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Freiburg – Srebrenica mit einem Kriegsüberlebenden



Die Gräber der Familie von Šaban Zukanovic in der Stadt Srebrenica, die im Landesteil Republika Srpska liegt.

Die Gräber der Familie von Šaban Zukanovic in der Stadt Srebrenica, die im Landesteil Republika Srpska liegt.

Šaban Zukanovic ist in der Nähe von Srebrenica in der heutigen Republik Bosnien-Herzegowina geboren. Nach dem Krieg von 1992-1995 hat er in der Schweiz Zuflucht gefunden. 15 Jahre später kehrt er in sein Heimatland zurück, um seinen Vater zu begraben, der im Krieg umgekommen ist.

Šaban Zukanovic kehrt mit dem Zug nach Freiburg zurück, in den Kanton, wo er heute wohnt.

Der Billett-Kontrolleur ist serbischer Herkunft – weiss dieser, dass Šaban ursprünglich aus Bosnien stammt?

Was verbindet sie? Beide sind Bosnier – so werden heute alle Bürger von Bosnien-Herzegowina genannt, ungeachtet der Ethnie oder der Religion.

Die zwei wohnen heute in der Schweiz und sprechen französisch. Was unterschiedet sie? Es ist die Vergangenheit, in der sie teilweise zum Spielball wurden.

Der Serbe konnte noch vor dem Krieg in die Schweiz flüchten und scheint in seinem Berufsleben zufrieden zu sein.

Der Bosnier wurde in die Kämpfe verwickelt, die zwischen 1992 und 1995 in Bosnien-Herzegowina wüteten. Er leidet an den Spätfolgen des Krieges und fragt sich: "Warum bin ich noch am Leben?" Er hat Familienmitglieder verloren und sah, wie Freunde getötet wurden.

Der Gedenk-Friedhof von Potočari

Die Überreste von Šabans Vater wurden 2009 identifiziert und am 11. Juli 2010 auf dem Gedenk-Friedhof von Potočari beigesetzt. Der Ort liegt in der Nähe von Srebrenica, wo vor fünfzehn Jahren das Massaker stattfand, das oft als schlimmster Genozid in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet wird.

Rund zwanzig Kilometer westlich von Srebrenica, in den Bergen, liegt der Geburtsort von Šaban: Brakovci in der Gemeinde Sućeska, im Umland von Srebrenica.

1992 ist Šaban achtzehn Jahre alt. Die Granaten und Schüsse der Heckenschützen fallen auf Brakovci und die Nachbardörfer. Serbische Einheiten der ehemaligen jugoslawischen Volkarmee (JNA), während des Krieges zur Armee der bosnischen Serben (VRS) geworden, haben auf den Höhen Stellung bezogen, auf der Seite, wo der Fluss Drina die Grenze zu den serbischen Bergen bildet.

Gegenüber von Brakovci sieht man die Strasse, die schon im Mittelalter Srebrenica mit Ragusa (Dubrovnik) verband. Vom zweitwichtigsten Bergbaugebiet der Region (srebro bedeutet Silber in der lokalen Sprache) wurde Silber, Blei, Kupfer und Zink nach Venedig transportiert. Eine wunderschöne Landschaft.

Spirale der Gewalt

Zahlreiche Flüchtlinge, die vor den Kämpfen und den brennenden Dörfern fliehen, kommen nach Brakovci.

Seit April 1992 kursieren Gerüchte von Massakern an der bosnischen Bevölkerung.

Die belagerte Dorfbevölkerung organisiert einen spontanen Widerstand, der bis zum Juli 1995 anhält.

Šaban gehört auch dazu. Er erinnert sich an den Belagerungszustand: "Wir hatten keine einzige Waffe, die serbische Armee kontrollierte alle Kommunikationswege, es war unmöglich, sich in eine freie Zone zu begeben, wir mussten nach Lösungen suchen, um uns zu verteidigen. Die Lebensmittel, die amerikanische Flugzeuge abwarfen, waren verfallen, mehrere Leute wurden durch Palette erschlagen…" Weitere Details zu erzählen, erübrigt sich.

Anfang Juli 1995 zogen die Truppen des serbischen Generals Ratko Mladić die Schlinge um Srebrenica enger zusammen und zwangen die Dorfbewohner, überstürzt das Dorf zu verlassen.

Sie bildeten zwei Kolonnen: die Frauen (darunter die Mutter von Šaban), die Kinder und die Alten gingen hinunter Richtung Srebrenica, um beim holländischen Bataillon der UNPROFOR in Potočari Schutz zu finden; die andere Kolonne mit den Männern versuchte durch die Wälder nach Tuzla zu gelangen, der Stadt in nächster Nähe der freien Zone. Was danach geschah, weiss man in groben Zügen.

In diesen Wirren verlor Šaban Zukanovic, wie viele andere, seinen Vater, Familienmitglieder und Freunde… "Hinter uns hörten wir Schüsse und Kampfflugzeuge. Im Wald haben wir uns getrennt. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich weiss nicht einmal, wie er gestorben ist."

Absurde Tragik

1991 zählte das Dorf Brakovci 221 Einwohner, darunter 217 Bosniaken. Heute leben nicht einmal mehr zehn alte Leute hier.

Die Mehrheit der Häuser, die mit internationaler Finanzhilfe wieder aufgebaut wurden, steht leer. Andere sind immer noch zerstört.

Nicht weit davon entfernt befindet sich die Primarschule von Sućeska, die einst 1000 Kinder aus den Nachbardörfern beherbergte und heute vollständig verlassen ist, obwohl sie 2001 mit Hilfe der USAID (Internationale Entwicklungs-Agentur der UNO) wieder aufgebaut wurde. Srebrenica, die nächstgelegene Stadt, bleibt versehrt.

In Sarajevo, wo das Leben wieder Einzug gehalten hat und die Jugend tanzt, die Leute durch die Strassen strömen und in Cafés sitzen, fühlt sich Šaban unwohl, seine Erinnerungen lassen ihn nicht los: "Es ist, als wäre nie etwas passiert." Diese tragische Absurdität macht ihm schwer zu schaffen.

In Freiburg in der Schweiz, wo französisch seine zweite Sprache geworden ist, lebt Šaban seit vierzehn Jahren mit dem Ausweis für vorläufig aufgenommene Ausländer (Ausweis F).

Die vom Kanton Freiburg erteilte provisorische Aufenthaltsbewilligung erlaubt ihm nicht, ausserhalb der Kantonsgrenzen zu wohnen oder zu arbeiten.

Ohne spezielle Reiseerlaubnis für den Schengenraum, die ihm aus "familiären Gründen" gewährt wurde, hätte Šaban nicht aus der Schweiz ausreisen dürfen, um am Begräbnis seines Vaters teilzunehmen.

Šaban Zukanovic

Geboren 1973 in Bosnien-Herzegowina

1990-1997: Militär- und Kriegsdienst

1997 desertiert er aus der Armee von Bosnien-Herzegowina und kommt in die Schweiz

1998 bis 2010 übt er verschiedene Tätigkeiten aus, unter anderem ist er Assistent in einem Fitnesszentrum

2003 wird er Schweizermeister im Kraftdreikampf (Powerlifting) der SDFPF (Swiss Drugfree Powerlifting Federation)

2007 und 2008 spielt er in zwei Filmen von Schweizer Filmemachern mit

2009 wird er erneut Schweizermeister im Kraftdreikampf der SDFPF

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Bosnien-Herzegowina

- Die Republik Bosnien-Herzegowina, die unter der Aufsicht des von der UNO ernannten Hohen Repräsentanten steht, wurde 1995 nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Dayton geschaffen und besteht aus zwei autonomen Gliedstaaten: der Föderation Bosnien-Herzegowina oder kroatisch-muslimische Föderation (51% des Territoriums) und der serbischen Republik Bosnien oder Republika Srpska (49% des Territoriums).
- Sarajevo ist die Hauptstadt.
- Die Bewohner von Bosnien-Herzegowina sind Bosnier, nicht zu verwechseln mit den Bosniaken, so werden die Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft des Landes bezeichnet.

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Ausweise für Asylsuchende

Die Schweiz gewährt Asyl auf der Basis von verschiedenen Gründen, die dann ein Recht auf unterschiedliche Ausweise geben:

Ausweis N für Asylsuchende erhalten jene, die in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt haben und deren Verfahren noch läuft. Sie haben kein Recht auf einen Kantonswechsel. Jede Erwerbstätigkeit oder der Wechsel des Arbeitgebers bedarf einer Bewilligung. Es gibt kein Recht auf Familiennachzug. Am Ende des Asylverfahrens wird der Asylsuchende bei einem negativen Bescheid zurückgeschickt, oder er wird als Flüchtling anerkannt und erhält Asyl. In diesem Fall erhält er den Ausweis B. 5 Jahre nach dem Asylgesuch wird eine Niederlassungs-Bewilligung erteilt.

Der Ausweis F für vorläufig Aufgenommene wird erteilt, wenn eine Wegweisung vollzugstechnisch unmöglich (fehlende Reisedokumente), unzulässig (nicht vereinbar mit den internationalen Verpflichtungen der Schweiz oder nicht rechtskonform) oder unzumutbar ist (Kriegssituation, Bürgerkrieg, allgemeine Gewalt, medizinische Notsituation). Es gibt kein Recht auf Kantonswechsel. Die Erlaubnis, einem Erwerb nachzugehen, kann unabhängig von der Situation auf dem Arbeitsmarkt oder der wirtschaftlichen Situation erteilt werden und ohne Prüfung der Vorlieben des Arbeitnehmers. Nachzug der Familie ist frühestens 3 Jahre nach der vorläufigen Aufnahme möglich. Die vorläufige Aufnahme wird im Normalfall für die Dauer von 12 Monaten ausgesprochen und ist erneuerbar.

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(Übertragen aus dem Französischen: Christine Fuhrer), swissinfo.ch


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