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Papst Franziskus "Hinter den Kulissen geschieht einiges"



Bei Papst Franziskus muss das gepanzerte Papstmobil in der Garage bleiben.

Bei Papst Franziskus muss das gepanzerte Papstmobil in der Garage bleiben.

(Reuters)

100 Tage nach seiner Wahl geniesst das neue Oberhaupt der katholischen Kirche grosse Popularität. Einige Beobachter wollen Hinweise erkennen, dass der "Papst der Armen" auch in der Lage ist, Entscheide zu fällen.

Noch am Abend seiner Wahl wandte sich der neue Papst an die Gläubigen mit der Bitte, für ihn zu beten. Mit dieser Geste eroberte er nicht nur die Herzen des Publikums, sondern auch die Sympathien vieler Medien.

"Diese Haltung ändert alles, es ist kein Kaiser mehr, sondern ein Christ wie viele andere", sagt der Jesuitenpater Albert Longchamp.

Gedanken hinter dem Image

Dieser erste Eindruck habe sich in den folgenden Tagen bestätigt, sagt auch Maurice Page von der Katholischen Internationalen Presseagentur (Kipa) in Freiburg.

"Er hat auf die roten Schuhe verzichtet, hat sich persönlich ins Spital begeben, um kranke Kardinäle zu besuchen, hat sich nicht in den privaten Appartements des Vatikans niedergelassen, benützt nicht das geschlossene Papstmobil… Er hat einen ganz anderen Stil als Benedikt XVI., der viel intellektueller, schüchterner und reservierter war."

Bis jetzt hat das Bild noch keine Kratzer abbekommen. Wahrscheinlich, weil bisher noch kein wichtiger Entscheid gefällt wurde, der die Gemüter erhitzen könnte. Man wird eine Grundsatzhandlung wie eine Synode oder eine Enzyklika abwarten müssen, um ein bisschen mehr über die Ausrichtung des Pontifikats zu erfahren.

"Man weiss nicht, ob er offen oder reaktionär ist. Er hat zweifellos ein sympathisches Image, aber was steckt dahinter?", fragt Pater Longchamp.

Solche Entscheide werden früher oder später fallen. Umfangreiche Dossiers warten auf den neuen Papst. Auf institutioneller Ebene wird seit langem eine Reform der römischen Kurie erwartet – oder mit profaneren Worten, eine Reform der Gesamtheit der Ministerien und anderer Gremien des Vatikans, die den Papst bei seiner Mission unterstützen sollen.

"Es stellt sich auch die Frage der Priesterweihe verheirateter Männer, der Haltung gegenüber geschiedenen Katholiken und Homosexuellen oder der Rolle der Frau in der Kirche", sagt Albert Longchamp.

Ein deutliches Signal

Die einzige greifbare Entscheidung, die der neue Papst bisher gefällt hat, ist die Ernennung einer Gruppe von acht Kardinälen auf der ganzen Welt, die ihm bei der Führung der Kirche helfen sollen. Ein einziger von ihnen ist Italiener und Mitglied der römischen Kurie. Die Gruppe soll sich zwar erst im Oktober zum ersten Mal treffen, aber der Papst "hat schon jetzt Kontakte mit den Kardinälen", heisst es im Vatikan.

Das hat es noch nie gegeben. "Was es auf der Ebene der Diözese gibt, wo ein presbyterialer Rat zur Unterstützung des Bischofs existiert, findet man nun auch auf der Ebene des Papstes", sagt Bernard Litzler, Direktor des Centre Catholique de Radio et Télévision (CCRT).

"Indem der Papst diese Gruppe bildet, sendet er gleich zu Beginn seiner Amtszeit ein deutliches Signal, dass er sich vielleicht nicht auf alle Verantwortlichen der Dikasterien der römischen Kurie abstützen wird, sondern nur auf diese kleine Gruppe von Personen, die sich nicht in Rom befinden. Das ist absolut fundamental. Ich denke, dass sich hinter den Kulissen einiges tut."

Papst Franziskus in Kürze

Jorge Bergoglio wird am 17. Dezember 1936 in Buenos Aires in einer bescheidenen Familie mit italienischen Wurzeln geboren.

Nach dem Diplom eines Chemietechnikers tritt er in den Jesuitenorden ein, studiert Geisteswissenschaften und erhält ein Lizenziat in Philosophie. Er hat auch einen Doktortitel der Universität Freiburg im Breisgau.

1969 wird er zum Priester berufen. Weniger als vier Jahre später wird er Provinzial des argentinischen Jesuitenordens. Während der Militärdiktatur (1976-1983) unternimmt er alles, um die Politisierung der Jesuiten Argentiniens zu verhindern.

Nachdem er wieder als einfacher Pfarrer in der Stadt Cordoba tätig war, wird er 1992 in Buenos Aires zum Hilfsbischof und 2001 zum Kardinal ernannt.

Am 13. März 2013 wird er zum Papst ernannt. Er ist der erste jesuitische Papst und der erste, der nicht aus Europa oder dem Mittelmeerraum stammt.                 

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Keine Revolution

Das Image der Nähe und die lateinamerikanischen Wurzeln des neuen Papstes könnten die Menschenmassen a priori annehmen lassen, dass er offen und progressiv sei. Und auch die Reverenz, die er dem Heiligen Franziskus erweist, könnte vermuten lassen, dass er vor allem ein spiritueller Papst sein wird, weit entfernt von niedrigen materiellen Banalitäten. Aber aufmerksame Beobachter warnen: Das Image entspricht nicht zwangsläufig der Realität.

"Der Vorgänger hat stark unter einem etwas entwürdigenden Image gelitten", sagt Litzler. "Es besteht die Gefahr, dass das Bild von Benedikt XVI. zu schwarz und jenes von Franziskus zu rosig gemalt wird. Die Etiketten, die dem neuen Papst angeheftet werden, entsprechen bestimmt der wirklichen Persönlichkeit, aber Franziskus ist zuerst ein Kirchenmann, der spürt, dass er eine Mission zu erfüllen hat."

"Man muss wissen, dass er kein Linker ist", sagt Albert Longchamp. Es gibt eine Ambiguität zwischen seinem Image und seinen Positionen. Die Liebenswürdigkeit ist ein falsches Image. Eine Milliarde Katholiken lassen sich nicht mit Liebenswürdigkeiten leiten. Es braucht auch Autorität."

Dass er in einigen Punkten der Linie seiner Vorgänger folgen würde, hat Franziskus bereits gezeigt. Die kompromisslose Haltung der Kirche gegenüber Abtreibungen hat er zum Beispiel bereits bestätigt, und er hat gebilligt, dass jene gläubigen Amerikanerinnen, die als zu feminin und liberal gewissen Bräuchen gegenüber beurteilt wurden, in den Senkel gestellt wurden. "Man kann keine Revolutionen erwarten", warnt Maurice Page. "Meines Erachtens werden die wichtigsten Änderungen die Führung der Kirche betreffen."

Im Einklang mit der Welt

Wenn im Grundsatz keine Revolutionen zu erwarten sind, treten die Änderungen vielleicht bei der Vorgehensweise ein. "Benedikt XVI. hatte eine pessimistischere Einstellung der Welt gegenüber", sagt Page. "Franziskus ist positiver eingestellt, er erinnert mich an die Anfänge von Johannes-Paul II."

"Einen Jesuiten an der Spitze der katholischen Kirche zu haben, wird den Geist des Heiligen Ignatius und Franziskus wieder aufwerten", vermutet Bernard Litzler. "Man kann in der Kirche eine Wiederentdeckung des Fundamentalen feststellen. Die Lebensart der Jesuiten ist vereinbar mit einem Leben als Christ in der modernen Welt."


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch


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