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"Wissen ist unsere wichtigste Ressource"



Jimmy Wales an der Preisverleihung in der Nähe von Zürich.

Jimmy Wales an der Preisverleihung in der Nähe von Zürich.

(Keystone)

Den Menschen weltweit Zugang zu Informationen ermöglichen: Dies ist das Kernanliegen des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales, der in der Schweiz mit dem renommierten Gottlieb-Duttweiler-Preis ausgezeichnet wurde.

Wales erhielt den Preis am Mittwoch in Rüschlikon (Kanton Zürich) für seine unentgeltliche Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Der Preis wird an Personen verliehen, die sich mit hervorragenden Leistungen für die Allgemeinheit verdient gemacht haben.

Im Gespräch mit swissinfo.ch erklärte Wales im Vorfeld, es sei der bedeutendste Preis, den er je erhalten habe – und sich mit anderen Preisträgern wie dem ehemaligen UNO-Generalsekretär Kofi Annan im selben Kreis zu finden, sei eine grosse Ehre.

Wikipedia wurde vor zehn Jahren gegründet. Die Enzyklopädie wird von freiwilligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen betrieben.

Heute gibt es Wikipedia bereits in mehr als 270 Sprachen; das Online-Lexikon wird monatlich weltweit rund 400 Millionen Mal besucht. Wikipedia ist eine gemeinnützige Organisation, die sich durch Spenden finanziert. Wales hat keine Pläne, diese Struktur zu ändern.

Die Online-Enzyklopädie hat grosse Pläne, ihre Präsenz in den Schwellen- und Entwicklungsländern weiter auszubauen. So soll bald ein neues Büro in Indien eröffnet werden.

swissinfo.ch: In der Presseerklärung zur Verleihung des Duttweiler-Preises an Sie heisst es, Wikipedia habe den "Zugang zum Wissen revolutioniert, der wichtigsten Ressource der Menschen". Was sagen Sie dazu?

Jimmy Wales: Wissen ist unsere wichtigste Ressource: Der einzige Weg, wie wir Fortschritte machen, die Gesellschaft verbessern, die Welt zu einem besseren Platz machen können, ist durch Verständnis, durch Wissen. Es ist daher wirklich wichtig, dass so viele Menschen wie möglich Zugang zu hochwertigen Informationen haben.

Ich glaube, dass wir die humanitären Auswirkungen von Wikipedia noch stärker umsetzen müssen. Die wirklich wichtige Arbeit, das Wachsen von Wikipedia in Schwellen- und Entwicklungsländern, steht noch bevor. So sehen wir zum Beispiel ein rasches Wachstum bei vielen Sprachen in Indien.

Ich glaube, langfristig wird es sehr erstaunlich sein, was der Zugang zu Wissen für all jene Menschen, die bisher nur wenig Zugang hatten, noch nach sich ziehen wird.

swissinfo.ch: Wikipedia wurde bei der Preisverleihung auch für den Beitrag zur Wissensdemokratisierung gelobt.

J.W.: Die Idee, dass wir offene Diskussionen, Dialog und Debatten haben sollten, transparent, respektvoll und sorgfältig sein müssen, ist der Angel- und Drehpunkt von Wikipedia.

Das ist ganz anders als ein Modell, bei dem eine kleine Elite darüber entscheidet, was publiziert wird, was alle sehen können. In dem Sinne funktioniert es bei uns völlig anders.

swissinfo.ch: Sind Sie überrascht vom Erfolg, den Wikipedia in zehn Jahren hatte?

J.W.: Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren eine Liste der 100 meistbesuchten Websites anschaute und dabei auf Platz 50 auf eine Site stiess, die eine Art Nachschlagwerk war.

Und wie ich damals dachte, wenn wir es richtig machen, könnten wir es unter die ersten 100 oder 50 schaffen. Heute liegen wir weltweit auf Platz fünf. Der Erfolg hat also offensichtlich meine optimistischsten Erfahrungen übertroffen.

swissinfo.ch: Was die Qualität von Wikipedia angeht, hat es auch Kritik gegeben.

J.W.: Das Wichtigste ist, dass wir eine Kerngemeinschaft haben, die sich mit Leidenschaft dafür einsetzt, dass die Informationen richtig sind.

Was wir tun wollen, ist dieser Kerngemeinschaft die Software geben zu können, damit sie die Qualität der Site aufrechterhalten und kontrollieren kann. Und das funktioniert eigentlich sehr gut. Es ist ein steter Prozess. Die Qualität ist von Beginn weg stetig gewachsen und soll in Zukunft noch besser werden.

swissinfo.ch: Was ist der Reiz, was bringt Leute dazu, für Wikipedia Artikel zu erstellen?

J.W.: Einerseits geht es um ein gemeinnütziges Projekt: Das grosse humanitäre Ideal von frei zugänglichem Wissen für alle ist für viele Menschen offensichtlich inspirierend.

Andererseits macht es einfach Spass, die Leute geniessen es, Artikel für Wikipedia zu bearbeiten, sie finden es interessant, treffen andere Leute, die sich für dieselben Themen interessieren. Sie diskutieren, debattieren, streiten und arbeiten zusammen, bauen zusammen etwas und am Ende des Tages fühlen Sie auch einen gewissen Stolz.

swissinfo.ch: Es gab Berichte, dass heute weniger Leute für Wikipedia Artikel schreiben. Sind Sie darüber besorgt?

J.W.: Einige dieser Berichte sind schlicht falsch. Aber wir nehmen die Frage, wie wir die Partizipation ausweiten können, ernst. Es geht uns dabei nicht in erster Linie um die Anzahl Leute, die mitmachen, sondern auch darum, wer mitmacht.

Wir möchten gerne mehr Frauen anziehen, auch mehr ältere Leute, Leute mit Wissenshintergrund, in Bereichen, in denen wir bisher nicht so stark sind, wie wir es gerne möchten. Wir unternehmen viele Dinge, um neue Redaktorinnen und Redaktoren zu rekrutieren.

swissinfo.ch: Was sind Ihre Zukunftspläne für Wikipedia?

J.W.: Ich denke, das Bedeutendste ist unser Wachstum in Sprachen aus Schwellen- und Entwicklungsländern. In den nächsten sechs Monaten werden wir unser erstes Büro ausserhalb der USA eröffnen, in Indien. Wir wollen so das Wachstum in weiteren dortigen Sprachen unterstützen, bisher gibt es Ausgaben in 20 indischen Sprachen.

Wenn das Projekt Erfolg hat, werden wir den Ansatz auch in anderen Regionen der Welt anwenden. Die nächste Dekade steht im Zeichen des Wachstums in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Jimmy Wales

Wales wurde in Huntsville im US-Bundesstaat Alabama geboren.

Er studierte Finanzwissenschaften und arbeitete danach als Händler an der Börse in Chicago.

Später wurde Wales Internet-Unternehmer und gründete 1996 mit zwei Partnern das Portal Bormis.

Im Jahr 2000 gründete Wales Nupedia, eine Internet-Enzyklopädie mit Beiträgen von Fachexperten, deren Artikel vor der Publikation von anderen Experten begutachtet wurden (Peer Review).

Wikipedia, ursprünglich ein Nebenprojekt von Nupedia, ging am 15. Januar 2001 online.

Wikipedia wurde rasch populär und grösser. Heute hat die Website weltweit rund 400 Millionen Besuche pro Monat.

Wales hat sich von seiner zweiten Frau getrennt und hat eine Tochter.

(Quelle: Wikipedia-Eintrag)

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Gottlieb-Duttweiler-Preis

Der Preis wird nach Stiftungsurkunde an Personen verliehen, die sich durch "hervorragende Leistungen zum Wohle der Allgemeinheit verdient gemacht haben für eine kulturelle, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Umwelt, in der ein jeder sich entfalten und an deren Weiterentwicklung ein jeder eigenständig mitwirken kann".

Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem der frühere Dissident und spätere tschechische Präsident Vaclav Havel (1990), der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer (2004) und der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan (2008).

Der Preis trägt den Namen des legendären Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler. Er wird in unregelmässigen Abständen vergeben.

Jimmy Wales erhielt das Preisgeld von 100'000 Franken diese Woche im Rahmen einer Zeremonie im Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) in Rüschlikon bei Zürich.

Die Laudatio hielt Roger de Weck, der neue Generaldirektor der SRG, der Muttergesellschaft von swissinfo.ch.

Gegenüber dem Schweizer Fernsehen erklärt de Weck: "Jimmy Wales hätte mit Wikipedia viel Geld verdienen können, aber er hat darauf verzichtet. Dieses Projekt wird durch Spenden finanziert. Es dient dem Gemeinwesen und wird vom Gemeinwesen getragen – das ist grossartig."

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(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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