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Illegale Abschüsse Die Schweiz und ihre Wölfe – eine ewige Polemik

Die Calanda-Meute streift im Dezember 2013 durch ihr Territorium im Kanton Graubünden.

Die Calanda-Meute streift im Dezember 2013 durch ihr Territorium im Kanton Graubünden.

Innerhalb weniger Wochen sind in der Schweiz zwei Wölfe abgeschossen worden. Die Polemik um die Rückkehr dieser geschützten Raubtiere erhielt dadurch neuen Schub. Freunde des Wolfs mobilisieren, um die "Schuldigen" zu finden. Auch soll das nationale Wolf-Konzept revidiert werden.

Mit Plakaten im Wildwest-Stil wurde um Hinweise gebeten, die zum Wilderer führen könnten, der Anfang Jahr einen Wolf abgeschossen hatte, obwohl die Raubtiere gesetzlich geschützt sind.

Diese Kampagne stiess bei weitem nicht nur auf Gegenliebe. Auf dem Plakat mit der Aufschrift: "Wilderer des Wolfs von Calanda – 10'000 Franken Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen", zielt ein Schütze mit seinem Gewehr auf den Betrachter.

Das Plakat wurde Mitte Januar in Tamins im Kanton Graubünden, im Südosten der Schweiz, ausgehängt. Bisher war das rund 20 Minuten von Chur entfernte Tamins mit seinen 1000 Einwohnern am Fuss das Calanda-Massivs eigentlich nur als der Ort bekannt, an dem der Hinter- und der Vorderrhein zusammenfliessen und zum Rhein werden.

Doch seit am 3. Januar dieses Jahres ein toter Jungwolf gefunden wurde, der nach einem Streifschuss lange gelitten hatte, bevor er verendet war, gelangte Tamins zu neuer Bekanntheit. "Es ist erst das dritte Mal in 20 Jahren, dass in der Schweiz ein Wolf illegal abgeschossen wurde", erklärt David Gerke, der Präsident der Gruppe Wolf Schweiz (GWS).

Das erlegte Jungtier gehörte zum bisher einzigen Wolfsrudel in der Schweiz (Vergleich: in Deutschland gibt es jüngsten Zählungen zufolge zurzeit 25 Rudel). Zu dem 2012 identifizierten Rudel gehörten Ende 2013 zehn oder elf Tiere.

Eine Touristenattraktion

Viele Bewohnerinnen und Bewohner der Region sind stolz auf ihr Rudel, das auch Touristen anziehe. "Die Chance ist aber gross, dass der Wolf Sie, die ihn beobachten wollen, sieht, lange bevor Sie es merken", warnt der Bündner Jagdinspektor Georg Brosi, scherzend. 

Hinter der Idee, eine Belohnung für Hinweise, die zum Wilderer führen könnten, auszusetzen, steht die Gruppe Wolf Schweiz (GWS). Die Provokation mit dem Wildwest-Plakat und die Höhe der Belohnung erhitzen die Gemüter. Ein Jäger aus Tamins, der am Fernsehen seine Unterstützung für den Schützen zeigte, erhielt danach Drohungen.

Unfreundliche Botschaften erhielt aber auch GWS-Präsident Gerke. Extremisten auf beiden Seiten warfen der anderen Seite "Hysterie" und "Fanatismus" vor.

"Die Belohnung von 10'000 Franken ist umstritten", räumt Gerke ein. "Die Debatte ist sehr emotional. Wir hatten 5000 Franken vorgeschlagen, doch wir erhielten enorm viele Spendengelder, die Mehrheit übrigens von hier, nicht aus weit entfernt liegenden Städten, wo man nichts über den Wolf weiss."

Diese Kritik wird in der Region immer wieder laut: "Die Tierschützer haben oft keine Ahnung", hört man in Tamins. "Auf einen Wolf zu schiessen, ist wirklich kein heroischer Akt", sagt Jakob Willi, der davon träumt, dem Raubtier auf seinen Spaziergängen einmal zu begegnen. "Aber diese Belohnung ist idiotisch", erklärt er. "Es gibt genug Leute in unserem Land, denen es nicht gut geht."

Eine andere Einwohnerin sieht es ganz ähnlich. Der Wolf? "Kein Problem." Die Belohnung? "Nicht nötig." Nur eine muntere Siebzigerin meint: "Manchmal braucht es drastische Massnahmen, um ein Resultat zu erzielen."

Der Wolf, seine Freunde ...

Laut Jan Boner, dem Verantwortlichen für die Ausbildung von Herdenschutzhunden im Graubünden, ist die "Rückkehr der Wölfe in die Schweiz unvermeidlich. Die Spuren nehmen zu. Dass sich weitere Rudel ansiedeln werden, ist sehr wahrscheinlich. Wenn es Hirsche, Gämsen, Rehe und Wildschweine gibt – und wir haben viele Hirsche – kommen auch die Wölfe. Es ist das Angebot an Nahrung, welche die Populationen beeinflusst. Wir können mit den Wölfen leben, müssen aber einige Investitionen tätigen, um die Herden zu schützen."

Während Luchse relativ wenig Schaden verursachen, und es für Bären besondere Massnahmen braucht – vor allem was den Umgang mit Abfällen angeht – gibt es laut Jan Boner ein wirksames und natürliches Mittel für den Umgang mit dem Wolf: Herdenschutzhunde der Rassen der Pyrenäenberghunde und Maremma. Hunde kommen in ganz Europa und bis nach Asien zum Einsatz, wo der Wolf auch im 20. Jahrhundert zu finden war und sich seit den 1970er-Jahren dank Schutzmassnahmen vermehrt,

Über den Wolf zirkulierten viele falsche Vorstellungen, erklärt David Gerke, der Präsident der Gruppe Wolf Schweiz. Eine sei, dass der Wolf wilde Natur brauche und die Schweiz zu dicht besiedelt sei. Dabei, sagt Gerke, lebten im Graubünden 25 Einwohner auf einem km2, während es im italienischen Trentino, wo es auch noch Bären gibt, 89 pro km2 seien. Und in den Abruzzen, wo der Wolf nie ausgerottet war, liege die Bevölkerungsdichte bei 122 Personen pro km2. 

"Ein Irrtum"

Die GWS hat mittlerweile Informationen erhalten, die sie an die Polizei weitergab, wie Maurus Eckert, Sprecher der Bündner Staatsanwaltschaft, bestätigt. "Eine Untersuchung ist im Gange, über die wir zurzeit nichts sagen können, ausser, dass dem Schützen wegen Abschuss eines geschützten Tiers eine Haftstrafe droht."

Die Staatsanwaltschaft wird zudem wahrscheinlich eine weitere Strafuntersuchung eröffnen müssen. Am 28. Januar gab das Amt für Jagd und Fischerei bekannt, dass ein weiterer junger männlicher Wolf abgeschossen worden sei. Die Tat geschah im Domleschg, etwa 20 Kilometer von Tamins entfernt, auf der anderen Seite des Calanda-Massivs.

Dieser Fall liegt jedoch anders. Der Schütze zeigte sich selber bei der Polizei an und erklärte, er habe den Wolf aus Versehen erschossen, denn er habe ihn mit einem Fuchs verwechselt. "Das Amt für Jagd und Fischerei muss Klage einreichen", erklärt Markus Eckert. "Falls es sich um eine fahrlässige Tat handelte, droht dem Schützen eine Busse von bis zu 10'000 Franken."

… und seine Feinde

Im Verlauf der vergangenen Jahre haben zahlreiche eidgenössische Parlamentarier versucht, den Schutz des Wolfes zu lockern oder abzuschaffen.

Der Schutz fusst vor allem auf der Berner Konvention zur "Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume".

Dies ist ein Abkommen des Europarats, das die Schweiz 1982 ratifiziert hat.

Das Konzept Wolf, das 2014 revidiert wird, sieht unter bestimmten Bedingungen bereits heute die Möglichkeit vor, Abschussbewilligungen zu erteilen, vor allem wenn Herden bedroht sind. Bisher wurden in der Schweiz acht Wölfe legal, also aufgrund einer Ausnahmebewilligung, erlegt: Sieben im Wallis und einer im Graubünden.

Der Freundeskreis der Wölfe wächst

Nach der Wilderei von Anfang Jahr hat Ursina Marx aus Chur, für sie ist der Wolf "ein Symbol der Freiheit", auf Facebook die Seite "Unsere Calanda Wölfe" eingerichtet. In weniger als einem Monat zählt die Seite schon 10'000 Unterstützer. "Wir wollen keine Hexenjagd lancieren, aber ein solcher Fall darf sich nicht wiederholen", erklärt Marx.

Georg Brosi ist "traurig", dass ein Wolf abgeschossen worden sei. Denn der Bündner Jagdinspektor ruft in Erinnerung, dass dank der Schutzmassnahmen für Nutztierherden 2013 im Territorium des Calanda-Rudels (Graubünden und St. Gallen) nur neun Tiere von Wölfen gerissen worden seien. Der Einsatz von Hunden und Hirten sowie Elektro-Zäunen sei zwar etwas teurer, aber effizient, so Brosi.

Gerade angesichts des Modellcharakters von Graubünden im Umgang mit dem Wolf sei die "Wilderei umso erstaunlicher und dramatischer", unterstreicht David Gerke. Und entgegen dem was man ihm vorwerfe, sagt der Solothurner, sei er weder ein "fanatischer Anhänger des Wolfs", und schon gar kein "Feind der Jäger".

David Gerke, selber Jäger und Hirte, ist der Ansicht, dass es "Situationen gibt, in denen der Abschuss von Wölfen gerechtfertigt" sei. "Ich bin absolut gegen die bewilligte Jagd auf den Wolf das ganze Jahr durch. Ich wehre mich aber nicht gegen eine Jagdperiode ausserhalb der Monate zwischen Frühling und Herbst. Zudem müsste es Maximalquoten geben, damit die Wolfspopulationen nicht bedroht werden."

Das zieht auch das Bundesamt für Umwelt in Betracht. "Man könnte Quoten nach Region festlegen, nach genauen Kriterien", erklärt Reinhard Schnidrig, im BAFU Chef der Sektion Jagd, Wildtiere und Biodiversität. "Doch bevor man regulieren kann, braucht es ausreichend Tiere. Und die Fortpflanzung muss sichergestellt sein. Mit nur einem Rudel im Calanda-Massiv ist das noch nicht der Fall."

Zurzeit ist die Präsenz von 24 Wölfen in der Schweiz belegt. Schätzungen gehen von insgesamt 25 bis 30 Tieren aus. Nach Ansicht von David Gerke "könnte die Schweiz mit 200 Wölfen gut leben, während es im Moment nur rund 20 sind".


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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