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Illegale Wetten – neue Geissel des Sports



Jacques Rogge erklärt dem illegalen Wettgeschäft den Krieg.

Jacques Rogge erklärt dem illegalen Wettgeschäft den Krieg.

(Keystone)

Illegale Wetten stellen für die Integrität des Sports eine grössere Gefahr dar als Doping: Diese Ansicht vertritt Denis Oswald, der ranghöchste Schweizer im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in einem Interview mit swissinfo.ch.

Oswald ist Mitglied einer neuen Arbeitsgruppe, die wirksame Massnahmen gegen das illegale Wettgeschäft im Sport erarbeiten soll.

Der Umsatz dieses Geschäfts liegt nach Ansicht des IOC pro Jahr bei schätzungsweise etwa 140 Mrd. Dollar, wie IOC-Präsident Jacques Rogge bekräftigte. Rogge will entschieden gegen diesen "Krebs" vorgehen, der die Glaubwürdigkeit des Sports bedrohe.

Auf Initiative des IOC hatte sich am 1. März in Lausanne ein Arbeitstreffen mit dem Problem befasst. Dabei waren zum ersten Mal Vertreter von Regierungen und internationalen Sportverbänden sowie Anbieter von Online-Wetten zusammengekommen.

Der Neuenburger Denis Oswald, Schweizer Mitglied des IOC-Exekutivkomitees, wurde dabei in die Arbeitsgruppe gewählt, die bis Ende 2011 Massnahmen für den Kampf gegen illegale Wetten ausarbeiten soll.

swissinfo.ch: Jacques Rogge hat eine "Task Force" ins Leben gerufen, um gegen das illegale Wettgeschäft im Sport vorzugehen. Was ist die Aufgabe dieser Gruppe?

Denis Oswald: Sie wird das Phänomen, das bisher erst schwer zu erfassen ist, vertieft anschauen und Vorschläge ausarbeiten müssen. Illegale Wetten führen zu Manipulationen und Korruption unter den Akteuren in der Welt des Sports. Sie beeinflussen die Resultate von Wettkämpfen und bedrohen die Integrität des Sports.

swissinfo.ch: Jacques Rogge schlug Alarm und sprach von einer Gefahr für den Sport. Teilen Sie seine Ansicht?

D.O.: Ja. Die Informationen, die wir bisher haben, zeigen, dass es sich um ein sehr gravierendes und ernsthaftes Problem handelt. Es geht um sehr hohe Geldsummen, wie Untersuchungen von Interpol zeigen. Um so mehr, als wir dabei auch mit organisierter Kriminalität konfrontiert sind. Zurzeit sind illegale Wetten für die Glaubwürdigkeit des Sports eine grössere Bedrohung als Doping.

swissinfo.ch: Wieso hat der Sport für Kriminelle eine solche Anziehungskraft?

D.O.: Durch die Manipulation von Wettkämpfen können Kriminelle enorme Gewinne einstreichen. Dazu gesellt sich das Problem der Geldwäscherei. Die Wetten dienen oft dazu, Gelder des organisierten Verbrechens zu waschen.

swissinfo.ch: Können Sie das Ausmass des Phänomens einschätzen?

D.O.: Es gibt zwar Zahlen, aber aufgrund der Natur dieses illegalen Geschäfts handelt es sich um ungenaue Schätzungen. Es geht um Dutzende Milliarden von Franken.

Sportwetten gibt es nicht erst seit gestern. Mit dem Aufkommen des Internet hat sich aber das Blatt völlig gewendet. Man kann heute anonym wetten. Egal wo auf der Welt und wann, auf jeden beliebigen Aspekt eines Spiels.

Beim Fussball beispielsweise kann man heute wetten, welcher Torhüter als erster den Ball berühren wird, oder welches Team den Ball zuerst spielen wird.

swissinfo.ch: In welchen Sportarten ist das Manipulationsrisiko am höchsten?

D.O.: Fussball ist heute schon ziemlich stark betroffen. Es ist der Universalsport par excellence, und die Gewinnmöglichkeiten sind enorm. Aber das Phänomen zeigt sich auch bei Pferderennen, im Cricket oder im Tennis. Und damit die Betrügereien weniger auffallen, wetten Kriminelle immer häufiger bei weniger wichtigen Wettkämpfen.

swissinfo.ch: Wäre es nicht eher Sache der Politik, dieses Problem zu lösen?

D.O.: Sicher. In der Arbeitsgruppe sitzen daher Vertreter von Regierungsstellen und Sportverbänden. So steht zum Beispiel der ehemalige französische Sportminister Jean-François Lamour hinter dem Modell eines Gesetzes, das in seinem Land verabschiedet wurde.

Der Sport kann als Vehikel krimineller Aktivitäten dienen, die ein Staat bekämpfen muss. Mit Hilfe von Regierungen und Interpol gelingt es uns vielleicht, dieses Phänomen einzudämmen, auch wenn wir es wohl nie ganz stoppen werden können.

swissinfo.ch: Sollte man eine internationale Anti-Korruptions-Agentur nach dem Modell der Anti-Doping-Agentur schaffen?

D.O.: Die Mehrheit der Teilnehmer an dem Seminar in Lausanne war dagegen, eine solche Agentur ins Leben zu rufen. Das Phänomen ist sehr komplex, und die Rechtsgrundlagen von Land zu Land ziemlich unterschiedlich.

Und Interpol hat bekräftigt, dass sie die nötigen Instrumente habe. Es geht darum, diese besser zu nutzen, unter anderem, indem ein direkter Kommunikationsdraht zwischen der Welt des Sports und den Polizeien eingerichtet wird.

Die Sport-Akteure müssen verdächtige Umstände an Interpol weiterleiten, Interpol muss dann die nötigen Massnahmen ergreifen. Doch damit das funktioniert, muss ein Koordinations-Gremium geschaffen werden.

swissinfo.ch: Ziehen Sportverbände und Funktionäre alle am selben Strang?

D.O.: Mehr oder weniger stark, je nachdem, wie sehr sie betroffen sind. Die aktivsten sind die, die am stärksten betroffen sind. Die FIFA und die UEFA haben ihre eigenen Warnsysteme eingerichtet und mit eingetragenen Wettorganisationen Verträge abgeschlossen, damit diese verdächtige Situationen melden.

Doch allgemein betrachtet, sind die Sportverbände solidarisch, alle wollen vermeiden, dass ihre Sportart durch illegale Wetten erfasst wird.

swissinfo.ch: Wenn man gegen Korruption im Sport vorgehen will, würde das nicht mehr Transparenz und Demokratie innerhalb der grossen internationalen Sportverbände voraussetzen, um mit dem guten Beispiel voranzugehen?

D.O.: In dem Bereich gibt es sicher Raum für Verbesserungen. Aber die Dinge sind nicht völlig undurchsichtig, das ist eher eine Legende. Sicher, es gab Affären, die öffentlich für Schlagzeilen sorgten. Bei der FIFA sind einige Fälle ans Licht gekommen, was auch zeigt, dass die Organisation nicht ganz so undurchsichtig ist.

Und auf ethischer Ebene betrachtet, sind die Provokationen der Journalisten der Sunday Times allerdings auch nicht eben ruhmreich. Ich will dabei in keiner Art und Weise die inkriminierten FIFA-Funktionäre verteidigen, aber es gibt strikte Rechtsvorschriften darüber, wie man den Fehler eines Schuldigen provozieren kann.

Und diese Regeln wurden offensichtlich nicht respektiert. Daher sollte man auch diese Anschuldigungen mit grosser Vorsicht betrachten.

ILLEGALE WETTEN

Kampf. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) geht seit fünf Jahren gegen irreguläre und illegale Wetten im Sport vor. 2006 wurde der Ethik-Kodex angepasst.

Er verbietet seither allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen an Olympischen Spielen das Wetten bei olympischen Wettkämpfen.

Auch weitere Massnahmen wurden ergriffen. Unter anderem wurde am 1. März 2011 eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich vertieft mit dem Thema befassen und Vorschläge gegen das illegale Wettgeschäft ausarbeiten soll.

Vertreter. Die Arbeitsgruppe setzt sich aus rund 30 Persönlichkeiten aus den Bereichen Sport, Regierungen, internationale Sportverbände sowie Anbietern von Online-Wetten zusammen.

Vier Mitglieder sind Schweizer: Ueli Maurer, Sport- und Verteidigungsminister, Patrick Baumann, Präsident des Internationalen Basketball-Verbands, Frédéric Donzé, Europa-Direktor der Weltagentur gegen Doping (WADA) und Denis Oswald, Mitglied des IOC-Exekutivkomitees.

Kolossal. Laut IOC-Präsident Jacques Rogge soll der Umsatz der illegalen Wettgeschäfte im Sport bei rund 140 Mrd. Dollar pro Jahr liegen.

Das Problem konzentriere sich vor allem auf den asiatischen Raum; dort setzten Online-Wettbüros gegen 500 Mrd. Franken pro Jahr um.

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DENIS OSWALD

Geboren 1947 in Neuenburg. Von 1968 bis 1976 war Oswald Mitglied der Schweizer Ruder-Nationalmannschaft. Sowie 13 Mal Schweizer Rudermeister.

Oswald nahm an den Olympischen Spielen von Mexico City (1968), München (1972) und Montréal (1976) teil. Als Mitglied des Schweizer Vierers mit Steuermann gewann er in Mexiko die Bronzemedaille.

Seite 1991 ist Oswald Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, seit 2000 sitzt er in der IOC-Exekutive.

2001 wurde Oswald zum Vorsitzenden der Koordinierungs-Kommission für die Olympischen Spiele von Athen (2004) ernannt, 2005 zum selben Posten für die Spiele von London 2012.

Er ist Dozent für Sportsrecht an der Universität Neuenburg und Direktor des Internationalen Zentrums für Sportstudien (CIES) in Neuenburg.

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(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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