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Gegen die Ökonomisierung des Denkens

Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. (Bild: Universität St. Gallen)

Sei es die Bank Credit Suisse, der Nahrungsmittel-Multi Nestlé oder der Technologiekonzern ABB, Schweizer Grossfirmen bekennen sich zu ethischem Handeln.

Wenn dabei allerdings der Gewinn allein massgeblich ist, laufe das auf eine Ethik des Rechts des Stärkeren hinaus, warnt der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann im Gespräch mit swissinfo.

swissinfo: Ist Wirtschaftsethik mehr als ein Modewort?

Ulrich Thielemann: Wirtschaftsethik boomt seit zehn Jahren, insbesondere als Unternehmensethik. Gerade Grossbanken und andere grosse Unternehmen bekunden zunehmend ihren Anspruch, ethisch verantwortungsvoll zu wirtschaften, indem sie unter den Stichworten "Corporate Responsibility", "Corporate Citizenship" oder "Nachhaltigkeit" über ihre ethischen Leistungen berichten. Damit exponieren sich diese Unternehmen und stellen sich der öffentlichen Kritik.

swissinfo: Warum tun das die Unternehmen?

U.T.: Trotz Globalisierung oder vielleicht wegen der Globalisierung bewegen sich die Unternehmen nach wie vor in der Gesellschaft und sind auf die Unterstützung von Anspruchsgruppen wie Mitarbeitenden und Kunden angewiesen. Die Öffentlichkeit erwartet, dass die Unternehmen verantwortungsvoll agieren.

swissinfo: Warum sollte sich ein Konzernchef wie Marcel Ospel um das Wohlbefinden seiner Angestellten kümmern, wenn er ihnen doch gar nie begegnet?

U.T.: Aus wirtschaftsethischer Sicht muss die Begründung lauten: Weil die Angestellten legitime Ansprüche haben, anständig oder fair behandelt zu werden.

swissinfo: Aber welches Interesse hat der Manager daran?

U.T.: Die Frage impliziert, dass das Interesse des Managers bzw. letztlich der Aktionäre massgeblich wäre. Es ist die Frage, ob sich Ethik langfristig auszahlt. Wer argumentiert, seine Mitarbeiter fair zu behandeln, um langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu sein, etwa weil sie dann zufrieden sind und sich entsprechend engagiert für das Unternehmen einsetzen, denkt ökonomistisch.

Der Ökonomismus definiert indirekt das ethisch Richtige durch den ökonomischen Erfolg. Letztlich läuft der Ökonomismus auf eine Ethik des Rechts des Stärkeren hinaus. Wer den langfristigen Erfolg nicht beeinflussen kann, hat in dieser Konzeption keine legitimen Ansprüche.

swissinfo: Ethik lässt sich schlecht messen. Wie definieren Sie faire Löhne?

U.T.: Fairness ist der zentrale Gesichtspunkt der Wirtschaftsethik. Es geht um den fairen Umgang miteinander, um Leistungsgerechtigkeit, auch um die Fairness der Lastenverteilung. Bei der Frage der Lohngerechtigkeit würde ich zunächst den Gedanken der Fairness oder Verteilungsgerechtigkeit ins Spiel bringen.

Es geht eben nicht einfach um Solidarität, auch nicht umgekehrt um Neid, sondern um die Frage, wie die Beiträge zu einer gemeinsamen, arbeitsteilig erzielten Wertschöpfung fair zu vergüten sind. Und da kann man sich schon fragen, ob die in jüngerer Zeit weit überproportional gestiegenen Managerlöhne und der Umstand, dass wachsende Teile der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung von Managern reklamiert werden, noch als fair zu beurteilen sind.

swissinfo: Wie werden diese Löhne gerechtfertigt?

U.T.: Einige Manager verdienen heute mehrere 100 Mal mehr als der Durchschnitt. Ich sehe nicht, wie sich dies rechtfertigen lässt. Es ist höchst unplausibel, hier von Leistungsgerechtigkeit zu sprechen. Doch kann der Wirtschaftethiker keine Messkriterien angeben. Seine Aufgabe ist vielmehr die kritische Schärfung des Bewusstseins und die Stärkung der Urteilskraft.

swissinfo: Warum wollen Sie keine Richt-Normen setzen?

U.T.: Im Sinn der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist es nicht Aufgabe des Wirtschaftsethikers, Normen zu setzen. Dafür hat die Wirtschaftsethik als akademische Disziplin keine Kompetenz. Ansonsten wäre ja auch die Demokratie überflüssig, und die Ethiker wären, wie es Plato forderte, Könige. Dagegen können politische Akteure der Zivilgesellschaft konkrete Normen vorschlagen und vertreten, etwa im Lohnzusammenhang die Gewerkschaften.

swissinfo: Wie stehen die Schweizer Unternehmen im internationalen Vergleich da?

U.T.: Äusserst ambivalent. Einerseits ist der ethisch verantwortungsvolle Konsum in der Schweiz stärker verbreitet als in irgend einem anderen Land. Man denke nur an den Ethik-Wettbewerb zwischen den Grossverteilern. Andrerseits ist die Schweiz Standort vieler multinationaler Unternehmen, die öffentlich stark in der Kritik stehen. Neben Nestlé sind dies insbesondere die Grossbanken.

swissinfo: In welchem Mass hat sich ethisch verantwortungsvolles Wirtschaften etabliert?

U.T.: Auf der Ebene freiwilliger Massnahmen ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, von dem es wohl kein Zurück gibt. Die Dynamik von kritischer Auseinandersetzung im Verhältnis von Unternehmen und Gesellschaft gilt es allerdings weiter zu stärken. Darüber hinaus und zur Stützung dieses Prozesses bedarf es jedoch einer Rahmenordnung, die heute nur eine global ausgerichtete sein kann.

swissinfo: Ist hier die Politik gefordert?

U.T.: Dringend. Denn die Nationalstaaten, die Demokratien haben massiv an Souveränität verloren. Die Marktwirtschaft ist heute weniger ein Hort der Freiheit als vielmehr eine Quelle der Unfreiheit. Man ist beinahe nur noch im Sachzwang, sich attraktiv zu machen für die globalen Investoren. Dabei hat sich die Schweiz allerdings eher auf die Sonnenseite gestellt.

swissinfo: Inwiefern?

U.T.: Die Praxis der Schweiz ist parasitär in bezug auf die unterlassene Steueramtshilfe, indem sie Bürger fremder Staaten de facto einlädt, ihr Geld in der Schweiz zu deponieren. Die Schweiz masst sich dabei an, Personen und Unternehmen, die in anderen Staaten agieren und dort steuerpflichtig sind, von der Steuer zu befreien. Das ist ein einigermassen massiver Eingriff in die Souveränität anderer Staaten.

swissinfo-Interview: Susanne Schanda

In Kürze

Der 1961 in Remscheid (Deutschland) geborene Ulrich Thielemann hat in Wuppertal Wirtschaftswissenschaften studiert und ist heute Vizedirektor am Institut für Wirtschaftsethik der Universität St.Gallen.

Zusammen mit dem Institutsleiter Peter Ulrich hat er die Studie "Ethik und Erfolg" zusammengestellt.

Ulrich Thielemann wendet sich mit einem wirtschafts-ethischen Verständnis gegen die etablierten Marktwirtschafs-Theorien und die zunehmende Ökonomisierung aller möglichen Lebensbereiche (Dissertation "Das Prinzip Markt").

In seiner Habilitationsschrift untersucht er die Rechtfertigungs-Theorien des Marktes und des Wettbewerbs.

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INTERNATIONALES ALPENSYMPOSIUM

Am 16. und 17. Januar 2007 findet in Interlaken das 5. Internationale Alpensymposium statt.

Prominente aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur – unter ihnen Bob Geldof, DJ Bobo und Bertrand Piccard - referieren und diskutieren über "Business Energy – Business Ethics".

Das Symposium versteht sich als Tagung zur Kompetenz- und Wissenserweiterung für innovative Unternehmer.

Unterstützt wird der Anlass von zahlreichen Schweizer Wirtschaftsunternehmen aus dem KMU-Bereich. Mit der Hilfsorganisation World Vision hat das Symposium erstmals einen Charity-Partner.

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