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Geschichte einer Einkaufsstrasse Zürich: Globale Marken verändern die Bahnhofstrasse

Die festliche Beleuchtung und die unschlagbare Lage ziehen Kunden von nah und fern an.

(Reuters)

Flankiert von Luxusmarken-Läden und Uhrengeschäften ist Brunos einer der letzten Familienbetriebe an der Bahnhofstrasse, der berühmten Einkaufsmeile in Zürich. Die Welt hinter Brunos' Schaufenstern mit ihren klassischen Hüten und Fliegen ist in der Strasse, die Kritikern zufolge mehr und mehr zu einer eintönigen Ladenstrecke wird, heute eine Rarität.

Vorbei an stark geschminkten Frauen, viele in Pelzmänteln, sowie an Touristen, die Fotos der funkelnden Zürcher Weihnachtsbeleuchtung knipsen, scheint man mit dem Schritt durch die schmale Tür mit ihren Milchglasscheiben den Lärm der Strasse meilenweit hinter sich zu lassen.

"Früher gab es viel Konkurrenz, doch leider sind viele Geschäfte verschwunden. Unser Glück ist vielleicht, dass wir uns wirklich auf hochwertige Produkte konzentrieren", erklärt Adriano Maestrini, der stellvertretende Geschäftsführer von Brunos, gegenüber swissinfo.ch.

Nachdem heute auch Unternehmen wie Burberry und Chanel in der Nähe dieses ausgefallenen Anbieters von Herrenbekleidung zu finden sind, ist es keine geringe Leistung, dass sich das Geschäft an der Bahnhofstrasse 44 halten konnte, seit Maestrinis Grossvater dort 1937 seinen Laden eröffnete.

In einer jährlichen Einschätzung des Detailhandelssektors veröffentlicht die Immobilienfirma Cushman & Wakefield eine Liste der zehn teuersten Einkaufsmeilen der Welt in Bezug auf die durchschnittlichen Mieten. Die Zürcher Bahnhofstrasse lag 2014 mit einem Preis von 875 Dollar (846 Franken) pro Quadratfuss (umgerechnet etwa 0,093 m²) pro Jahr an neunter Stelle. Sie wies gegenüber dem Vorjahr mit 1,1% den kleinsten Preisanstieg aus.

Im Vergleich mit den Kosten pro Quadratfuss an der Fifth Avenue in New York (3500 Dollar) verblasst dieser Preis zwar, aber vor nur fünf Jahren hatte der durchschnittliche Preis an der Bahnhofstrasse noch 663 Franken betragen.

Die heute 1,2 km lange Bahnhofstrasse wurde 1865 angelegt und wird im kommenden Jahr ihr 150-Jahre-Jubiläum feiern können. Die Strasse führt vom Hauptbahnhof bis zum Bürkliplatz am Ufer des Zürichsees.

Eine etwas ruhigere Bahnhofstrasse um 1900.

(Keystone)

Das Geschäft, das am längsten an der berühmten Strasse zu finden ist, ist die Zuckerbäckerei Sprüngli mit ihrem Café. Das Unternehmen ist in der seltenen Lage, dass ihm die Räumlichkeiten an der Bahnhofstrasse gehören, wo die Kuchen und Schokoladeköstlichkeiten verkauft werden.

Bei den meisten anderen Ladengeschäften an der Bahnhofstrasse ist das nicht der Fall. Die Gebäude gehören zumeist Banken, in gewissen Fällen auch Einzelpersonen oder Familien, oder wie im Fall von Brunos einer Versicherung.

"Wir wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. Es könnte passieren, dass sie die Miete so stark erhöhen, dass wir sie nicht mehr bezahlen könnten. Wie wir das bei anderen Geschäften schon gesehen haben", sagt Maestrini.

Mit dem durchschnittlichen Mietpreis von 846 Franken pro Quadratfuss (rund 9300 Fr. pro m²) pro Jahr kommt für einen unabhängigen Detailhändler wie Brunos mit seiner Ladenfläche, die in etwa einem Wohnzimmer entspricht, sowie einer grösseren Fläche von drei miteinander verbundenen Zimmern im vierten Stock, plus Lohn- und laufenden Kosten eine ziemlich gewaltige Summe zusammen.

Die Preise der Waren im Geschäft bewegen sich von 25 Franken für ein kleines Accessoire bis zu 50'000 Franken für einzigartige, von Hand gefertigte Luxusartikel. Um die Miete zu bezahlen und noch etwas Profit für die Firma herauszuschlagen, muss Brunos eine beträchtliche Anzahl massgeschneiderter Anzüge verkaufen.

Bis vor Gericht

Einer der profiliertesten Fälle, in denen die Mietpreise mit im Spiel sind, ist die Zürcher Niederlassung der Warenhauskette Manor. Als eines von vier Warenhäusern gilt Manor als eines der günstigeren Einkaufsziele an der Bahnhofstrasse.

Manor befindet sich im Oscar-Weber-Gebäude. Die Besitzerin des Hauses, die Versicherung Swiss Life, will das Gebäude renovieren und die Mieten erhöhen. Das Erdgeschoss und der erste Stock sollen an verschiedene kleinere Geschäfte vermietet werden, die oberen vier Stockwerke als Büros.

Diese Pläne führten zu einem Streit, der bis vor Gericht gelangte. In einer schriftlichen Erklärung gegenüber swissinfo.ch bezeichnete Manor das Verfahren als "laufend".

Wandelnder Charakter

Leicht zurückversetzt von der Strasse, mit Blick auf einen kleinen Platz, befindet sich das luxuriöse, für die Festtage geschmückte Warenhaus Globus. Geschäftsleiter Daniel Künz ist unterwegs in sein Büro im obersten Stockwerk. Er benutzt die Rolltreppen, die durch den Laden nach oben führen.

Das Gebäude gehört der Migros, der Muttergesellschaft von Globus. "Darauf sind wir stolz. Und es verschafft uns klar einen Vorteil" erklärt er, und lässt den Blick über die Dächer Zürichs schweifen.

Die Zusammensetzung der Geschäfte an der Bahnhofstrasse und die Auswirkungen, welche die steigenden Mieten auf sie haben, sind nicht nur für Läden wie Manor und andere, die wegen der steigenden Preise aus ihrem Lokal an der Strasse vertrieben wurden, Grund zur Sorge, sondern auch für jene mit einem sicheren Platz.

"Es ist sehr wichtig, dass es eine gute Mischung von Marken und Preissegmenten gibt, damit es für alle Kunden und Kundinnen attraktiv ist, zum Einkaufen hierher zu kommen. Es wäre wirklich schade, wenn die Strasse zu einer Luxusmeile, oder allzu spezialisiert würde", sagt Künz.

Unabhängige Boutiquen

Die Vorherrschaft von teuren, namhaften Marken ist, je nachdem mit welchem Geschäftsinhaber man spricht, ein Problem oder eine Chance. Die Weihnachtsparty-Kleider, die in der Boutique Little Black Dress hängen, werden in der Schweiz zugeschnitten und genäht und nur in Kleinstserien hergestellt. Die Boutique befindet sich an der zu Fuss etwa zehn Minuten von der Bahnhofstrasse entfernten Josefstrasse, wo mehr unabhängige Läden zu finden sind.

Die Designerin und Geschäftsinhaberin Eliane Diethelm erklärt gegenüber swissinfo.ch, sie und ihre Geschäftspartner hätten auch schon über einen allfälligen Umzug direkt an die Bahnhofstrasse gesprochen und sich dagegen entschieden, nicht aber gegen einen allfälligen Umzug in eine der nahen Seitengassen.

"Ich mag die Geschäfte dort nicht besonders. Man findet grosse Ketten mit ihren Billigproduktionen. Man müsste an die obere Bahnhofstrasse ziehen, wo man die teureren Marken findet, aber dort ist es dann auch sehr ruhig."

Etwas unterhalb der Kleiderboutique an der Josefstrasse befindet sich Urban Rider, der unabhängige Veloladen des Ehepaars Graf. Peter Graf erklärt, die auf Design ausgerichtete Umgebung mit ihren einmaligen Geschäften passe gut zu ihrem Produkteangebot, und lacht laut, als ich frage, ob ein Umzug an die Bahnhofstrasse etwas wäre, was er in Betracht ziehen würde, wenn die Kosten kein Thema wären.

"Natürlich! Es hat dort viel mehr Betrieb, viel mehr Leute würden unseren Laden wahrnehmen... Aber natürlich ist es auch unerschwinglich teuer."

Diamanten und Designer

"Es gibt zwei Seiten der Medaille: Einerseits ist es ein Resultat der Popularität der Strasse. Andererseits ist es keine gute Entwicklung, wenn wir nur noch Juwelen, Uhren und Textilien hätten. Es sollte nicht allzu viele internationale Markenläden geben", sagt Markus Hünig, Sekretär der Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse mit ihren rund 160 Mitgliedern.

Die Vereinigung vermittelt zwischen den Unternehmen und den lokalen Behörden und kümmert sich um das Image der Bahnhofstrasse. "Wir versuchen  mit den Immobilienbesitzern zu sprechen, damit sie weiterhin auf einen interessanten Mix für die Bahnhofstrasse achten... Aber es ist eine schwierige Aufgabe."

Hünig, ein professioneller Vermittler und Rechtsanwalt von Beruf, erklärt gegenüber swissinfo.ch, in den letzten fünf oder sechs Jahren seien pro Jahr zwischen einem und drei Läden von internationalen Ketten übernommen worden. Lokale Namen oder Läden in Schweizer Besitz seien weniger geworden, und kleine Familienbetriebe gebe es praktisch keine mehr.

"Sind die Besitzer Banken oder Versicherungen, können sie mehr Verständnis zeigen als Private; aber auch sie müssen Gewinn machen", erklärt er. Insgesamt ist Hünig optimistisch, dass die Strasse in den kommenden Jahren einen "lokalen Anstrich" bewahren kann, trotz ihrer Popularität bei globalen Marken. Schweizer Unternehmen, die wie zum Beispiel Sprüngli das Glück hätten, ihr Lokal zu besitzen, seien wichtige Akteure, wenn es darum gehe, den lokalen Charakter am Leben zu halten.


(Übertragen aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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