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Sexualität und Homophobie Sensibilisierung muss schon in der Schule beginnen

Homosexualität und Homophobie sind in den Schweizer Schulen oft noch immer Tabuthemen. Dabei handelt es sich um eine ernsthafte Problematik: Junge homosexuelle Männer und Frauen nehmen sich viel öfter das Leben als gleichaltrige Heterosexuelle.

"Als ich zum ersten Mal über Homosexualität sprechen hörte, war ich noch klein. Das war, als ein Onkel in Begleitung eines anderen Mannes an ein Familienfest kam", erklärt eine Schülerin ihren Klassenkameraden. "Und ich war etwa 10 Jahre alt, das war mit Schulkollegen zusammen", sagt ein anderer Schüler. Dramatischer tönt es bei einem jungen Mann, der in einem afrikanischen Land aufgewachsen ist: "Mit 13 Jahren sah ich, wie eine Person umgebracht wurde, von der gesagt wurde, sie habe 'den Teufel im Körper'."

In einer Klasse der Berufsschule für das Gesundheitswesen in St. Imier, Kanton Bern, wird über Homosexualität und Homophobie gesprochen. Animator der Diskussion mit den 17- bis 18-jährigen Schülerinnen und Schülern ist Pascal Morier-Genoud, der seit zehn Jahren an den Schulen zu diesem Thema arbeitet. In der Schulklasse in St. Imier ist er von einem jungen Homosexuellen begleitet (siehe "Zum Thema").

"Von klein auf werden homophobe Klischees weiterverbreitet, auch wenn man sich dessen nicht unbedingt bewusst ist. Die Frage der sexuellen Orientierung ist etwas, das uns das ganze Leben beschäftigt. Deshalb ist es wesentlich, dass die Sensibilisierung für dieses Thema bereits in der Schule erfolgt", betont Morier-Genoud.

Eine Sensibilisierung ist umso notwendiger, als man weiss, dass zum Beispiel jeder vierte junge Homosexuelle (Männer und Frauen) schon einen Selbstmordversuch begangen hat. Dies ergab eine im Jahr 2000 in der französischsprachigen Schweiz erstellte Studie zu dem Thema. Zu einem gleichen Befund kommen auch entsprechenden Studien in anderen Ländern.

Wenn Andersartigkeit zur Diskriminierung wird

Das Umfeld in der Schule spielt eine wichtige Rolle. "Wenn man als andersartig wahrgenommen wird, kommt es oft zu physischer oder verbaler Gewalt. Das betrifft nicht nur die Homosexuellen, sondern auch Heterosexuelle. Es genügt, als andersartig angesehen zu werden. Diese Nicht-Akzeptierung verursacht Stress und Ängste. "Unsere Rolle als Erwachsene ist es, die Kinder zu beschützen", sagt Alicia Parel, künftige Zentralsekretärin der Schweizerischen Schwulenorganisation Pink Cross.

Ziel seiner Auftritte in den Schulklassen ist für Pascal Morier-Genoud, die Klischees zu durchbrechen und ein Thema anszuprechen, das noch zu oft tabu ist. Und in jeder Klasse kann es Jungen oder Mädchen geben, die sich zu Kollegen und Kolleginnen des gleichen Geschlechts angezogen fühlen. Es stellen sich dann Fragen der sexuellen Orientierung, die vielleicht ohne Antwort bleiben.

"Ist es wahr, dass die Homosexuellen eine ungebremste Sexualität haben? Homosexualität gleich Pädophilie? Gibt es bei einem homosexuellen Paar immer einen Partner, der die Frau beziehungsweise den Mann spielt?" Morier-Genoud wird oft mit solchen Fragen konfrontiert. "Nein, die Sexualpraktiken haben nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun. Nein, Homosexualität und Pädophilie dürfen nicht durcheinander gebracht werden. Wisst ihr übrigens, dass neun auf zehn Pädophile heterosexuell sind?

Pascal Morier-Genoud versucht auch klar zu machen, mit welchen Dingen eine Person mit andersartiger sexueller Orientierung konfrontiert ist. "Versucht euch vorzustellen, ihr arbeitet in einem Betrieb und werdet von Arbeitskollegen zu einem Fest eingeladen; ihr erscheint ohne Partnerin, man sagt euch, ah, das nächste Mal musst du dann deine Partnerin mitbringen. Nachdem du das zum vierten oder fünften Mal immer noch nicht getan hast, fragen sie dich in scherzhaftem Ton, 'bist du schwul oder was?' Ein 'Coming out' ist schwierig, und dann beginnt es erst immer wieder von vorne. Man muss den Arbeitsplatz wechseln. Was würdet ihr sagen, wenn ihr eurem neuen Umfeld jedes Mal sagen müsstet, dass ihr heterosexuell seid?"

Angst vor Proselytismus

Über diese Themen in der Schule zu sprechen, ist auch heute noch schwierig. "Ich interveniere ausschliesslich in Klassen der beiden letzten obligatorischen Schuljahre (15- bis 16-Jährige, Anm.d.Red.) und lediglich auf Wunsch des Klassenlehrers", sagt Pascal Morier-Genoud.

Manchmal befürchten die Schulbehörden, Eltern könnten sie des Proselytismus (in diesem Fall Konvertierung zu einer andersartigen sexuellen Orientierung) beschuldigen. Zudem ist die Überzeugung immer noch tief verwurzelt, dass Fragen über Sexualität zu allererst in der Familie besprochen werden sollten. Seit den letzten Monaten erleben wir übrigens eine Offensive von konservativer Seite gegen ein Sexualerziehungs-Konzept, das ab 2014 in allen Schulen der Deutschschweizer Kantone angewendet werden soll.

"Solange man Angst vor dem Proselytismus hat, solange man weiterhin denkt, Homosexualität sei eine von einem mysteriösen Virus übertragene Krankheit, solange werden wir überhaupt kein Problem lösen", sagt Alicia Parel. "Die sexuelle Orientierung und noch weniger die Geschlechtsidentität sind nicht Dinge, die man auswählen kann, genauso, wie man auch nicht die Farbe der Augen oder der Haut wählen kann. Es sind angeborene, nicht anerworbene Merkmale und Wesenszüge."

Andersartigkeit in all ihren Formen

Eine der Möglichkeiten, sterile Polemiken zu vermeiden, besteht darin, sich nicht ausschliesslich auf Fragen der Homophobie zu konzentrieren.

"Die Kantone Genf und Waadt haben eine Delegierte für Fragen der Andersartigkeit und Homophobie angestellt, deren Aufgabe es unter anderem ist, Ausbildungsmodule für Lehrerinnen und Lehrer auszuarbeiten", erklärt die künftige Zentralsekretärin von Pink Cross. "Der Vorteil dabei ist, dass man die Andersartigkeit in all ihren Formen ansprechen kann: Übergewichtige, Magere und so weiter. Alles, was die Erfahrungen in der Schule für einige Kategorien von Personen schwieriger macht."

Es sei nicht sinnvoll, sich lediglich auf Fragen der Homophobie zu konzentrieren, sagt Alicia Parel. "Wir müssen die Andersartigkeit aus einem breiten Winkel ansprechen. Warum Kinder ausgrenzen, die auf die eine oder andere Art anders sind? Auch sie haben Unterstützung nötig."

Gay-Pride-Saison

Vom 8. bis 17. Juni fand in Zürich die "Pride Week" statt. Höhepunkt war eine Kundgebung am 16. Juni.

Eine weitere "Gay Pride" fand am  30. Juni in Delsberg, Kanton Jura, statt.

In einigen Ländern wird diese Manifestation "Protestmarsch des Stolzes" genannt.

In den meisten Städten der Welt wird die Kundgebung in den Monaten Mai und Juni durchgeführt. Damit soll an die Unruhen von Stonewall vom 28. Juni 1969 in New York erinnert werden, die als Geburtsstunde der Befreiungsbewegung der Homosexuellen gelten.

Im Jahr nach den Stonewall-Unruhen organisierte die "Gay Liberation Front" einen Protestumzug vom Greenwich Village zum Central Park, an dem zwischen 5000 und 10'000 Menschen teilnahmen.

Von 1970 an gab es immer mehr solche Manifestationen. In Europa fand der erste Protestmarsch am 29. April 1972 in Münster, Deutschland, statt und in der Schweiz 1979 in Bern.

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LGBTI

Zur Bezeichnung der Lesben- und Schwulen-Gemeinschaft wurde in den letzten Jahren immer öfter das Kürzel LGBTI verwendet, häufiger als der Ausdruck "homosexuell".

L steht für Lesben, G für Gay, B für Bisexuelle, T für Transgender und I für Intersexuelle (Ausdruck, der zum Beispiel Hermaphroditen umfasst).

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Grossbritannien am tolerantesten

Der Internationale Verband der LGBTI (Ilga) veröffentlicht jedes Jahr eine Rangliste der europäischen Staaten bezüglich Rechte für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender. Dabei werden 42 Faktoren analysiert, vom Asylrecht bis zu den Antidiskriminierungs-Gesetzen und den Familienrechten sowie der Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare.

Als homosexuelle Person am besten leben lässt es sich in Grossbritannien (22 Punkte auf ein Maximum von 30). Es folgen Deutschland und Spanien (20 Punkte), Schweden (18) und Belgien (17). Die Schweiz befindet sich mit 7 Punkten erst auf dem 21. Rang.

Am schlechtesten schneiden zehn Länder ab, in denen nicht einmal die Minimalstandards für Menschenrechte respektiert werden. Zuunterst auf der Rangliste befinden sich Moldawien und Russland (-4,5 Punkte).

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(Übertragung aus dem Italienischen: Jean-Michel Berthoud), swissinfo.ch


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