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Die Schweiz – ein fast einig Land von Freiwilligen



Wer nach Alkoholgenuss nicht mehr selbst hinter das Steuer sitzt, dem wird durch "Nez Rouge" geholfen.

Wer nach Alkoholgenuss nicht mehr selbst hinter das Steuer sitzt, dem wird durch "Nez Rouge" geholfen.

(Keystone)

Lebensmittel einsammeln und an Bedürftige verteilen, alkoholisierte Partygänger sicher nach Hause fahren, Kinderaugen durch die Bescherung zum Leuchten bringen: Weihnachten wird vielerorts erst durch den Einsatz von Freiwilligen zum Fest.

Der Einsatz freiwilliger Helfer hat in der Schweiz Tradition. Nicht erst seit dem Jahr der Freiwilligenarbeit zur Jahrtausendwende. Im Schnitt leisten Schweizerinnen und Schweizer pro Woche rund einen halben Tag Einsätze ohne Bezahlung.

Rund ein Drittel aller Menschen in der Schweiz über 15 Jahren engagierte sich 2010 so. In Europa beträgt der Freiwilligen-Anteil rund einen Viertel.

Die Schweiz könne getrost als Nation der Freiwilligen bezeichnet werden, sagt Herbert Ammann, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, welche sich für die Förderung von Einsätzen Freiwilliger einsetzt.

Tief in der Volksseele verwurzelt

"Die Idee der Freiwilligenarbeit ist in der Schweiz tief verwurzelt", sagt Ammann gegenüber swissinfo.ch. Er führt dies auf die Art der Entstehung der Schweiz als Staat zurück. Gemeinden seien mit grosser Verantwortung ausgestattet worden, damit sie Projekte auf Kommunalebene möglichst in Eigenregie umsetzen konnten.

"In Bergregionen beispielsweise beteiligten sich alle Gemeindemitglieder ohne Bezahlung an der Arbeit in den Schutzwäldern, die das Dorf vor Naturkatastrophen und Lawinen schützten", erzählt er. Zudem sei damals ein Leben ohne Freiwilligenarbeit kaum vorstellbar gewesen, da es in Notsituationen nicht ohne gegenseitige nachbarschaftliche Hilfeleistungen gegangen wäre.

Wer es in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu etwas bringen wollte, musste dies laut Herbert Ammann meist über freiwillige Engagements bewerkstelligen.

Verstädterung und geringerer sozialer Druck sind Gründe, weshalb die Freiwilligenarbeit heute zurückgegangen ist. Noch im Jahre 2000 betrug in der Schweiz der Anteil von Menschen, die freiwillige Einsätze leisteten, 41%.

"Wer heute gemeinnützige Arbeit leistet, tut dies vielleicht eher aus Überzeugung und weniger aus Karrieregründen", vermutet Herbert Ammann. Den Anteil der Freiwilligenarbeit am gesamten Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz schätzt er auf drei bis vier Prozent. Freiwilligenarbeit sei ein wichtiger Grundstein insbesondere in der Jugendarbeit oder bei der Integration. Als Beispiele nennt Ammann die Leitung von Fussballtrainings für Kinder oder Deutschkurse für Migranten.

Unverzichtbar

Besonders gefragt sind freiwillige Einsätze in der Weihnachtszeit. Hunderte, wenn nicht Tausende Männer ziehen sich einen roten Mantel über und montieren einen weissen Bart, um als Weihnachtsmänner Kinderaugen zum Leuchten zu bringen.

Auch wohltätige Organisationen wie "Tischlein Deck Dich" sind vermehrt gefordert. Unbezahlte Mitarbeiter der Aktion sammeln bei Grossverteilern Nahrungsmittel ein, die kurz vor dem Verfalldatum stehen, und verteilen sie an Bedürftige.

"Wir können in der Schweiz auf rund 1600 Freiwillige zählen." Ohne sie gäbe es "Tischlein Deck Dich" nicht, sagt Caroline Schneider gegenüber swissinfo.ch.

Die meisten Freiwilligen sind laut der Sprecherin Frauen im Rentenalter. Die Tätigkeit habe einen guten Zweck, sei nachhaltig und nehme pro Woche rund nur zwei Stunden in Anspruch. "Dazu kommen die Freiwilligen mit vielen Menschen in Kontakt, sei es untereinander oder mit Kunden", so Schneider.

"Nez Rouge" ist eine weitere Organisation, die über die Festtage Hochbetrieb hat. Freiwillige fahren Partybesucher sicher nach Hause, die zu viel Alkohol getrunken haben, um sich noch selbst hinter das Steuer zu setzen.

Daniel Terrapon war acht Jahre über die Festtage als Nez-Rouge-Fahrer im Einsatz, heute ist er Leiter der Freiburger Sektion.

"Die Beziehungen, die sich aus der Arbeit bei 'Nez Rouge' entwickeln, sind bereichernd und geben einem sehr schnell das Gefühl, mehr tun zu wollen", erzählt er.

Terrapon kann auf 400 Fahrerinnen und Fahrer zählen, die jährlich ein- oder zweimal im Einsatz stehen und in der Weihnachtszeit zwischen 800 und 1000 Personen nach Hause bringen.

Die Erfahrung des freiwilligen Engagements sei erfüllend, schwärmt Terrapon. "Man fühlt sich nützlich. Wenn du mit einem Einsatz auch nur einen Unfall verhindern kannst, bist du glücklich."

Freiwillige in der Schweiz

Rund 33% der über 15 Jährigen leisten unentgeltliche Einsätze.

Davon entfallen 20% auf Freiwilligenarbeit im Rahmen einer Organisation. Männer leisten mehr freiwillige Einsätze als Frauen (23% gegen 17%).

In der Nachbarschaftshilfe, die knapp ein Fünftel der Bevölkerung leistet, überwiegt der Frauenanteil  (22.7% gegen 13.0% der Männer).

Anteilsmässig am meisten Freiwilligenarbeit wird in der Deutschschweiz geleistet (Zahlen: Bundesamt für Statistik BfS).

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Freiwilligenarbeit in Europa

Direkte Vergleiche sind aufgrund unterschiedlicher Definitionen schwierig.

Der Anteil der Schweiz von 33% umfasst beide Arten, sowohl die formelle wie informelle Freiwilligenarbeit wie z. B. die Nachbarschaftshilfe.

Trotzdem weist das Bundesamt für Statistik für die Nachbarländer folgende Vergleichswerte für die formale Freiwilligenarbeit im Rahmen einer Organisation aus:

Schweiz: rund 20%. 2007 waren es noch 24% gewesen. Deutschland: 36% der Bevölkerung, Österreich: 43%, Frankreich: 27%. Der Anteil in Italien wird mit "relativ klein" angegeben (Quelle: BfS).

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(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch


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