänderung hin zu einer echten Parität der Geschlechter in der Politik auszulösen.

(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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