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Amira Hafner-Al-Jabaji Minarett-Abstimmung und muslimisches Selbstverständnis



Gegner der vermeintlichen Islamisierung der Schweiz protestieren weiter.

Gegner der vermeintlichen Islamisierung der Schweiz protestieren weiter.

(Keystone)

Nach der Abstimmung über das Minarett-Verbot hat die Schweizer Regierung den Dialog mit der muslimischen Gemeinschaft verstärkt. swissinfo.ch hat die Islam-Wissenschaftlerin Amira Hafner-Al-Jabaji gefragt, was sich seit dem 29. November 2009 verändert hat.

Hafner-Al-Jabaji, eine Schweizerin mit irakischen Wurzeln, ist am Dialog mit der Regierung beteiligt. Sie ist Präsidentin des Interreligiösen Think-Tanks, eines institutionell unabhängigen Zusammenschlusses von Frauen, dessen Ziel es ist, Religionsfreiheit zu schützen, religiösen Frieden zu fördern und Fundamentalismus jeglicher Art vorzubeugen.

Im Gespräch mit swissinfo.ch erklärte Hafner-Al-Jabaji, die umstrittene Abstimmung habe den schon zuvor existierenden Bedarf für einen Dialog zwischen den Schweizer Behörden und der muslimischen Gemeinschaft akzentuiert.

Einer der positiven Aspekte ein Jahr danach sei, dass sich die Gespräche von Sicherheitsfragen weg bewegt hätten zu Fragen über Integration und Partizipation der Muslime in der Schweizer Gesellschaft.

swissinfo.ch.: Nach der Abstimmung zum Verbot von Minaretten hat die Schweizer Regierung den Dialog mit der muslimischen Gemeinschaft verstärkt. Welche Resultate sehen Sie nach einem Jahr?

Amira Hafner-Al-Jabaji: Von muslimischer Seite her konnten wir klar machen, welche Themen uns beschäftigen, wo unsere Prioritäten liegen und was wir unter einem nachhaltig wirksamen Dialog verstehen. Es gibt viele verschiedene muslimische Organisationen, Themen und Prioritäten. Und bisher gab es keine wirklich nachhaltig wirkende Versammlung oder Gruppe, die bereit war, daran zu bleiben, weiter zu arbeiten, Probleme zu lösen, Projekte durchzuziehen usw.

Der Dialog mit der Regierung hat dazu geführt, dass wir auch ein gemeinsames Verständnis unter uns Muslimen suchen und fördern müssen. Der innermuslimische Dialog ist für uns ebenfalls ein sehr wichtiger Schritt.

swissinfo.ch: Können die Schweizer Muslime und Musliminnen diesen Dialog untereinander auch ohne Beteiligung der Regierung weiterführen?

A.H-A-J.: Man muss sich klar sein, dass es zwei hauptsächliche Prioritäten gibt: Einerseits den Dialog mit der Regierung, denn es gibt nach der Minarett-Abstimmung Probleme, juristische Probleme, in der Gesellschaft.

Andererseits müssen wir Muslime selber daran arbeiten, das Bild der Muslime, das Bild des Islam zu ändern. Muslime müssen aktiv werden, herausfinden, wie sie auf positive und konstruktive Weise kooperieren, sich integrieren und vermehrt an der Gesellschaft partizipieren können. Eine Aktivität macht die andere noch nicht unnötig. Wir müssen uns in beide Richtungen bewegen...

Bisher war es immer so, dass die Schweizer Gesellschaft, die Schweizer oder kantonalen Regierungen die Agenda festlegten und die Muslime folgen mussten. Ich hoffe, in Zukunft werden Muslime öfter selber ihre Anliegen einbringen können.

swissinfo.ch: Muslime in der Schweiz haben in verschiedenen Bereichen Probleme, bei der Arbeit, der beruflichen Ausbildung und anderem mehr. Wurde bei den Gesprächen mit der Regierung auch diskutiert, wie man diese Probleme angehen könnte?

A.H-A-J.: Die Regierung hat verschiedene Bereiche definiert, in denen sie aktiv werden muss, und wir sprachen auch darüber, wie wir in diesen Bereichen aktiv werden können. Ein Bereich ist der Arbeitsmarkt und wie Muslime dafür besser ausgerüstet werden können. Ein weiterer Bereich dreht sich um die Frage, wie man mit den Medien umgehen soll. Und ein dritter Bereich ist das Thema Gesundheit.

Jetzt müssen wir uns damit befassen, welche Projekte wir als Muslime, ohne Hilfe der Regierung, fördern können. Was den innermuslimischen Dialog angeht, würde ich sagen, dass wir noch ganz am Anfang stehen. Aber der Anfang ist immer der wichtigste Schritt. Und wir wollen wirklich Aktivitäten in der Gesellschaft anstossen.

Ich möchte dabei aber betonen, dass wir das nicht als Muslime für Muslime tun, sondern weil wir uns in erster Linie als Bürger und Bürgerinnen der Schweiz verstehen. Wir tun dies im Interesse der Gesellschaft als Ganzes.

swissinfo.ch.: Was die Integration angeht, hat der Dialog dazu beigetragen, eine Übereinstimmung zum Konzept der Integration zu finden?

 A.H-A-J.: Auf Seite der Regierung geht es bei der Integration vor allem um die Sprache, und darum, für den Arbeitsmarkt gerüstet zu sein. Meiner Ansicht nach herrscht aber in der Schweizer Gesellschaft eine andere Ansicht vor, was integriert sein bedeutet, ein Bild, das sich stark vom rechtlichen Denken unterscheidet. Und diesen Graben gilt es zu überwinden.

Integration kann nicht bedeuten, dass Muslime oder irgendwelche andere Gruppen sich assimilieren, ihren Glauben und ihre Lebensart aufgeben müssen. Ich denke, es ist uns gelungen, klar zu machen, dass wir damit, was in der hiesigen Gesellschaft allgemein als Integration verstanden wird, Schwierigkeiten haben.

swissinfo.ch.: Einige Frauen können wegen ihrem Kopftuch keiner Arbeit nachgehen, und die Regierung kann nichts tun, um hier zu helfen. Ist es eine Möglichkeit, Partner aus der Wirtschaft zur Teilnahme an diesem Dialog einzuladen?

A.H-A-J.: Ja, absolut. Es ist aber auch nicht einfach allgemein so, dass Frauen, die ein Kopftuch tragen, nicht arbeiten können. Ich denke, die Regierung ist bereit, in diesem Bereich eine Vorbildrolle zu spielen. Auch andere grosse Arbeitgeber in der Schweiz sind sich bewusst, dass ein Kopftuch zum Beispiel in einem Labor oder bei anderen Arbeiten kein Problem darstellt. Es geht mehr um den öffentlichen Bereich.

Wir müssen das Bewusstsein dafür erhöhen, dass es kein Problem ist, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit ein Kopftuch trägt. Das ist der nächste Schritt. Wir müssen den Menschen klar machen, dass die Kopftuch-Frage in einer Gesellschaft, die Bildung und wirtschaftliche Fitness propagiert, kein Thema sein sollte.

swissinfo.ch.: Generell haben auch Medien in den vergangenen Jahren bei der Stigmatisierung der Muslime eine Rolle gespielt. Was kann die Regierung tun, um diese Situation zu ändern?

A.H-A-J.: Die Pressefreiheit ist einer der Pfeiler der Demokratie. Und natürlich kann die Regierung nur sehr beschränkt eine Wirkung auf die Medien oder deren Inhalt haben. Was sie aber tun kann und wozu sie bereit ist, sind Bemühungen, unter Medienschaffenden das Bewusstsein für diese Fragen zu schärfen.

Eine nationale Studie zeigte jüngst, dass Medienschaffende nur ungenügende Religionskenntnisse haben, vor allem was den Islam angeht. Es braucht also neue Schritte bei der Ausbildung von Journalisten in dem Bereich und dabei, wie sie über Themen berichten, die den Islam angehen.

Aber auch wir Muslime müssen uns vermehrt mit den Medien befassen als bisher. Wir müssen für Präsenz in den Medien sorgen, aktiv werden, uns einbringen und die realen Probleme bezeichnen.

swissinfo.ch.: Abschliessend: Sind sie optimistisch, was den weiteren Dialog angeht?

 A.H-A-J.: Ich bin absolut optimistisch, denn ich sehe, dass unter den Muslimen, die an diesem Dialog teilnehmen, ein breites gegenseitiges Verständnis herrscht. Und das hilft uns, deutlich zu machen, wo unsere Prioritäten liegen.

Muslime in der schweiz

Die muslimische Gemeinschaft der Schweiz umfasst etwa 4,5% der Bevölkerung. Etwa 10% haben die Schweizer Staatsbürgerschaft.


Die meisten muslimischen Immigranten und Immigrantinnen kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien (etwa 56%) und aus der Türkei (etwa 20%). Insgesamt leben heute Muslime und Musliminnen aus rund 100 Ländern in der Schweiz.

Zwischen den Volkszählungen von 1990 und 2000 hat sich die Zahl der Muslime und Musliminnen verdoppelt, vor allem durch den Zuwachs an Flüchtlingen und Asylsuchenden, unter anderem von Menschen aus dem früheren Jugoslawien.

In der Schweiz gibt es heute etwa 200 Moscheen und muslimische Gebetsräume, nur vier Moscheen haben ein Minarett.

Am 29. November 2009 war die Volksinitiative zum Verbot des Baus von Minaretten mit einer Mehrheit von 57% der Stimmenden angenommen worden. Bevor die Initiative von rechtsbürgerlich-konservativen Kreisen lanciert worden war, hatten lokale Baugesuche für Minarette zu hitzigen Debatten, Petitionen und Einsprachen geführt.

In den letzten Jahren haben Projekte zum Bau von Moscheen und Minaretten auch in vielen anderen europäischen Ländern, darunter Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Österreich, Schweden und Slowenien Proteste ausgelöst, teilweise auch gewalttätige.

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Amira Hafner-Al-Jabaji

1971 als Tochter eines irakischen Vaters und einer deutschen Mutter in Bern geboren.

Sie studierte an der Universität Bern Islamwissenschaften, vorder-orientalische Philologie und Medienwissenschaften.

Seit 1996 arbeitet Amira Hafner-Al-Jabaji freischaffend als Referentin und Publizistin in den Bereichen Islam, Muslime in der Schweiz und interreligöser Dialog.

Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

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(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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