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Schweizer Presse: Atomlobby wird es schwerer haben



Ein Atomschutzexperte (rechts) informiert eine Frau aus der Evkuierungszone des Atomkraftwerks Fukushima.

Ein Atomschutzexperte (rechts) informiert eine Frau aus der Evkuierungszone des Atomkraftwerks Fukushima.

(Reuters)

Die Diskussion um neue Atomkraftwerke in der Schweiz müsse neu geführt werden, ist sich die Schweizer Presse bewusst. Die Ereignisse in Japan werden diese Debatte stark beeinflussen.

"Beherrscht der Mensch die Gefahren der Atomenergie wirklich?", fragen der Bund und der Tages-Anzeiger in ihren Kommentaren zur drohenden atomaren Verseuchung in Japan.

Das Beunruhigende sei, dass in Japan trotz jahrzehntelanger Erfahrung mit Erdbeben und Tsunamis und trotz hohem Sicherheitsstandard in den Atomkraftwerken die Sicherheitssysteme versagt hätten.

"Und diesmal war nicht der Mensch der Versager wie in Tschernobyl, es war die unbändige Natur, welche die Grenzen aufzeigte."

Das mache Angst, stellen die zwei Tageszeitungen fest. Es werfe, bezogen auf die Schweiz, neue Fragen auf: "Wie lange dürfen die alten Reaktoren wie Beznau und Mühleberg noch laufen?" "Sind Erdbeben wirklich keine grosse Gefahr, wie die Atomlobby stets erklärt?"

Beschönigen gelte nun nicht mehr, ist sich der Kommentator sicher. Es müsse abgeklärt werden, wie erdbebensicher Mühleberg sei, und es müsse transparent informiert werden. "Eine unbeschönigende, offene Information zu Sicherheitsfragen wird entscheidend sein, ob in den bevorstehenden Debatten in der Politik und in der Gesellschaft die Fakten wirkungsvoller sind als die Emotionen."

"Die Angst vor einem neuen Tschernobyl"

Auch für das Westschweizer Boulevardblatt Le Matin stellen sich für den ganzen Planeten neue Fragen: "Kann man wirklich weiterleben mit Nuklearanlagen um uns herum? Ist eine unbeschwerte Zukunft mit Atomstrom noch vorstellbar?"

Die Tageszeitung fordert eine transparente Debatte, in der sich die Öffentlichkeit zum Bau neuer Atomkraftwerke und zu den Alternativen, den erneuerbaren Energien, äussern kann. "Die Atomkraftbefürworter müssen die Bevölkerung über die wahren Risiken informieren, ausgehend vom drohenden Energiemangel, und mit dem engelhaften Diskurs rund um die Kernspaltung endlich aufhören."

"Wie die japanischen"

"Die Angst ist zurück. Und jetzt?", fragt der Blick. Die Schweizer Atomkraftwerke seien keine Schrottreaktoren, schreibt die  Boulevardzeitung. Sie seien nach allen Regeln der Atomindustrie gebaut und gewartet. "Wie die japanischen."

Seit Jahrzehnten hätten auch die Atomkraftwerke in der Schweiz problemlos Strom geliefert, und man habe sich daran gewöhnt, zu glauben, Atomkraftwerke seien sicher. Auch die Japaner hätten dies geglaubt. "Bis vor drei Tagen."

Die Schweiz habe, im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern, die wohl besten Möglichkeiten, sich aus der Abhängigkeit von Öldiktatoren und Atomrisiken zu befreien.

Aber: Leuenberger habe sich für Energiefragen nicht offensiv interessiert, und seiner Nachfolgerin im Departement, Doris Leuthard, "fällt zu Strom eigentlich nur Atom ein". Doch um vom Atomstrom loszukommen, müssten sich alle bewegen. Die "grünen Atomgegner" dürften nicht mehr wegen jedem "Ameisenhaufen, Laichplatz oder Wildwechsel" Einsprachen machen.

Zynismus?

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) greift zu biblischen Ausdrücken, um die Katstrophen in Japan zu beschreiben: "Apokalyptische Bilder" seien es, die uns erreichten, Erdbeben, Tsunami, Feuer, Zusammenbruch des öffentlichen Verkehrs, der Kommunikation, "und nun droht auch noch ein nukleares Desaster".

Bezogen auf die neu angeheizte Debatte um Atomkraftwerke in der Schweiz warnt die NZZ allerdings davor, "leichtfertige Vergleiche" etwa mit Tschernobyl zu ziehen, oder vor "gar voreiligen Schlüssen über die Zukunft der Nukleartechnologie". Die Forderung der Berner Sozialdemokraten, Mühleberg sofort vom Netz zu nehmen, grenze an Zynismus, meint die Zürcher Tageszeitung.

Klar ist ihr allerdings, dass die Befürworter der Atomenenergie es schwerer haben werden denn je, "eine ohnehin skeptische Öffentlichkeit von den Vorzügen dieser Technologie zu überzeugen", schreibt sie.

Die bisher "stark ideologisch" geführte Diskussion müsse sich wieder auf das konzentrieren, was der eigentliche Kern des Problems sei, nämlich die technische und menschliche Kontrollierbarkeit dieser Energiequelle auch bei einem sehr starken Störfall.

"High-Tech-Nation"

Auch für die Aargauer Zeitung ist klar, dass die Ereignisse in Japan die Diskussion um neue Atomkraftwerke beeinflussen. Der Kommentar wirft den Schweizer Atomgegnern vor, dass "sie die Katastrophe in Japan nutzen, um gegen neue AKWs Stimmung zu machen".

Allerdings sei es schon ein gewichtiger Unterschied, ob in Tschernobyl "überforderte Sowjet-Techniker fahrlässige Vorschriften missachteten" oder ob es sich um eine "High-Tech-Nation" handelt, in der sich die Zwischenfälle ereigneten, räumt der Kommentator ein.

Die Aargauer Zeitung erkennt: "Die Befürworter der Atomenergie werden nun harte Arbeit leisten müssen, um die Schweizerinnen und Schweizer bis zur Abstimmung in einigen Jahren von der Sicherheit neuer AKWs zu überzeugen."

Es gehe nicht an, den Gegner einfach vorzuwerfen, Verunsicherung zu streuen. Besser habe Bundesrätin Leuthard reagiert, die versprochen habe, dass die künftige Schweizer Energiepolitik diese Ereignisse zu berücksichtigen habe.

"Die gleiche Generation wie Mühleberg"

Im Moment sei es missbräuchlich, diese Katastrophe mit Tschernobyl zu vergleichen, schreibt Le Temps. Die Westschweizer Tageszeitung weist auch darauf hin, dass das Atomkraftwerk Fukushima alt sei, "die gleiche Generation wie jenes in Mühleberg". Das Unwahrscheinliche sei passiert.

Die technische Sicherheit sei hoch, aber in der Realität zerbrechlich, wenn sich das Undenkbare ereigne. "Die Konsequenzen und vor allem die Lehren aus der neusten Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie drängen auf eine neue Prüfung der Zuverlässigkeit einer Energieversorgung, der manche schon einen neuen Frühling vorhergesagt hatten."

"Nach Three Mile Island 1979 und Tschernobyl 1986 muss man in Zukunft auch von Fukushima 2011 sprechen. Oder sogar von Tokai oder Onagawa.", schreibt L'Express. Die japanischen Kernenergieanlagen könnten auch die Schweizer Projekte in Gefahr bringen, vor allem das in Mühleberg", meint die Neuenburger Tageszeitung.

In den letzten Jahren hätte die Elektrizitätslobby ihre Projekte lancieren können. Das, was zur Zeit in Fukushima passiert, könnte ihren Elan bremsen, vermutet das Blatt. "Schade, dass es immer Katastrophen braucht, bis man sich Fragen zur Sicherheit solcher Anlagen stellt."

Laufende Verfahren sistiert

Bundesrätin Doris Leuthard hat am Montagmorgen die

laufenden Verfahren bei den Rahmenbewilligungsgesuchen für neue Atomkraftwerke in der Schweiz sistiert.

Das Eidgenössische Nuklear-

Sicherheits-Inspektorat (ENSI) leitet bei allen bestehenden AKW eine vorzeitige Sicherheits-Überprüfung ein, wie Leuthards UVEK mitteilte.

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Zweite Explosion in Reaktor

Laut Agenturmeldungen hat sich am Montagmorgen noch in einem zweiten Reaktor des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi eine Explosion ereignet. Die Kühlfunktion sei ausgefallen, und elf Menschen wurden verletzt.

Laut den Angaben der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) sei die Hülle des Reaktorkerns nicht beschädigt worden.

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Japan in Not

Das Erdbeben von der Stärke 9 auf der Richterskala und der darauf folgende Tsunami, eine  Flutwelle von rund 10 Meter Höhe, zerstörten am Freitag, 11. März, weite Teile der Nordostküste Japans. Klare Aussagen zu Toten, Vermissten oder Schäden lassen sich zur Zeit noch nicht machen.

Schätzungen sprechen von möglicherweise über 10'000 Toten.

Landesweit sollen mindestens 300'000 Menschen in Sicherheit gebracht worden, sein, rund 5,5 Millionen Menschen müssten vorerst ohne Strom auskommen und mindestens 3400 Gebäude sollen zerstört oder beschädigt sein.

Das Kernkraftwerk von Fukushima ist schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Nach einer Explosion im Reaktorgebäude wurde eine mögliche Kernschmelze befürchtet. Darüber liegen derzeit noch keine gesicherten Erkenntnisse vor.

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swissinfo.ch


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