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Ski-Weltcup Eine Lauberhorn-Karriere geht zu Ende

Das Lauberhornrennen ist die physisch anspruchsvollste Strecke des Ski-Weltcups.

Das Lauberhornrennen ist die physisch anspruchsvollste Strecke des Ski-Weltcups.

(Keystone)

Das 84. Internationale Lauberhornrennen, das am 17. Januar in Wengen im Berner Oberland beginnt, markiert das Ende einer Ära – der Ära von Ernst und Viktor Gertsch, Vater und Sohn, welche die Geschicke dieser Veranstaltung seit deren Gründung 1930 geleitet haben.

"Ich denke nicht an meine eigenen Fusspuren am Lauberhorn", sagt der 72-jährige Viktor Gertsch, der nächste Woche nach 44 Jahren als Präsident des Organisationskomitees für die Rennen zurücktreten wird.

Neben dem berühmten Abfahrtsrennen vom Samstag wird Gertsch auch die Superkombination am Freitag und den Slalom am Sonntag leiten. "Ich hinterlasse ein gutes Team mit einer starken Zukunft", sagt er.

Unter seiner Leitung hat das Lauberhornrennen internationale Prominenz erlangt: Für viele Wintersport-Fans ist es der Höhepunkt der Saison. "Viktor hat das Lauberhorn zu einem der besten Rennen des Weltcups gemacht", sagt Susie Fuchs, die zum Kern seines Teams aus freiwilligen Helfern gehört. "Er machte Wengen zu einem Teil der grossen Welt. Während zehn Tagen sind wir wichtig."

Klassiker am Lauberhorn

Die Lauberhornrennen gehören zu den spektakulärsten Ereignissen im Wintersport.

Die längste Abfahrtsstrecke der Welt und der enorm steile Slalomhang stellen an die Fahrer extreme Anforderungen.

Die Rennen werden an den Hängen des Lauberhorns (2472 m ü. M.) ausgetragen, das in den Berner Alpen oberhalb der Kleinen Scheidegg zwischen Wengen und Grindelwald gelegen ist.

Die Zielräume beider Rennen befinden sich im Feriensportort Wengen.

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Das Lauberhornrennen ist unangefochten die älteste, längste, schnellste und vermutlich schönste Strecke des gesamten Weltcups. Es ist auch bekannt als das physisch anspruchsvollste Rennen. Dutzende Athleten schiessen aus der kleinen Holzhütte und rasen zwischen den blauen Linien am eisigen Berg dem bekanntesten Sprung des Weltcups entgegen, dem Hundschopf.

Dieser atemberaubende Sprung – im Schatten von Eiger, Mönch und Jungfrau – zieht Jahr für Jahr Tausende an, die von ganz nah zusehen wollen, wie hier die Grossen des Skizirkus durch die Luft segeln: Karl Molitor, Toni Sailer, Franz Klammer, Bruno Kernen, Bode Miller…

Am 18. Januar erwartet das autofreie Wengen 35'000 Fans, die mit der Zahnradbahn anreisen, während sich wohl über eine Million Menschen das Rennen am Schweizer Fernsehen anschauen werden. Das Lauberhornrennen ist ein Quotenknüller und zieht regelmässig die grösste Zuschauermenge eines Sportereignisses in der Schweiz an.

Frühe Jahre

1930, als Ernst Gertsch das Lauberhornrennen ins Leben rief, um zu beweisen, dass die Schweizer die Briten schlagen konnten, war es kaum ein nationales Spektakel. Eine Handvoll Zuschauer sahen die Schweizer zwei Titel gewinnen: Gertsch Senior gewann den Slalom, sein Freund Christian Rubi die Abfahrt.

Die Kombination ging an Bill Bracken, die einzige Trophäe, die je ein Brite am Lauberhorn gewinnen konnte. Es war ein kleiner Sieg für seine Kollegen vom Kandahar Club in Mürren auf der gegenüberliegenden Talseite, welche die Disziplinen Slalom und Abfahrt erfunden hatten.

Ernst Gertsch war ein geborener Skifahrer und Organisator.

Ernst Gertsch war ein geborener Skifahrer und Organisator.

(Verein Internationale Lauberhornrennen Wengen)

In den frühen Jahren war Ernst Gertsch überall. Er gab den Athleten – darunter sein Sohn Viktor – über ein Megaphon Instruktionen, während diese ihre Schuhe schnürten, gerade Stöcke ergriffen und sich auf die langen Holzskis schnallten. Damals fuhren sie noch durch Haufen von Schnee dem Tal zu. Pistenmaschinen sind erst seit den frühen 1970er-Jahren im Einsatz.

Es waren glorreiche Zeiten für die Schweizer Skifahrer, die am Lauberhorn 14 der ersten 15 Goldmedaillen in der Abfahrt gewannen. Noch heute führen die Schweizer Athleten mit 32 ersten Plätzen vor ihren historischen Rivalen, den Österreichern mit 24.

Während der Amtszeit von Ernst Gertsch war der Hundschopf sogar noch zwei Meter höher. Sohn Viktor hat im Lauf der Jahre verschiedene Veränderungen an der Rennstrecke vorgenommen: Eine Änderung am heutigen "Kernen-S" vor einem Tunnel, ein breiterer Hanneggschuss mit weniger Bäumen, eine grössere Zieleinfahrt. All dies wurde aus Sicherheitsgründen angepasst, auf Geheiss des Internationalen Ski-Verbands FIS.

Geschwindigkeit

Heute sausen die Spitzenathleten in zweieinhalb Minuten vom Starthäuschen bis ins Ziel, halb so lang, wie in den 1950er-Jahren. "Heute sind die Skis viel schneller, und der Kunstschnee, den die FIS verlangt, ist viel kompakter", erklärt Viktor Gertsch. "Das macht das Abbremsen in den Kurven schwieriger."

Während der Österreicher Franz Klammer in den 1970er-Jahren mit 120 km/h einen Weltcup-Rekord aufstellte, wurde 2013 am Hanneggschuss für den Franzosen Johan Clarey eine Geschwindigkeit von 161,9 km/h gemessen. "Ich denke nicht, dass jemand das schlagen kann", sagt Viktor. "Auf jeden Fall wünsche ich das nicht; es ist zu gefährlich."

Er erschaudert, wenn er sich an den schlimmsten Tag der Lauberhorn-Geschichte erinnert: Am 18. Januar 1991 fuhr der Österreicher Gernot Reinstadler während einer Trainingsfahrt im Zielhang ungebremst in ein Sicherheitsnetz und starb tags darauf im Spital Interlaken. Das Rennen wurde abgesagt.

Während die Sicherheit die grösste Sorge der Veranstalter bleibt, ist eine weitere der schwache Zustand der Schweizer Athleten. Urs Näpflin, Nachfolger von Viktor Gertsch am Lauberhorn, beklagt die glanzlose Ära des Schweizer Teams, die einen Einfluss auf die Zuschauerzahlen habe.

Am Renntag hofft er auf einen Erfolg eines ehemaligen Siegers – Beat Feuz, Carlo Janka, Didier Défago – oder von Patrick Küng, der diese Saison bereits das Rennen in Beaver Creek gewonnen hat.

"Das Schweizer Team durchlebt immer wieder Höhen und Tiefen", bemerkt Viktor Gertsch. "Sie werden zurückkommen. Schauen Sie sich nur die Europacup-Resultate von diesem Jahr an: Die ersten vier Sieger waren Schweizer."

Der ehemalige Abfahrtsweltmeister Bruno Kernen ist die diesjährige Strecke am Lauberhorn mit einer 360-Grad-Kamera hinuntergefahren.

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Viel Geld

Eine weitere Sorge ist die Verwaltung des Budgets, das heutzutage rekordhohe 6,4 Millionen Franken beträgt. Wie üblich rechnet Viktor Gertsch damit, mit einer schwarzen Null herauszukommen; angenommen, alle drei Rennen werden durchgeführt, was der Region einen Nettogewinn von 5,1 Millionen Franken bescheren soll.

Als Viktor 1970 das Zepter von seinem Vater übernahm, arbeitete er mit einem Organisationskomitee von fünf Personen. Diese Woche bereiteten bis zu tausend Helfer die Piste vor und richteten die grosse Party-Atmosphäre ein, indem sie die Eisbahn in eine gastronomische Arena umgestalteten, VIP-Tribünen und Zelte aufstellten.

"Die Stimmung ist toll", sagt Christina Morax, Besitzerin eines Geschenk-Shops. "Wenn die Kampfjets der Patrouille Suisse die Eigernordwand hochfliegen, kriege ich Hühnerhaut."

Viktor Gertsch ist seinem Vater dankbar, dass er ihn gelehrt hat, wie man organisiert und flexibel bleibt. "Er war ein regelrechter Diktator", erinnert er sich. "Ich versuche, die Dinge etwas ruhiger zu managen." Dazu gehört auch das Fingerspitzengefühl, das nötig ist, um das gesamte Dorf Wengen für das Rennen zu mobilisieren.

Die Gemeinde Lauterbrunnen, zu der Wengen gehört, schiesst regelmässig Geld für wichtige Verbesserungen ein, Hoteliers bieten 1400 ermässigte Hotelbetten für die 23 Nationalteams und hunderte Journalisten an. "Wengen braucht das Rennen", sagt Alan Norris, Besitzer des Hotels Caprice, das zur Hälfte mit dem norwegischen Team belegt sein wird. "Wir würden gerne etwas mehr verlangen, doch wir alle verstehen, dass das Budget knapp ist."

In nächster Zukunft ist das Lauberhornrennen bis 2016 finanziert, wenn der Sponsoring-Vertrag mit dem nationalen Skiverband Swiss Ski auslaufen wird.

Für Viktor Gertsch ist klar, dass seine Nachfolger weiterhin finanzstarke Sponsoren anziehen können, vielleicht sogar aus Asien. "Solange wir das Rennen gut organisieren und uns an die FIS-Regeln für Sicherheit und Infrastruktur halten, habe ich keine Angst. Doch wir müssen weiterhin unser Bestes geben – immer 120 Prozent."

(Jane Peterson)


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch


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