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Geschichte Kurzwellen im Dienste der Schweizer Politik



Ein Radiotechniker des Kurzwellensenders Schwarzenburg bei der Arbeit 1945. 

Ein Radiotechniker des Kurzwellensenders Schwarzenburg bei der Arbeit 1945. 

(RDB)

Ein neues Buch erzählt die Geschichte des Kurzwellendienstes – der Vorgängerin von swissinfo.ch. Die Historikerin Raphaëlle Ruppen Coutaz zeigt in dem Buch, wie die Schweiz mit Hilfe des Radiosenders ihre Haltung im Ausland vertreten konnte. Ein Interview.

Das Buch untersucht die internationalen Tätigkeiten der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) sowie im Besonderen Gründung und Anfangszeit des Kurzwellendienstesexterner Link, der später in Schweizer Radio International umbenannt und inzwischen zu swissinfo.ch umgewandelt wurde. Die Studie konzentriert sich auf die Jahre 1932 bis 1949, eine einschneidende Zeit, in der die Schweiz ausländischer Propaganda widersprechen und mit Hilfe der Kurzwellen die eigene Sicht verteidigen musste.

swissinfo.ch: Aus welchen Gründen hat man den Kurzwellendienst gegründet?

Raphaëlle Ruppen Coutaz: Ab den 1930er-Jahren war das Radio im Aufschwung. Die Schweiz äusserte in der Botschaft des Bundesrats vom 9. Dezember 1938 über die geistige Landesverteidigung den Wunsch, einen eigenen nationalen Kurzwellendienst zu gründen. Davor nutzte man jenen der Union Schweizerischer Kurzwellen Amateure oder man mietete jenen des Völkerbundes.

Die Idee war, der ausländischen Propaganda, besonders aus dem faschistischen Italien und dem nazistischen Deutschland, etwas entgegenzusetzen. Man wollte die Nazifizierung von Auslandschweizern verhindern. Man wollte auch einem breiteren Publikum die Schweiz näherbringen und ihre politischen Entscheidungen auf internationaler Ebene erklären.

Raphaëlle Ruppen Coutaz ist Assistenz-Professorin am historischen Seminar der Universität Lausanne. Ihre Dissertation aus dem Jahr 2015 bildet Basis des Buches. Ruppen Coutaz war auch an einem interdisziplinären Forschungsprojekt über die Geschichte der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) zwischen 1983 und 2011 beteiligt und publizierte ein Buch über den Kampf zum Frauenstimmrecht im Kanton Wallis.

(Felix Imhof)

swissinfo.ch: Der Kurzwellendienst war also ein sehr offizielles Medium…

R. R. C.: In der Tat. Und es gelang mir, dies mit meinen Recherchen zu beweisen. Dieser offizielle Charakter zeigte sich nicht nur beim Inhalt der Programme, sondern auch beim Profil der angestellten Personen, vor allem bei den Redaktoren.

Wenn man die Lebensläufe untersucht, fällt auf, dass diese Personen den politischen Behörden sehr nahestanden, weil sie beispielsweise lange Zeit als Parlamentsjournalisten gearbeitet hatten. Einige wurden sogar direkt vom Bundesrat empfohlen. Ich habe Briefe gefunden, in denen sie als "vertrauenswürdig" bezeichnet wurden. Diese Personen waren sehr engagiert und haben an die geistige Landesverteidigung geglaubt.

swissinfo.ch: Während des Zweiten Weltkrieges gehörte die Schweiz zu den wenigen europäischen Ländern, die nicht am Konflikt beteiligt waren. Wahrscheinlich waren Informationen aus der Schweiz beliebt?

R. R. C.: In den USA waren die Nachrichten des Kurzwellendienstes besonders wichtig für das Amt für Kriegsinformationen (eine Regierungsbehörde zur Verbreitung von Kriegspropaganda) und das Columbia Broadcasting System (CBS), das die Sendungen unter Aufsicht des Schweizer Generalkonsulsexterner Link in New York aufzeichnete.

CBS verwendete die Informationen auch weiter, da es in Kriegszeiten wenige Informationen gibt, und diese zudem meist parteiisch sind. Die Schweiz konnte relativ neutrale und etwas breitere Informationen bieten.

swissinfo.ch: Der Kurzwellendienst diente aber auch zur Rechtfertigung der Schweizer Sichtweise.

R. R. C.: In der Tat. Die Schweiz realisierte ab 1943, dass die Alliierten den Krieg gewinnen würden. Sie musste ihre Position überdenken, da die Alliierten ihr vorwarfen, weiterhin mit den Achsenmächten Geschäfte zu machen. Die Schweiz befand sich also in einer Position, in der sie sich rechtfertigen und ihre Politik der Neutralität erklären musste.

Der Kurzwellendienst engagierte sich in dieser Mission, vor allem gegenüber dem amerikanischen Publikum. Es wurden Rubriken geschaffen, die sich speziell an die USA richteten. Darin betonte man die Neutralität und das Schweizer Demokratiemodell, ebenso wie die Gemeinsamkeiten der beiden Länder.

Etwas origineller war, dass der Kurzwellendienst amerikanische Soldaten, die in der Schweiz eine Woche Erholungsurlaub verbrachten, direkt ans Mikrophon holte. Durch Auslosung konnten sich einige der 300'000 Soldaten auf Urlaub am Radio direkt an ihre Familie in den USA wenden. Die Amerikaner machten es sich zur Angewohnheit, sich für diese Sendungen am Radio zu versammeln und ein Teil des Programmes wurde sogar von amerikanischen Stationen weiterübertragen.

Es gibt noch Dankesbriefe von Eltern, die beschreiben, wie glücklich sie waren, die Stimme ihres Sohnes zu hören, den sie nicht mehr gesehen hatten, seit er nach Europa in den Krieg gezogen war. Diese Initiativen vermittelten ein positives Bild der Schweiz. Es war ein bisschen ein Vorgeschmack auf das, was die Amerikaner später in den 1960er-Jahren "public diplomacy" nannten.

Das Buch (auf Französisch)

Raphaëlle Ruppen Coutaz, "La Voix de la Suisse à l’étranger. Radio et relations culturelles internationales (1932-1949)", Editions Alphil.

(zvg)

swissinfo.ch: "Neutrale" Informationen im Herzen des besetzten Europas und Ausstrahlung der Programme in den USA: Man könnte sagen, dass die Kriegszeit eine Art goldenes Zeitalter für den Schweizer Kurzwellendienst war?

R. R. C.: Ich denke nicht, denn die Mittel waren noch sehr beschränkt. Aber die Aktivitäten während des Zweiten Weltkrieges dienten am Ende des Kriegs dem Bundesrat und der SRG zur Rechtfertigung der Weiterentwicklung des Kurzwellendienstes, inbesondere bei der Erhöhung der Anzahl und Stärke der Kurzwellensender.

Das echte goldene Zeitalter kam in den 1950er und 1960er-Jahren, als der Schweizer Kurzwellendienst Geld vom Bund bekam, um die Entwicklungsländer zu erreichen.

swissinfo.ch: Das Ziel eines internationalen Radios war auch, zwischen Auslandschweizern und der Heimat eine Verbindung zu halten. Wie wurden die Sendungen von der Fünften Schweiz wahrgenommen?

R. R. C.: Es ist schwierig, die Resonanz der Programme zu kennen, weil man keine Studien beim Publikum durchführen konnte. Aber in den Briefen von Hörerinnen und Hörern, die aufbewahrt wurden, bemerkt man eine richtige Verbundenheit zu diesem Radio. Diese Stimme aus der Ferne löste wirklich Gefühle aus, besonders während des Krieges, als die Postverbindungen unterbrochen waren. Für die Deutschschweizer hat die Verwendung des Dialekts die emotionale Verbindung noch verstärkt.

Damals waren Auslandtelefonate zu teuer für Privatpersonen. Das Radio löste daher Gefühle aus, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können. Die Stimme eines Verwandten zu hören oder von einem Journalisten den Brief eines Angehörigen vorgelesen zu bekommen war eine ganz andere Sache als die Zeitung zu lesen.

swissinfo.ch: Viele internationale Radios sind heute verschwunden oder wurden stark reduziert. Sind die wenigen noch existierenden internationalen Radios zum Sterben verurteilt?

R. R. C.: Der technische Fortschritt hat die Ausganslage komplett verändert und die Legitimierung internationaler Radios in Frage gestellt. Aber das bedeutet nicht, dass das verfolgte Ziel wegen technischer Innovationen in Frage gestellt werden muss. Das hängt davon ab, was man machen will.

Das Radio berührt die Leute weiterhin am meisten, viel mehr als das Internet. Beispielsweise ist es für Radio France Internationale (RFI) immer noch ein ausgezeichnetes Mittel, in grösserem Umfang Afrika zu informieren.

Im Fall der Schweiz zeigt die Geschichte des Kurzwellendienstes das Ziel, die Auslandschweizer und ein breiteres Publikum aus einer politischen und wirtschaftlichen Elite zu erreichen.

In diesem Sinne ist die Verwendung von Radio zweifellos nicht mehr zwingend notwendig. Aber nichtsdestotrotz rechtfertigt meiner Meinung nach die Wichtigkeit der öffentlichen Meinung seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert das Mandat von swissinfo.ch.


(Übertragung aus dem Französischen: Sibilla Bondolfi)


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