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Gotthelf als Marketingstratege

Das Grab von Jeremias Gotthelf bei der Kirche von Lützelflüh im Emmental.

(Keystone)

Vor 150 Jahren ist Jeremias Gotthelf gestorben, einer der ganz grossen Schweizer Schriftsteller. Das Gedenkjahr wird intensiv gefeiert.

Für einmal konzentriert man sich auf die Aussagen in Gotthelfs Werk. Zum Zielpublikum gehören explizit auch Führungskräfte in Unternehmen.

Am Neujahrstag 1831 ritt ein etwas frustrierter, unbekannter und wohl auch etwas streitbarer Vikar von der Berner Heiliggeistkirche weg ins damals noch ferne Lützelflüh.

Es war Albert Bitzius, der seine wohl letzte Chance wahrnehmen wollte, doch noch Pfarrer zu werden. Für einen Vikar war er mit 36 Jahren schon etwas alt, wenn man bedenkt, dass die Lebenserwartung damals bei rund 40 Jahren lag.

Ein Jahr später war Vikar Bitzius am Ziel und wurde Pfarrer zu Lützelflüh im Emmental.

1854 – inzwischen erlebte er die Schweizer Staatsgründung – starb er als Jeremias Gotthelf und hinterliess ein schriftstellerisches Werk, das heute in der Schweiz legendär ist und im Ausland wohl bekannt.

Der Schweizer Bundesrat und Verteidigungsminister Samuel Schmid bezeichnet ihn im Vorwort zum Programm des aktuellen Gotthelf-Jahres als "den grössten Schriftsteller, den unser an Schriftstellern reiches Land jemals hervorgebracht hat".

Weg nachgeritten

Das Gotthelf-Jahr 2004 begann am letzten Samstag in Bern mit dem legendären Ritt von Bitzius alias Gotthelf nach Lützelflüh.

Das Schneegestöber sei damals grösser gewesen als 2004, kann man lesen. Auch dürfte Bitzius einsam geritten sein, war es doch der Neujahrsmorgen 1831.

Jetzt, beim "Nachritt", ging es um einiges lauter zu und her. Unter Fanfarenklängen der Bereitermusik Bern machte sich eine Hand voll Reiterinnen und Reiter auf den Weg ins Emmental.

Begleitet wurde der Tross von drei Polizisten – ebenfalls hoch zu Ross. In Bern fanden nämlich gerade die Anti-WEF-Demonstrationen statt. Deshalb konnte nicht vom Originalschauplatz – der Heiliggeistkirche – sondern lediglich von der französischen Kirche losgeritten werden.

Auch Bitzius sei in politisch bewegten Zeiten losgeritten, zogen die Veranstalter Parallelen zu heute.

Das Werk und nicht die Person

Doch in diesem Gedenkjahr soll nicht die Person Gotthelfs im Vordergrund stehen, wie das vor sieben Jahren beim 200. Geburtstag der Fall gewesen sei, sagt Fritz von Gunten, Projektleiter des Gedenkjahres, gegenüber swissinfo.

"Auf dem Weg zum Original", heisst das diesjährige Motto. Damit will man dem Vorwurf entgegentreten, Gotthelf diene vor allem der Tourismusförderung.

In der Schweiz, so von Gunten, sei das Gotthelf-Bild in der breiten Bevölkerung stark von den Hörspielen von Radio Beromünster und den Filmen von Franz Schnyder aus den 50er und frühen 60er Jahren geprägt.

Diese Werke würden "schon nicht das effektive Original zeigen". Die 50 Veranstaltungen sollen jetzt vor allem auf das schriftstellerische Schaffen Gotthelfs aufmerksam machen. "Damit man es wieder liest", sagt von Gunten.

"Wer Gotthelf liest, wird immer wieder feststellen, dass er einen Spiegel vor das Gesicht erhält." Das erste Werk Gotthelfs heisse ja auch "Der Bauernspiegel". Dort trat die Figur Jeremias Gotthelf erstmals auf, die fortan das Pseudonym von Albert Bitzius wurde.

Gotthelf hat ein zeitloses Werk hinterlassen, 50 grössere und 25 kleinere Erzählungen. "Wir sagen nicht, was die Leute darin sehen oder lesen sollen, sondern überlassen es der Leserin, dem Leser, in Gotthelf ihre Botschaft zu finden." Wenn das gelinge, dann habe das Jahr sein Ziel erreicht.

Handlungsanleitungen für Unternehmer

Fritz von Gunten denkt da gar an das "Unternehmertum". So stehen grosse Veranstaltung mit dem Handels- und Industrieverein auf dem Programm. Das machte man schon vor sieben Jahren und wurde damals belächelt. Was wollen die mit dem "Blüemlete Trögli?", habe es geheissen.

Fritz von Gunten verweist auf die beiden "Ueli Romane" ("Ueli der Knecht" und "Ueli der Pächter") in denen ein Knecht durch Fleiss, Seriosität, Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit ein System der Hofnachfolge durchbrechen kann und via Meisterknecht sowie Pächter schlussendlich Hofbesitzer wird.

Wenn man das der Zeit 2004 gegenüberstelle, wo von Abzockertum und unseriöser Geschäftsführung gesprochen werde, könne Gotthelfs Spiegel schon dazu dienen, sich zu fragen, "wie handle ich?"

Oder die von Gotthelf selber immer wieder beschriebene und auch gelebte Gastfreundschaft, die Gotthelf in der Schweiz von damals am Schwinden wähnte. Sie soll dem heutigen Schweizer Tourismus ein Fingerzeig sei. Einem Tourismus, dem nachgesagt wird, er sei nicht mehr freundlich zu den Gästen. Um daran zu erinnern, legen die Initianten bei sämtlichen Veranstaltungen im Gotthelf-Jahr Gästebücher auf.

Gotthelf als Marketingstratege? "Klar", sagt Fritz von Gunten, der auch Präsident ist von "Aemmitaler Ruschtig" (Promotion von Emmentaler Produkten).

"Gotthelf ist eine grosse Herausforderung für unsere Mitglieder, sich um die Qualität ihrer Originalprodukte zu kümmern." Auch hier getreu dem Motto des Gotthelf-Jahres: "Auf dem Weg zum Original".

swissinfo, Urs Maurer

Fakten

"Ein Spiegel ist's, doch nicht ein gemeiner, in dem ein jeder ein schönes Gesicht zu sehen glaubt. Mein Spiegel zeigt euch die Schatten- und nicht die Sonnenseite Eures Lebens." (Gotthelf, "Bauernspiegel")

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In Kürze

Insgesamt sind rund 50 Veranstaltungen an diversen Orten geplant.

Theater: "Jeremias", Bilder aus dem Bauernspiegel von den "Lützuflüher Spiellüt" und "Ueli" von der Emmentaler Liebhaberbühne.

Literatur: "Der Ritt", der neue Roman von E.Y. Meyer, nimmt Bitzius' Ritt zum Stellenantritt zum Anlass, um diesen über sein bisheriges Leben nachdenken zu lassen. In "Auf dem Weg zum Original" hat Fritz von Gunten für jeden Tag ein Gotthelf-Wort zusammen getragen.

Wirtschaft: Das "Eggiwiler Institut" entwickelt mit dem Projekt "Geld und Geist" nachhaltige Investitions-Strategien im Sinne der neuen Regionalpolitik des Bundes.

Die Biscuitfabrik Kambly in Trubschachen zeigt mit einer Ausstellung, was man aus Gotthelfs "Ueli"-Romanen für moderne Unternehmensführung lernen kann.

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