Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

Geruchs-Künstler Unabhängige Parfümeure überleben und florieren

Vero Kern und Andy Tauer lassen sich von der Zürcher Blumenpracht inspirieren.

Vero Kern und Andy Tauer lassen sich von der Zürcher Blumenpracht inspirieren.

(swissinfo.ch)

Es braucht eine gute Nase und eine Prise Verrücktheit, um wie die Zürcher Vero Kern und Andy Tauer ins Parfümhandwerk einzusteigen. Sie müssen sich der riesigen Konkurrenz der Parfümindustrie stellen, doch dank dem Internet floriert ihr Nischenmarkt.

Die beiden werden zwar nicht reich von ihrem Job, doch immerhin haben sie es geschafft, ihre Leidenschaft vom Hobby zum Beruf zu machen, von dem sie leben können.

Beide haben ihre eigenen Labels kreiert, nachdem sie aus konventionellen Karrieren ausgestiegen waren – Kern arbeitete bei Swiss International Airlines, bevor sie sich mit 54 Jahren der Parfümherstellung zuwandte, Tauer arbeitete als Chemiker und IT-Berater.

Für Unabhängige ist die Parfümerie ein riskantes Geschäft. Der Markt wird dominiert von grossen Marken wie L'Oreal und Estée Lauder, die mit massiven Marketingkampagnen eine möglichst grosse Kundschaft erreichen wollen.

Dazu kommen die immer höheren Preise für Rohstoffe: Tauer bezahlt 1000 Franken für einen Viertelliter des hochwertigen Rosenöls "Rose Absolute".

Warum also all die Mühe? An einem sonnigen Frühlingstag haben sich die beiden Parfümhersteller in einem Zürcher Park mit swissinfo.ch über ihre Leidenschaft unterhalten.

swissinfo.ch: Was bedeuten Ihnen Düfte?

Andy Tauer: Mit Duft, mit riechenden Ausgangsmaterialien zu arbeiten, ist wie malen. Doch es ist viel komplizierter, weil man nicht nur zwei, sondern viele Dimensionen hat.

Was uns ein wenig aussergewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass wir "Berufsnasen" sind, das heisst, wir entwickeln Parfüms und produzieren diese. Das ist eher selten. Ich bin in Kontakt mit einigen Parfümeuren auf der ganzen Welt, die wie wir vorgehen, doch allzu viele davon gibt es nicht mehr.

Ein Parfüm ist ein Produkt seiner Zeit, es reflektiert Kunst und Kultur einer gewissen Periode. Zeitgeist.

swissinfo.ch: Was gilt derzeit als Zeitgeist in der Parfümindustrie?

A.T.: Der Zeitgeist ist gegenwärtig sehr einfach, aber sehr fokussiert auf schnellen Nervenkitzel. Das heisst, ein bisschen billig. Die Leute wollen sich nicht ernsthaft auf Parfüms einlassen. Sie testen es im Zollfrei-Shop aus, entscheiden, kaufen es, nehmen es nach Hause, benutzen es ein paarmal und entsorgen es, weil es langweilig wird. Ich denke, das ist ein wenig der Zeitgeist.

Vero Kern: Ich glaube, das ist so, weil die Parfümindustrie heute andere Standards erfüllen muss als früher. Damals waren Parfüms ein Luxus, sehr teuer und nur jenen Gesellschaftsschichten vorbehalten, die sich so etwas leisten konnten.

Das hat sich in den 1990er-Jahren mit der Globalisierung komplett geändert, als das Ziel die totale weltweite Vermarktung wurde. Heute geht der Trend wieder zurück zu etwas mehr Luxus, aber nur ein wenig. Den Massenmarkt gibt es immer noch, und auch der Nischenmarkt wird etwas langweiliger.

swissinfo.ch: Sie sind selber im Nischenmarkt tätig…

A.T.: Ich finde den Begriff Nischenmarkt nicht mehr gut. Als ich vor sieben Jahren angefangen habe, benutzte ich den Begriff Nische selber, nun nenne ich das, was wir machen, handwerkliche Parfümherstellung.

Ich sehe mich selber als langsamen Parfümeur mit kleiner Auflage. Wir nehmen uns Zeit. Wir produzieren nicht 100'000 Flaschen. Wir machen das meiste von Hand. Wir tragen Sorge zu den Details. Es ist ein langsamer, handwerklicher Prozess, von einer Person durchgeführt. Auch bei Vero ist jedes Parfüm ein Teil ihrer Persönlichkeit. Es ist eine persönliche Kreation – und das fühlt man.

swissinfo.ch: Wie viel müssen Sie verkaufen, um davon leben zu können?

A.T.: Das ist nicht einfach zu beantworten. Es hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie etwa dem Verkaufsmodell. Wir verkaufen beide direkt an die Kunden, das heisst man braucht weniger Kunden, weil die Marge grösser ist. Wen man aber in einem Vertriebsmodell ist, geht viel von der Marge in die Vertriebskette, und man muss mehr verkaufen.

Ich denke, zum Überleben braucht es ein paar Tausend Flaschen pro Jahr mit einem sinnvollen Mix zwischen Direktverkauf und Vertrieb.

swissinfo.ch: Was für Kunden sind das?

V.K.: Das ist eine Frage der Kultur. Für uns beide ist beispielsweise der italienische Markt sehr wichtig, weil die Italiener eine Duftkultur pflegen – wie auch die Franzosen. Die Schweiz und Deutschland aber sind ganz anders. Unsere Parfüms sind vielleicht nicht gerade das, wonach diese Kulturen suchen. Im deutschsprachigen Teil der Schweiz sind die Leute nicht sehr interessiert an speziellen Düften, wie auch in Deutschland nicht.

Ich will nicht pauschalisieren, aber Duft ist für Italiener etwas ziemlich anderes, wie auch für Araber oder Russen. Sie lieben die Art von Parfüms, wie wir sie herstellen. Auch die Amerikaner lieben unsere Kreationen, was wir nie erwartet hätten.

swissinfo.ch: Wie sind die Leute aus den USA auf Ihre Parfüms gestossen?

A.T.: Das Parfümgeschäft ist ein Beispiel, wo man sieht, welche durchschlagende Technologie das Internet ist. Es gibt Blogs. Es gibt Orte, an denen sich Parfümliebhaber online treffen und diskutieren. Sie reden über Marken, nicht nur über die Grossen, sondern auch über die Kleinen. Wir beide sind im Internet sehr präsent.

Das ist eine der grossen Veränderungen der letzten Jahre, die Art und Weise, wie im Bereich der Nischen- oder handgemachten Parfüme Geschäfte gemacht werden. Der US-Onlinehändler "Lucky Scent" ist innerhalb weniger Jahre zum Hauptanbieter von Nischen-Parfümen geworden, zumindest in den USA. In Deutschland gibt es einen Onlinehändler für Europa. Sie sind so etwas, wie Amazon vor zehn Jahren war, und davon profitieren wir.

Parfümverkäufe in der Schweiz 2011

Ladenverkauf total: 437 Mio. Fr.

Premium-Parfüms Damen: 255,3 Mio. Fr.

Premium-Parfüms Herren: 86,1 Mio. Fr.

Premium-Parfüms Unisex: 13,1 Mio. Fr.

Massen-Parfüms Damen: 44 Mio. Fr.

Massen-Parfüms Herren 81,1 Mio. Fr.

Massen-Parfüms Unisex 1,3 Mio. Fr.

Den Unterschied zwischen Premium- und Massenprodukten machen Preis, Vertrieb und Label/Positionierung aus: Massenparfüms tragen selten Designernamen.

Infobox Ende

Parfümverkäufe in den USA 2011 nach Marke

Top 5 Premium-Parfüms Damen

1. Coco Mademoiselle

2. Light Blue

3. Beautiful

4. Chanel No. 5

5. Cashmere Mist

Top 5 Premium-Parfüms Herren

1. Acqua Di Gio Pour Homme

2. Bleu De Chanel

3. Gucci Guilty Homme

4. Armani Code

5. Light Blue Pour Homme

(Quelle: The NPD Group)

Infobox Ende


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch


Links

×