"Für die Schweiz bin ich zu brasilianisch"

Beatrice Reichen reist gerne in die Schweiz und ist jedesmal glücklich wieder in ihre Heimat Brasilien zurückzukehren. Lucas Lacaz Ruiz/latinphoto.org

Als Tochter von Schweizer Missionaren wurde sie in Brasilien geboren. Auslandschweizerin Béatrice Reichen fühlt sich heute aber als Brasilianerin. Erst recht dann, wenn sie auf Besuch in ihrer alten Heimat weilt. Protokoll.

Dieser Inhalt wurde am 21. Juni 2020 - 11:00 publiziert
Aufgezeichnet von Lucas Lacaz Ruiz, swissinfo.ch

"Meine Mutter stammt aus der Malerfamilie Robert und ich hatte das Vergnügen, meinen Grossvater Paul André Robert zu kennen, einen grossen Künstler und Kenner der Natur. Maman wuchs in der Romandie auf, mein Vater in der Deutschweiz. Von ihm, habe ich die Vorliebe für die Musik und für Sprachen. Kurz nach ihrer Heirat wurden meine Eltern nach Brasilien geschickt, auf christliche Mission. Ich wurde in São Paulo geboren. 

Meine Muttersprache ist Französisch. Ich verstehe auch Schweizerdeutsch, aber ich spreche es nicht. Alles in allem habe ich etwa fünf Jahre in der Schweiz verbracht, oft in den Ferien, aber auch, um zu arbeiten. Ich hatte nie den Wunsch, dort zu leben. 

Lucas Lacaz Ruiz/latinphoto.org

Mein Mann und ich haben vor fast 30 Jahren beschlossen, von São Paulo aufs Land zu ziehen. Er ist Koch und Künstler. Als wir hier bei der Kleinstadt Monteiro Lobato ankamen, war die Vegetation arm. Nach und nach pflanzten wir Hunderte von Bäumen. Wir haben einen kleinen Gemüsegarten, aber auch eine Käserei – die ist in Betrieb, wenn eine der beiden Kühe Milch gibt – einen Hühnerstall und eine Werkstatt. 

Lucas Lacaz Ruiz/latinphoto.org

Wir empfangen oft Besucher aus der Schweiz. Ich bin Lehrerin für Französisch als Fremdsprache in der Stadt São José, 20 Meilen von meinem Haus entfernt. Zurzeit gebe ich meine Kurse online. Sonst habe ich so ziemlich die gleiche Routine beibehalten: Unterricht vorbereiten, studieren, die Hausaufgaben der Schüler, zwei volle Tage Online-Unterricht, zwei Tage, um mich um mein Haus zu kümmern, und dann den Rest der Zeit für meine Hobbys: Lesen, Schreiben, Filme, etwas Bewegung, Klavierspielen und meditieren.  

Lucas Lacaz Ruiz/latinphoto.org

Was meine Wurzeln betrifft, so sage ich oft scherzhaft, dass ich das "missing link" zwischen der Schweiz und Brasilien bin: In der Schweiz fühle ich mich als Brasilianerin; hier fühle ich mich sehr schweizerisch. Typische Schweizer Merkmale, die mir gefallen sind die klaren und eindeutigen Antworten, Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein. Aber Brasilien bleibt mein Heimatland. Hier ist mir wohler. Hier fühle ich mich frei."

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