Pharmaindustrie muss Patentverluste kompensieren

Ein erfolgreiches Medikament, dessen Patent verfällt, hat seine Forschungs- und Entwicklungskosten längst amortisiert und kann 80 bis 90% Gewinn aus dem Verkaufspreis erzielen. Keystone

Weil ihre Patente auslaufen, werden in den kommenden Jahren einige Verkaufsschlager der Pharmaindustrie durch Generika ersetzt. Um ihre hohen Gewinnmargen aufrechtzuerhalten, hat die Branche bereits mit Sparprogrammen wie Personalabbau begonnen.

swissinifo.ch

In den drei, vier nächsten Jahren werden die Geschäfte der Pharmamultis wahrscheinlich ein bisschen weniger geölt laufen.

Nach einem Bericht der Genfer Privatbank Pictet wird das Wachstum des Sektors bis 2013 kaum 4% übersteigen. Der Hauptgrund: Der Verfall der Patente, wonach (generell nach 20 Jahren) ein Medikament auf dem Markt frei verfügbar wird und so die Möglichkeit für Generika-Versionen öffnet, die viel billiger verkauft werden.

Die Medienberichte zu dem Thema reissen nicht ab, und die Zahlen variieren je nach Autoren und Anzahl der in Betracht gezogenen Produkte. Laut den Analysten von Pictet haben die Markenmedikamente, die bis 2015 durch die "Patentverfall-Guillotine" gefällt werden, bei den Schwergewichten der Pharmabranche einen Umsatzwert von 150 Milliarden Dollar.

Darunter fällt auch das marktführende Bluthochdruckmittel Diovan des Schweizer Pharmakonzerns Novartis. Diovan war mit jährlichen Umsätzen von 6 Milliarden Dollar für Novartis bisher ein Verkaufsschlager, weit vor dem Krebsmedikament Glivec (4,3 Mrd.).

Das Patent für Diovan ist im November vergangenen Jahres in den meisten europäischen Ländern abgelaufen, in den USA wird dies im September 2012 der Fall sein. Und zwei Jahre später wird es Glivec treffen.

Für den Umsatz zählt das Label

Am 13. Januar kündigte Novartis im Rahmen eines Sparplanes von 450 Millionen Dollar in diesem Jahr den Abbau von 1960 Stellen in den USA an. Darunter fallen 1630 auf das Verkaufspersonal, Leute, welche die Ärzte zu überzeugen versuchen, den Patienten Diovan, und nicht ein Medikament der Konkurrenz zu verschreiben.

"Mit Herzkreislaufkrankheiten und hohem Blutdruck ist man auf Massenmärkten", sagt Odile Rundquist von der Börsenmakler-Agentur Helvea in Genf gegenüber swissinfo.ch.

"Während man sich in den Bereichen Onkologie oder Multiple Sklerose an einen kleinen Kreis von Spezialärzten wendet, welche die klinischen Studien aus nächster Nähe verfolgen, ist es im Fall eines Bluthochdruckmittels das Marketing, das ausschlaggebend ist. Wie bei Konsumgütern."

Laut Rundquist, die auch einen Doktortitel in Biochemie hat, gibt es auf dem Markt Produkte, "die fast besser sind als Diovan. Aber es ist die Marke Novartis, das Label, das die Umsatzstärke ausmacht und zu einem derart grossen Erfolg führt".

Eine Umsatzstärke, die es von nun an teilweise nicht mehr geben wird, und die sich durch den Verkauf von Tekturna nicht kompensieren lässt. Der möglicherweise als Nachfolger von Diovan vorgesehene Blutdrucksenker, vom Biotech-Unternehmen Speedel einlizenziert, zeigte gefährliche Nebenwirkungen für gewisse Diabetiker auf.

Novartis hatte Speedel 2008 für 907 Millionen gekauft. Wenn Novartis Tekturna nicht vom Markt zurückzieht, ist die Karriere des Schweizer Pharmamultis als Best-Seller jedenfalls gefährdet.

Novartis wird sich erholen

Die Analysten wissen es: Der Verfall eines Patentes bedeutet das Erscheinen von Generika und Umsatzeinbussen von bis zu 90% in den zwei kommenden Jahren. Dennoch wird das Ende von Diovan Novartis nicht in die Knie zwingen.

Ein Patentablauf kommt per Definition nie überraschend, und im Moment haben die Märkte den Basler Pharmariesen wegen des Verfalls von Diovan und des Teilmisserfolgs von Tekturna nicht sanktioniert.

Odile Rundquist sieht die Zukunft von Novartis optimistisch. "Der Konzern hat ein äusserst komplettes Produkte-Portefeuille, mit ziemlich revolutionären Medikamenten, sei es in den Bereichen Multiple Sklerose – wo Novartis die erste orale Behandlung vorschlägt – oder Onkologie."

Was Novartis mit Diovan verliere, würde weitgehend mit neuen Produkten kompensiert, sagt die Analystin. Bei anderen Pharmakonzernen, die nächstens von Patentabläufen betroffen sein werden, sieht Rundquist insbesondere für den britisch-schwedischen Multi AstraZeneca Schwierigkeiten voraus, "dessen Pipeline mit neuen Produkten ziemlich schwach ist".

AstraZeneca könnte laut der Helvea-Analystin in den nächsten Jahren 4 bis 5% seines Umsatzes verlieren.

Und Roche, der andere Schweizer Pharmariese? Odile Rundquist sieht Roche "eher gut positioniert. Der Konzern hat nur wenige auslaufende Patente, er hat biologische Medikamente, das heisst wesentlich komplizierter zu produzierende Moleküle als rein chemische. Und man weiss, dass die Einnahmenverluste beim Patentablauf in diesem Fall weniger rasch erfolgen".

Money, money, money

Letztlich werden die angekündigten "schwierigen" Jahre der Pharmaindustrie vor allem für deren Angestellte schwierig sein.

Dazu Odile Rundquist: "Alle grossen Pharmakonzerne haben in den letzten Jahren äusserst umfassende Restrukturierungsprogramme entwickelt, um zu versuchen, ihre Gewinnmargen aufrechtzuerhalten."

Gewinnmargen, welche die meisten Händler von Konsumgütern erbleichen lassen. Novartis zum Beispiel setzt jedes Jahr Produkte für 50 Milliarden Dollar mit einem Gewinn von 10 Milliarden um. Folgen unter diesen Umständen die kürzlichen und künftigen Stellenabbau-Massnahmen wirklich einer Unternehmerlogik, oder vielleicht nicht eher einer Bankierlogik?

Auf diese Frage antwortet Paul Dembinski, Direktor der Genfer Stiftung Observatoire de la finance (Obsfin), die sich für Wirtschaftsethik interessiert, gegenüber swissinfo.ch:

"Es ist schon lange so, dass die Grossunternehmen vor allem in finanziellen Kategorien denken. Die Industrie ist ein Mittel zum Erzielen von finanziellen Resultaten, und die Finanz ist es nicht, die im Dienst der industriellen Produktion steht. Diese Verkehrung wurde überall geschluckt, auch bei Novartis und anderen."

Arbeitsplätze in der Schweiz gerettet

Der Pharmakonzern Novartis schliesst seinen Standort Nyon, Kanton Waadt, nicht. Auch kommt es dort zu keinen Entlassungen. Und auch in Basel wurde die geplante Zahl der Kündigungen von 760 auf gut 250 reduziert, wie Novartis-Schweiz-Chef Pascal Brenneisen am Dienstag vor den Medien sagte.

In Nyon investiere Novartis in den kommenden Jahren namhafte Beträge in die Modernisierung der Fabrik. So sollten alle 320 Arbeitsplätze an dem Produktionsstandort für rezeptfreie Medikamente erhalten bleiben. Die Angestellten verzichteten dafür im Gegenzug auf einen Teil der für das laufende Jahr vereinbarten Lohnerhöhung.

Von der Waadtländer Kantonsregierung erhielt der Pharmakonzern Zusicherungen für Steuererleichterungen. Zudem soll ein Grundstück von Novartis in Prangins, der Nachbargemeinde Nyons, in die Wohnzone umgezont werden, was der Firma angesichts der Wohnungsnot im Kanton Waadt neue finanzielle Möglichkeiten eröffnet.

Dass Novartis von seinen anfänglichen Abbauplänen derart stark Abstand nähme, überrasche selbst Insider, schreibt der Tages-Anzeiger. Der Pharmakonzern sei offensichtlich von den heftigen Reaktionen auf den Stellenabbau in der Schweiz überrascht worden. Das Unternehmen sorgte zusätzlich für Unmut, weil es die Entlassungen im vergangenen Oktober gleichzeitig mit einem Gewinn von 10,5 Milliarden Dollar in den ersten neun Monaten 2011 bekannt gab.

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Ein Land, zwei Giganten

Die kleine Schweiz ist ein Weltschwergewicht der Pharmaindustrie. Zwei Pharmariesen teilen sich 80% des Kuchens:

Novartis ist der zweitgrösste Pharmakonzern der Welt, mit 119'500 Angestellten, 50,6 Mrd. Dollar Umsatz und 9,7 Mrd. Netto-Gewinn.

Roche ist der fünftgrösste Pharmakonzern der Welt, mit 80'600 Angestellten, 47,5 Milliarden Franken Umsatz und 8,9 Mrd. Nettogewinn.

Die anderen: Takeda/Nycomed (4,2 Mrd. Dollar Umsatz), Actelion (1,9 Mrd.), Galderma (1,6 Mrd.), Ferring Pharmaceuticals (1,4 Mrd.), Octapharma (953 Mio.), Galenica (836 Mio.) und Helsinn (355 Mio.).

(Quelle für das Jahr 2010: Evaluate Pharma, Novartis, Roche)

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Die nächsten Patentausläufe

Diese Angaben betreffen lediglich die von Schweizer Konzernen in den USA verkauften Medikamente. Meist verfallen die Patente dieser Medikamente in den anderen Ländern in derselben Periode. Der US-Markt macht generell fast 50% der weltweiten Umsätze eines Medikamentes aus. Die Zahlen entsprechen den Verkäufen des Medikamentes 2011, in Millionen Dollar.

2012: Diovan (Bluthochdruckmittel), Novartis, 2434; Boniva (Osteoporose), Roche, 408; Exforge (Bluthochdruckmittel), Novartis, 336.

2013: Zometa (Rheuma), Novartis, 683; Xeloda (Darmkrebs), Roche, 509; Aclasta (Osteoporose), Novartis, 400; Comtan (Parkinson), Novartis, 228.

2014: Tobi (Lungenentzündungen), Novartis, 176; Travatan (Grüner Star), Novartis, 390.

2015: Glivec (Leukämie), Novartis, 1458; Tracleer (Bluthochdruckmittel), Actelion, 824; Ritalin (Psychopharmakon), Novartis, 366; Valcyte (Augen-Desinfektionsmittel für Aids-Kranke), Roche, 305; Patanol (Bindehautentzündungs-Allergie), Novartis, 450.

(Quelle: Evaluate Pharma)

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