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Aus den Augen, aus dem Sinn? "Die Gotthard-Bahnstrecke hat die Schweiz geprägt"



Die Kehrtunnel, dank denen die Züge praktisch an Ort Höhe gewinnen können, gehören zu den Besonderheiten der alten Eisenbahnstrecke am Gotthard.

Die Kehrtunnel, dank denen die Züge praktisch an Ort Höhe gewinnen können, gehören zu den Besonderheiten der alten Eisenbahnstrecke am Gotthard.

(Keystone)

Am 11. Dezember wird der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel fahrplanmässig in Betrieb genommen. In 20 Minuten unterfahren Bahnreisende im Schnellzug künftig das zentrale Gotthard-Massiv. Sie verpassen somit Eindrücke und Sehenswürdigkeiten entlang der historischen Bergstrecke zwischen Erstfeld (Uri) und Bodio (Tessin). Was ihnen entgeht, beschreibt Historiker und Schienenverkehrsexperte Kilian T. Elsasser im Gespräch mit swissinfo.ch.

swissinfo.ch: Wie häufig sind Sie in Ihrem Leben über die Gotthard-Bergstrecke gereist?

Kilian T. Elsasser: Als Kind sehr selten. Doch in den letzten 20 Jahren fahre ich monatlich ein- bis zweimal die Bergstrecke, vor allem bis nach Göschenen hoch.

swissinfo.ch: Was macht für Sie das Besondere dieser Bahnstrecke aus?

K.T.E.: Es ist einfach eine aussergewöhnlich spannende Fahrt durch die wilden Alpen. Die Strecke verbindet sich zudem sehr eng mit der Identität der Schweiz. Sie trieft sozusagen vor Geschichte.

Der Historiker und Museumsexperte Kilian T. Elsasser ist 60 Jahre alt. Er arbeitete von 1992 bis 2004 als Kurator Schienenverkehr im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern. 2004 gründete er die "Museumsfabrik", eine eigene Firma für Museumsberatung.

Vor kurzem publizierte Elsasser (zusammen mit dem Journalisten Alexander Grass) das Buch "Drei Weltrekorde am Gotthard" (Verlag Hier und Jetzt, Baden 2016).

(Gerhard Loeb/swissinfo.ch)

swissinfo.ch: Was bedeutet es, dass nun die zentrale Nord-Süd-Verbindung nicht mehr über die historische Bergstecke verläuft?

K.T.E.: Der neue Tunnel ist eine gewaltige Ingenieursleistung. Darauf bin ich als Schweizer stolz. Andererseits gibt es diesen Wermutstropfen, dass man die Bergstrecke nur noch für den Nahverkehr und für Vergnügungsreisen braucht. Die Bergstrecke, lange ein Lastenesel im Nord-Süd-Verkehr, wird zu einem Unterhaltungsfaktor.

swissinfo.ch: Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) nennen diese neuerdings Panoramastrecke. Gefällt Ihnen dieser Ausdruck?

K.T.E.: Früher sagte man einfach Gotthard-Bahn. Die Bezeichnung "Bergstrecke" war ein Arbeitsausdruck. Panorama-Strecke trifft nun eigentlich den Erlebnisgehalt besser.

swissinfo.ch: Begeben wir uns auf die Reise von Norden in Richtung Süden. Das Nordportal des Gotthard-Basistunnels steht in Erstfeld. Ein sehenswerter Ort?

K.T.E.: Erstfeld war ein kleines Dorf. Nur dank der Gotthard-Bahn wurde Erstfeld zu einem richtigen Ort. Dort wurden Lokomotiven unterhalten und angehängt, damit man mit schweren Zügen über den Gotthard fahren kann. Im 19. Jahrhundert war es eine richtige Boom-Gemeinde. Dort wurde eine der ersten reformierten Kirche der Zentralschweiz gebaut. Das ist ein Stück Geschichte.

swissinfo.ch: Wird der Ort jetzt an Bedeutung verlieren?

K.T.E.: Es hat schon lange an Bedeutung verloren. Der Ort muss eine neue Ausrichtung finden. Es braucht neue Betriebe. Aber auch der Tourismus ist für diesen wichtigen Verkehrsknotenpunkt der Gotthardbahn von Bedeutung.

swissinfo.ch: Auf der Nordrampe zum Gotthard-Scheiteltunnel geht es durch Gurtnellen. Felsstürze unterbrechen hier immer wieder die Linie. Wie stark ist der Konflikt mit der Natur auf der Gotthard-Linie?

K.T.E.: Dass man es überhaupt geschafft hat, hier eine Bahnlinie zu bauen, war ein Triumpf des menschlichen Könnens. Doch der Mensch musste sich immer wieder gegen die Natur wehren, gegen Unwetter, Steinschläge und Lawinen. Es war und ist ein steter Kampf, um die Strecke sicher zu betreiben. Sehr viel Unterhaltsarbeiten sind nötig – Steinschlag- und Lawinenverbauungen. Im Übrigen nicht nur für die Bahnlinie, sondern auch für den Schutz von Kantonsstrasse und Autobahn.

swissinfo.ch: In Wassen steht das legendäre Kirchlein, das Bahnreisende dank der Kehrtunnels aus drei unterschiedlichen Perspektiven sehen. Seit wann existiert eigentlich dieser Hype um das Kirchlein von Wassen?

K.T.E.: Im 19. Jahrhundert war die Gotthard-Bahn die wichtigste Touristenattraktion der Schweiz. Jeder Tourist wollte sie befahren. Und jeder Reiseführer erwähnte das Kirchlein von Wassen. Die schweizerische Verbundenheit mit dem Kirchlein entstand aber wohl erst in den 1960er- und 70er-Jahren, als der Komiker Emil Steinberger in einem Sketch auf sehr witzige Art vom Kirchlein erzählte – der dramatisch endet, da fällt am Ende sogar sein Sohn aus dem Zug.

swissinfo.ch: Die Kirche haben viele gesehen, aber wohl nur wenige besichtigt.

K.T.E.: Ich glaube, die wenigsten Leute haben die Kirche je von innen gesehen. Dabei ist es eine sehr schöne Barockkirche. Der Perspektivwechsel auf die Kirche verwirrt Zugreisende übrigens immer wieder, weil die Orientierung schwierig ist. Ich hatte einmal einen Inder bei einer Führung in Wassen dabei, der glaubte, unter Halluzinationen zu leiden, weil er die Kirche vom Zug aus drei Mal gesehen hatte.

swissinfo.ch: Was verpassen eigentlich Leute, die in Göschenen nicht aussteigen?

K.T.E.: Göschenen ist nicht nur ein schöner Ausgangspunkt für Wanderungen, sondern auch ein interessanter und geschichtsträchtiger Ort. Mit dem Bau des Gotthard-Tunnels wurde hier nationale Geschichte geschrieben. Auch die alte Gotthard-Strasse und das Zolltor sind wunderbare Zeitzeugen.

swissinfo.ch: Wir fahren weiter durch den "alten" Gotthard-Tunnel nach Airolo ins Tessin. Ist dieser eigentlich mehr als nur ein Tunnel?

K.T.E.: Eindeutig. Er ist eine Verbindung von zwei Kulturen – der deutsch-alemannischen und der italienischen Kultur. Er schweisst die Schweiz sozusagen zusammen. Er ist auch ein Symbol der sehr kleinräumigen Schweiz. Nach 15 Kilometer kommt man sozusagen in ein anderes Land – das ist faszinierend.

swissinfo.ch: Talabwärts schlängelt sich die Bahn nun durch die Leventina. Wie schwierig war es, durch dieses enge Bergtal im 19. Jahrhundert eine Bahnlinie zu bauen?

K.T.E.: Es war eine enorme Herausforderung. Man spricht ja immer von den 200 Toten beim Bau des Gotthard-Scheiteltunnels. Doch auf den Zufahrten kamen wohl ebenso viele Arbeiter ums Leben. Es war eine sehr gefährliche Arbeit.

Die Überwindung der Piottina- und Biaschina-Schluchten mit Kehrtunnels war schwierig. Es lohnt sich, diese Gegenden auch heute noch zu sehen. Die Piottina-Schlucht ist etwa genauso faszinierend wie die Schöllenen-Schlucht auf der Nordseite.

swissinfo.ch: Welche Stellen fallen Ihnen in der Leventina sonst noch auf?

K.T.E.: Da sind beispielsweise die heruntergekommenen Hotels vor dem Bahnhof von Faido. Sie stammen aus einer Zeit, als Faido ein Kurort war. Das ist ein Stück Tourismusgeschichte. Sehr schön ist auch Giornico mit seinen romanischen Kirchen – ein Eintauchen ins Mittelalter. Man sieht hier die ersten Weinreben und kommt so richtig im Tessin, im Süden, an. Das ist immer ein sehr eindrückliches Erlebnis.

swissinfo.ch: Sie sprechen sich für eine Kandidatur der Gotthard-Bahn ins Unesco-Welterbe aus. Warum?

K.T.E.: Die Strecke ist ein einmaliges technisches Denkmal, das sich in einem sehr guten Zustand befindet. Man kann daran die technische Entwicklung ablesen. Diese Bahnstrecke hat wie kein anderes Bauwerk die Schweiz geprägt. Vorher hiess es, die Schweiz sei eine Alpenrepublik, nach dem Bau der Gotthard-Bahn wurde die Schweiz ein Gotthard-Staat. Mit dem Unesco-Label könnte man auch sehr gut für diese Gegend werben.

swissinfo.ch: Sie wohnen in Luzern. Werden Sie auf ihrem Weg in den Süden durch den Basistunnel oder über die Bergstrecke fahren, auch wenn es umständlicher und länger ist?

K.T.E.: Wenn ich schnell im Tessin sein will, werde ich untendurch fahren. Aber meine Frau und ich haben ein Haus in Göschenen. Und da werden wir mit Genuss weiter der Gotthard-Strecke treu bleiben.

Panoramastrecke mit Regio-Express

Mit der Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels am 11. Dezember 2016 ändert sich das Bahnangebot über die Gotthard-Panoramastrecke. Es wird keine direkten Züge mehr von Zürich/Basel via Panoramastrecke ins Tessin geben. Umsteigen in Erstfeld ist angesagt. Zwischen Erstfeld und Bellinzona verkehren stündlich Regio-Express-Züge – eine Art S-Bahn. In Erstfeld und Bellinzona besteht jeweils Anschluss an die Fernverkehrszüge.

In Zeiten mit starker Nachfrage werden einzelne Interregio-Züge aus Basel und Zürich weiterhin bis Göschenen geführt. Von April bis Oktober verkehrt an Wochenenden und Feiertagen zusätzlich ein direkter Zug – der "Gotthard-Weekender" – von Zürich direkt nach Bellinzona über die Gotthard-Panoramastrecke und zurück und bietet damit eine Reisemöglichkeit für Velofahrer und Wanderer.

Ab Ostern bis Ende Oktober verkehrt zusätzlich der neue "Gotthard Panorama Express"externer Link mit den beliebten Panoramawagen erster Klasse. Das Angebot führt von Luzern per Schiff nach Flüelen und anschliessend im Zug über die Gotthard-Panoramastrecke ins Tessin.

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