Überwundene Magersucht

Nachdem sie ihre Krankheit überwunden hatte, hat sich Melanie mit Körper und Seele der Kunst verschrieben. swissinfo.ch

Melanie war kaum 16, als sie magersüchtig wurde. "Ich hasste meinen Körper." Während einem Jahr ernährte sie sich kaum noch. Mit der Therapie begann sie auch mit dem Niederschreiben des Erlebten. Jetzt, mit 21 Jahren, bildet sie sich zur Illustratorin aus.

Dieser Inhalt wurde am 15. Oktober 2012 - 11:00 publiziert
Raffaella Rossello, swissinfo.ch

"Ich fühlte mich immer anders als die Mädchen meines Alters. Ich gehörte nicht richtig dazu und hatte das Gefühl, nicht zu genügen... So begann ich, mich nicht mehr genügend zu ernähren."

Für Heranwachsende ist es nicht ungewöhnlich, sich manchmal etwas konfus zu fühlen. Aber der Kampf von Melanie mit sich selbst war doch etwas anderes und ging tiefer. Zwar war sie überhaupt nicht übergewichtig. Doch ein Abnehmen schien ihr die einzige Möglichkeit zu sein, ihr verzerrtes Bild von sich selbst zu ändern.

"Ich hasste meinen Körper. Sogar Duschen bereitete mir Mühe, so stark fand ich mich von meinem Bild im Spiegel abgestossen." Ein ganzes Jahr lang hörte Melanie auf, ihren Körper zu ernähren. Zuerst fühlte sie sich euphorisch und hyperaktiv, weil ihr Plan aufzugehen schien.

Endlich vermochte sie etwas durchzuziehen, dachte sie sich. "Meine Gedanken beschäftigten sich nur mit Esswaren, und wie ich es fertigbrachte, sie nicht zu essen. Ich war richtig stolz auf mich."

Doch die Obsession nahm zu, und langsam wurde Melanie immer schwächer. "Es waren tatsächlich schwierige Momente. Ich fiel ständig in Ohnmacht und die Haare begannen auszufallen."

An diesem Tiefstpunkt angelangt, wollte sie aufhören mit dem Hungern – und sich selber heilen. Aber es gelang ihr nicht. In diesem Stadium der Krankheit hatte sie bereits den Appetit verloren. Ihr Magen war derart geschrumpft, dass es grosse Überwindung kostete, mehr als einen einzigen Löffel Nahrung aufzunehmen.

Dazu kam die Depression. Sie fühlte sich nicht stark genug, um vorwärts zu machen und gegen dieses Monster anzukämpfen, dass sich in ihrem Körper festgesetzt hatte.

Bücher lesen beim Essen

Noch heute zieht es Melanie vor, nicht preiszugeben, wie schmächtig sie damals geworden war.

"Derart untergewichtig zu sein, kann auch zum Tod führen. Und ich war wirklich dünn. Ich erwähne mein Gewicht von damals lieber nicht, denn andere Leute, die ihre Anorexie bekämpfen, könnten Vergleiche machen. Sie könnten sich sagen: Ich will mager werden wie die."

Eigentlich hätte ein Patient in Melanies Zustand in ein auf Magersucht spezialisiertes Zentrum eingewiesen werden müssen. Dort hätte man ihr Gewicht unter Kontrolle und ihren mentalen Zustand unter Beobachtung gehabt. Da ihre Mutter aber bereits berufliche Erfahrung auf diesem Gebiet hatte, durfte das Mädchen daheim bleiben.

"Meine Mutter hatte eine brilliante Idee. Sie begann, mir Bücher vorzulesen, während ich am Tisch sass und ass. Das half mir sehr. Ohne diese Lektüre hätte ich es wohl nicht geschafft, weil ich ohne Unterbruch ans Essen dachte und wie übel es mir davon wurde."

Auch Melanies Grosseltern halfen mit: Täglich brachten sie das Mädchen zur Schule und zurück. Sie war derart abgemagert, dass jeglicher Kalorienverlust beim Gehen Schaden verursachen konnte.

Die Magersucht erzählen

Ausser Mutters Lektüre erwies sich auch das Niederschreiben als sehr hilfreich. Während der Therapie griff Melanie zur Feder, um ihre Erfahrungen auf Papier zu bringen. Daraus entstand eine illustrierte Erzählung ihrer Krankheit. "Der Weg meiner Magersucht" wurde 2011 veröffentlicht.

Um die Magersucht bildlich zu illustrieren, griff Melanie auf den Fuchs zurück. "Der Fuchs ist ein schlaues Tier. Oft wird ihm aber Listigkeit unterstellt." Man denke nur an den Kater und den Fuchs, die beiden falschen Freunde, denen Pinocchio in der Erzählung von Collodi begegnet.

Melanie selbst hatte oft zur List gegriffen, um ihre Mitmenschen davon zu überzeugen, dass sie am Essen sei, während sie in Wahrheit ihre Krankheit verheimlichte: So tat sie, als ob sie kochen würde, hinterliess Brotkrümel auf ihrem Teller, oder stand als erste vom Tisch auf, damit der Eindruck entstand, sie hätte genug gegessen. Um ihren dünnen Körper zu verstecken, trug sie meistens überdimensionierte Kleidergrössen.

Dank Psychotherapie, Familien- und Gruppentherapie mit anderen magersüchtigen Mädchen fand Melanie langsam ins Leben zurück. Jetzt besucht sie einen Kurs für Illustratoren an einer Kunstschule.

"Vor einem Jahr habe ich wieder begonnen, Bekannte und Freunde zu treffen. Ich habe neue Freundschaften geschlossen, was mir viel gegeben hat. Nie hätte ich gedacht, solche Erfahrungen machen zu können. Es ist wirklich wunderbar."

Essstörungen als Krankheit

Anorexie ist der medizinische Fachbegriff für Appetitlosigkeit, Appetitverlust und Verlust des Verlangens nach Nahrung.

Mit der Zeit lässt das Hungergefühl nach und schwere körperliche Schäden stellen sich ein, was lebensgefährlich wird.

Magersucht oder nervöse Anorexie: Das Körpergewicht liegt auf rund 85% des normalen alters- und staturbedingten.

Grosse Furcht vor Gewichtszunahme, gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers und Gewichts, bei Frauen Ausfall der Regelblutung für mindestens drei Monate.

Nervöse Bulimie: Ess-Brechsucht. Mindestens zwei Mal wöchentlich Essanfälle, Unfähigkeit der Kontrolle von Essimpulsen, in Kombination mit Erbrechen, um eine Gewichtszunahme zu vermeiden.

Statt erbrochen wird auch zu Abführmitteln gegriffen oder exzessiv Sport getrieben.

Binge Eating: Fressanfälle, vom Englischen "Binge Eating Disorder" (BES, Binge heisst Gelage). Dabei kommt es zu periodischen Heisshunger-Anfällen mit Verlust der bewussten Kontrolle über das Essverhalten.

Im Gegensatz zur Bulimie wird das Gegessene anschliessend nicht erbrochen, so dass meist Übergewicht die Folge ist.

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