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Leben mit Asperger-Syndrom "Ich weiss nicht, was eine Atmosphäre ist"



Arbeitsräume für Mitarbeiter mit dem Asperger-Syndrom sollten gedämpftes Licht und Vorhänge aufweisen. Aus- und Einblicke würden irritieren.

Arbeitsräume für Mitarbeiter mit dem Asperger-Syndrom sollten gedämpftes Licht und Vorhänge aufweisen. Aus- und Einblicke würden irritieren.

(RDB)

Bei Gerhard Gaudard haben die Ärzte vor zwei Jahren das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Für ihn sind alltägliche Dinge eine Herausforderung. Davon erzählte der IT-Spezialist gegenüber swissinfo.ch – und vom Geheimnis einer glücklichen Ehe.

Der 38-jährige IT-Ingenieur arbeitet bei Specialisterne, einer dänischen Firma, die mehrheitlich Personen mit einer autistischen Störung beschäftigt. Viermal in der Woche pendelt Gerhard Gaudard mit dem Zug von seinem Wohnort Aarau nach Bern, wo er arbeitet, und am Abend wieder zurück.

Er ist freundlich, witzig und spricht bereitwillig darüber, was es heisst, mit dem Asperger-Syndrom zu leben. Darüber führt er auch einen Blog. Einziger erkennbarer Ausdruck der Störung ist, dass er seinem Gegenüber nie direkt in die Augen blickt.

swissinfo.ch: Wie sieht Ihre Arbeit aus? 

Gerhard Gaudard: Ich bin verantwortlich, dass alle unsere Kunden in einem Projekt beschäftigt sind. Ich leiste auch technischen Support – ich behebe jeden Fehler. Ich schreibe weiter Konzepte, halte Ideen für neue Projekte fest und verhandle mit unseren Kunden. Dafür reichen acht Stunden am Tag kaum aus!

(Specialisterne)

swissinfo.ch: Lieben Sie Ihre Arbeit? 

G.G.: Ja, sehr. Ich habe das grosse Los gezogen. Als Mensch mit Asperger-Syndrom zusammen mit anderen Betroffenen für andere Menschen mit dem Syndrom zu arbeiten – einen Job wie diesen findet man nur einmal im Leben.

swissinfo.ch: Sie arbeiteten fast 20 Jahre in "normalen" Firmen. Was für Erfahrungen machten Sie dort? 

G.G.: Vor zwei Jahren wurde mir gesagt, dass ich das Asperger-Syndrom habe. Zuvor hatte ich keine Ahnung davon. Mein ganzes Berufsleben war eine Art Achterbahn, manchmal nach dem Motto "hire and fire" (jemanden anstellen und wieder feuern, die Red.)! Heute weiss ich den Grund: Weil ich die anderen Menschen nicht verstand, ebenso wenig, was sie wollten.

swissinfo.ch: Die Diagnose muss Ihr Leben verändert haben. 

G.G.: Komplett! Ich musste ein völlig neues Leben beginnen. Ich musste darüber nachdenken, welche Arbeit ich machen kann, wie ich mein Privatleben organisiere, meine Partnerschaft – alles. Es war eine Riesenarbeit.

swissinfo.ch: Welches sind die grössten Herausforderungen im Alltag für jemand wie Sie? 

G.G.: Wir brauchen Routine: Ein Tag muss wie der andere sein. Änderungen sind der Horror. Gestern beispielsweise musste ich zu einem Kunden nach Zürich.

Den Auftrag erhielt ich letzte Woche, also dachte ich vier Tage darüber nach, wie und wann ich nach Zürich komme und worüber wir sprechen sollten. Ich studierte vier Tage daran herum, weil es eine Veränderung war. 

swissinfo.ch: Ich habe den Eindruck, dass in Ihrem Büro eine gute Atmosphäre herrscht. Stimmen Sie zu? 

G.G.: Wenn Thomas van der Stad (der Chef von Specialisterne, die Red.) sagt, sie ist gut, ist sie gut. Für mich gibt es so etwas wie Atmosphäre nicht. Ich weiss nicht, was das ist. Ich kann sie weder fühlen noch sehen.

Ich habe einen Filter, der so stark ist, dass ich keine Emotionen wahrnehme. Ich nehme nichts wahr, auch keine Gesichter. Es ist fast, als wäre ich blind. Deshalb kann ich diese Frage nicht beantworten. 

swissinfo.ch: Aus welchem Grund starteten Sie Ihren Blog? 

G.G.: Der Grund ist ganz simpel: Ich bekam die Diagnose und begann, im Internet Seiten und Foren nach Informationen zu durchforsten. Denn ich musste ja wissen, um was es sich beim Asperger-Syndrom handelt. Dann stiess ich auf ein Forum, meldete mich an, las und begann, mit den anderen zu kommunizieren.

Jemand schrieb mir, ich sei ein Idiot, der komplett falsch liege etc. Es war eine "neurotypische" Mutter (Ausdruck der Betroffenen für einen "normalen" Menschen, die Red.). Ich wurde sauer, weil das Forum für Menschen mit Asperger war und nicht für Mütter ohne das Syndrom. Ich war wirklich sehr wütend.

Ich dachte darüber nach, was ich machen könnte. So kam mir die Idee mit dem Blog. Aber wie anstellen? Google macht's möglich – der Start war sehr einfach, und ich begann ohne jedes Konzept zu schreiben. Es ist eine kleine Erfolgsgeschichte. Ich kriege pro Monat bis zu 3500 Klicks aus aller Welt. 

Das Asperger-Syndrom

Es beschreibt eine autistische Störung, die englische Bezeichnung dafür lautet autism spectrum disorder (ASD). Kennzeichen sind soziale Beeinträchtigung, Kommunikationsprobleme sowie eingeschränkte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster.

Entdecker war Hans Asperger (1906-1980), ein österreichischer Kinderarzt, der 1944 vier Kinder beobachtete, die Mühe mit der sozialen Integration hatten.

Obwohl normal intelligent, war ihre nonverbale Kommunikation eingeschränkt, ebenso ihre emphatischen Fähigkeiten gegenüber Gleichaltrigen.

Dazu kam eine physische Ungeschicktheit. Ihre Sprache war ohne Übergänge oder rein formell, und ihre Interessen und Gespräche galten ausschliesslich einem einzigen Thema.

Oft geht das Asperger-Syndrom mit anderen Symptomen zusammen: dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS), dem Tourette-Syndrom, Depressionen sowie Angst- oder Zwangsstörungen.

Die Ursachen dieser Störungen sind unbekannt.

Weder für das Asperger-Syndrom noch für die anderen autistischen Störungen gibt es eine Heilung.

Eine effiziente Behandlungsmethode beruht auf den Interessen der betroffenen Kinder, umfasst einen fixen Stundenplan und abgestufte Aufgaben. Diese stützen sich aktiv auf die Aufmerksamkeit der Kinder auf hochstrukturierte Tätigkeiten. Zur Behandlung gehört auch die regelmässige Stärkung des Verhaltens.

(Quelle: The National Institutes of Health, USA)

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swissinfo.ch: Haben die meisten Leser das Asperger-Syndrom? 

G.G.: Ich würde sagen, die Hälfte. Einige schreiben, dass ihr Partner das Syndrom habe und sie danken mir für meine Artikel. Andere sagen, "Ich habe Asperger, endlich versteht mich jemand, denn bisher glaubte ich, ich sei der einzige auf dem ganzen Planeten".

swissinfo.ch: Haben Sie viele Hobbys? Ich kann mir vorstellen, dass beispielsweise ins Kino gehen schwierig sein könnte, da Sie Gefühle nicht lesen können… 

G.G.: Das Kino ist eines meiner grössten Hobbys! Actionfilme sind für mich perfekt. Ich mag auch Science Fiction. Aber Komödien, Dramen, Liebesgeschichten – all die neurotypischen Sachen – verstehe ich nicht! Es ist wie eine Fremdsprache, die ich nicht beherrsche.

Ich lese gerne Sachbücher und schaue Dokumentarfilme. Ich mache auch gerne Musik, seit zehn Jahren spiele ich elektrische Gitarre. Metal ist mein Ding. Iron Maiden ist die beste Band der Welt – hoch leben die Irons! 

swissinfo.ch: Sie lesen gerne Bücher. Könnten Sie sich vorstellen, selber ein Buch zu schreiben? 

G.G.: Auf jeden Fall. Ich habe ein Projekt, meinen Blog in ein Buch umzuwandeln.

swissinfo.ch: Treffen Sie sich mit anderen Menschen mit dem Syndrom? 

G.G.: Nein. Ich habe tagsüber genug mit ihnen zu tun. Auf meinem Stock arbeiten nur Menschen mit Asperger-Syndrom. Privat habe ich keine solchen Kontakte. Ich habe generell kaum Kontakt zu anderen Menschen, mit Ausnahme meiner Frau. 

swissinfo.ch: Ist sie auch autistisch? 

G.G.: Nein. Sie musste vieles lernen. Sie musste sich erst einlesen, aber danach hat sie gesagt "Ok, du hast es, und es ist mir egal. Ich liebe dich so, wie du bist, und wenn ich etwas seltsam finde, frage ich dich einfach."

Wir sind seit einem Jahr zusammen. Ein Geheimnis ist sicher, dass wir nicht zusammen leben: Sie wohnt hier in der Nähe Berns und ich in Aarau.

Davor war ich elf Jahre in einer Beziehung, während zehn Jahren wohnten wir auch zusammen. Dann kam die Diagnose und sie zog aus mit der Begründung, sie könne nicht mit mir zusammen leben im Wissen, dass ich gewisse Dinge nicht lernen könne, die ihr wichtig seien.

Ich musste das akzeptieren, und deshalb sagte ich meiner Frau gleich am Anfang, dass ich das Asperger-Syndrom habe. Jetzt habe ich den Traumjob und eine Traumfrau! Für mich ist das die perfekte Work-Life-Balance.


(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch


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