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Für eine bessere Zukunft Roma-Kinder in Bosnien: Von der Strasse in die Schule

Bettelndes Romakind

Anfang November, spät abends in Mostar, bei eisiger Kälte. Ob dieses kleine Mädchen einst zur Schule gehen wird?

(swissinfo.ch)

Zwischen 50'000 und 80'000 Roma leben in Bosnien-Herzegowina, oft in ärmlichen Verhältnissen und am Rand der Gesellschaft. Caritas Schweiz versucht seit zehn Jahren, Roma-Kinder in die Schule zu integrieren und ihnen eine Perspektive für die Zukunft zu geben. Ein Augenschein in einer Primarschule bei Sarajevo.

Wir sind in der 3. Klasse der Primarschule Osman Nakaš in der Gemeinde Novi Grad bei Sarajevo. Die Schülerinnen und Schüler sind ganz aufgeregt ob dem Besuch aus der Schweiz. "Ruhe bitte", mahnt die Lehrerin. Der Unterricht kann beginnen. 

Klassenzimmer

Unterricht in der 3. Klasse der Primarschule Osman Nakaš.

(swissinfo.ch)

Wie immer am Freitag stellt ein Kind der Klasse ein Land vor. Heute referiert der 9-jährige Tarik über sein Lieblingsland Schweden. Es sei ein reiches Land, wo hart gearbeitet werde, mit einer hohen Lebenserwartung, einem König, einer hohen Museumsdichte, seit 200 Jahren habe es dort keinen Krieg gegeben. "Nicht wie bei uns, wo der Krieg nicht weit zurückliegt und Museen wegen Geldmangel geschlossen werden", sagt Sanela Numanović, die Lehrerin. 

Der Junge zeigt am Computer Bilder von Alfred Nobel, der Popgruppe ABBA (ja, alle kennen "Mamma Mia" und singen mit), auch Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren ist den meisten ein Begriff. Dann erwähnt Tarik den Volvo, den nordischen Skisport und das Möbelhaus IKEA. "Wer hat IKEA-Möbel zu Hause?", fragt die Lehrerin. Eine Mehrheit hebt die Hand, so auch Fatima. Sie ist 12, ihr Bruder Benjamin 9, Ibrahim, ihr Cousin, 10. Die drei Kinder gehören zur Volksgruppe der Roma.

Romakinder

Ibrahim, Benjamin und Fatima in ihrem Klassenzimmer.

(swissinfo.ch)

Von den 489 Kindern in der Primarschule Osman Nakaš sind 68 Roma. Ihre Zahl hat in den letzten Jahren stark zugenommen, dank Caritas Schweiz. Seit 2010 setzt sich das Schweizer Hilfswerk mittlerweile an 14 Schulen in den Kantonen Sarajevo und Zenica-Doboy für die Integration der Roma-Kinder in das Schulsystem ein.

Am Rande der Gesellschaft

Die Roma sind in Bosnien-Herzegowina eine grosse Minderheit von schätzungsweise 50'000 bis 80'000 Personen. Sie leben häufig in Siedlungen am Rand der Stadt und haben mit der übrigen Bevölkerung wenig zu tun. Ihre Arbeitslosenrate ist enorm hoch, in den Städten sieht man nicht selten Kinder beim Betteln oder Verkaufen von Papiertaschentüchern, auch abends. Viele von ihnen gehen nicht zur Schule, obwohl Bosnien eine obligatorische Schulpflicht kennt. Wie in vielen anderen Ländern kursieren auch hier viele Vorurteile über die Roma: Sie würden stehlen und seien schmutzig.

Laut der Schulleiterin Aida Mikić gibt es wenig Probleme unter den Kindern. "Sie machen keine Unterschiede und schliessen untereinander Freundschaften." Und entgegen aller Vorurteile kämen die meisten Roma-Kinder rechtzeitig zur Schule, obwohl sie oft einen sehr langen Schulweg hätten. Die Hausaufgaben würden auch andere nicht immer wie gewünscht erledigen, meint sie gelassen.

Lernen statt betteln oder arbeiten

Fatima und ihr Bruder Benjamin stehen morgens um 6 Uhr auf. "Wir brauchen eine gute halbe Stunde zu Fuss, wenn wir laufen", sagt die Zwölfjährige. Sie ist die Älteste in der Klasse, die meisten Drittklässler sind neun Jahre alt. Ihre Familie kam erst im Sommer 2015 nach Bosnien, zuvor lebte die Grossfamilie zwei Jahre in Belgien und drei in Deutschland. "Ich spreche besser Deutsch als Bosnisch", sagt das Mädchen. Sie hat acht Geschwister im Alter zwischen 5 und 20. Sport ist ihr liebstes Fach. Benjamin mag Mathematik, lacht viel und beteiligt sich rege am Unterricht. Alle paar Minuten schnellt seine Hand in die Höhe.

Weil Roma zu Hause meist ihre eigene Sprache sprechen, nehmen 90% von ihnen Nachhilfe-Unterricht, der von Caritas finanziert wird – inklusive Schulmaterial und Sandwiches am Mittag. Fast 20 Kinder sitzen in einem kleinen Raum dicht beieinander und beugen sich über ihre Hausaufgaben. Betreut werden sie von einer Lehrerin, einer Sozialarbeiterin und einer Roma-Mediatorin, die ihnen bei Fragen weiterhelfen. Denn oft bekommen die Kinder zu Hause zu wenig Unterstützung, zum Beispiel, weil die Eltern Analphabeten sind oder kaum Bosnisch sprechen. Bedürftige Familien erhalten zudem ein Hilfspaket mit Esswaren und Hygieneartikeln. Ein Anreiz, damit die Kinder zur Schule geschickt und nicht als Arbeitskräfte eingesetzt werden.

Nachhilfeunterricht

Amila Čolpa, Lehrerin für Nachhilfe, gibt zwei Schülerinnen Tipps bei den Hausaufgaben.

(swissinfo.ch)

Das Hauptziel dieses Projekts ist, die Roma-Kinder von der Strasse in die Schule zu bringen und deren Eltern davon zu überzeugen, wie wichtig Bildung für die Zukunft ihres Nachwuchses ist. Hier kommen Sozialarbeiterinnen und Roma-Mediatorinnen zum Zug. Sie begleiten die Eltern und unterstützen sie bei der sozialen Integration.

Auch Minderheiten haben Rechte

Seit 2010 läuft das Schulprojekt für Roma-Kinder in Bosnien-Herzegowinaexterner LinkvonCaritas Schweizexterner Link. An 10 Primarschulen im Kanton Sarajevo und 4 im Kanton Zenica-Doboj gibt es Nachhilfeunterricht für Roma-Kinder und andere verletzliche Gruppen. Jugendliche werden zudem auf den Übertritt in die Berufsschule vorbereitet, damit sie später auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben. Für ausserordentliche Leistungen werden Stipendien vergeben. Der Fokus liegt neuerdings nicht mehr nur auf Roma-Kindern, auch andere verletzliche und bedürftige Gruppen sollen von den Geldern aus der Schweiz profitieren können. Die Kosten für die Roma-Mediatorinnen übernimmt der Staat. Die Sozialarbeiter und Nachhilfelehrer werden von Caritas finanziert. Es sind aber diesbezüglich Bemühungen im Gang, und auch erste Erfolge, dass auch diese Kosten in Zukunft von der Schule, also dem Staat, übernommen werden. Das Budget von Caritas für die Phase 2017 bis 2019 beträgt etwas über 1 Mio. Franken.

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Lejla Hasanbegović kennt die Verhältnisse von Roma-Familien wie kaum eine andere. Seit neun Jahren ist die Sozialarbeiterin für Caritas tätig und hat das Vertrauen der Roma-Eltern gewonnen. Sie besucht sie regelmässig, begleitet sie zum Zahnarzt - und "von Institution zu Institution", wie sie sagt. Sie hilft ihnen, ihre Rechte wahrzunehmen, die "sie häufig nicht kennen". Sie geht mit ihnen auf Ämter zur Beschaffung nötiger Papiere. "Denn wer nicht registriert ist, hat keine Krankenkasse, das ist ein Problem."

Die Eltern zu integrieren, sei nicht einfach, sagt Elma Ćurulija, die Programm-Managerin des Caritas-Integrationsprojekts in Bosnien-Herzegowina. "Die Roma leben in geschlossenen Communities und haben wenig Vertrauen gegen aussen. An Elternabenden nehmen sie selten teil, denn sie leben abgelegen, haben viele Kinder zu Hause und sind lieber unter sich."

Um den Kontakt zwischen Schule und Elternhaus zu gewährleisten, kommen auch Roma-Mediatorinnen zum Einsatz. Eine von ihnen ist Dženita Bostandžija. Die junge Frau ist selber Roma und hat die Sekundarschule (Berufsschule ohne Praxis) abgeschlossen, was bei den Roma rar ist, noch seltener sind Universitätsabschlüsse. Sie geht bei den Familien vorbei, wenn zum Beispiel ein Kind nicht zur Schule kommt. "Für mich ist der Zugang leichter, weil ich selber eine Roma bin."

Ihre Arbeit beschreibt sie als anstrengend und intensiv: "Die Kinder sind sehr verschieden, jedes ist anders, jedes hat andere Bedürfnisse und ein anderes Umfeld." Sie sagt auch, dass Mädchen weniger oft zur Schule gingen als Knaben, weil sie zu Hause bei der Betreuung ihrer kleinen Geschwister helfen müssten.

"Sie gehören zu uns"

Laut Elma Ćurulija geht es in der Roma-Frage auch darum, Vorurteile zu beseitigen, Aufklärung sei wichtig. "Wir wollen vermitteln, dass die Roma mit ihrer Kultur zu uns gehören. Wir thematisieren dies und organisieren Feste. Denn Integration ist beidseitig." Sie betont, dass die Roma im Land keine Lobby hätten. "Es sind die NGO, die helfen, dem Staat fehlt das Geld. Mit dem Bau von Wohnungen für Roma ist es nicht getan. Es braucht Integration, Gespräche, den Aufbau von Vertrauen. Und das braucht viel Zeit."

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