Humanitäres Drama in Grosny

Die humanitäre Lage in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny ist prekär. Laut Charles Raedersdorf, Chef des Schweiz. Katastrophenhilfskorps, fehlt es vor allem an Medikamenten und Wasser. Hilfseinsätze sind wegen mangelnder Sicherheit fast unmöglich.

Dieser Inhalt wurde am 05. März 2000 - 16:18 publiziert

Die humanitäre Lage in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny ist prekär. Laut Charles Raedersdorf, Chef des Schweizerischen Katastrophenhilfskorps (SKH), der am Wochenende von einer Informationssreise zurückkehrte, sind Hilfseinsätze wegen mangelnder Sicherheit fast unmöglich.

Wegen des Tschetschenien-Kriegs will auch Jakob Kellenberger, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), nach Russland reisen. Der Termin stand am Wochenende jedoch noch nicht fest, wie eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) auf Anfrage erklärte.

Am Freitag (03.03.) hatte das IKRK mitgeteilt, dass die russischen Behörden dem Besuch im Prinzip zugestimmt hätten. Kellenberger will den amtierenden russischen Präsidenten Wladimir Putin treffen, um inbesondere den Zugang zu den tschetschenischen Gefangenen zu diskutieren. Der IKRK-Präsident will zudem den Nordkaukasus besuchen.

Humanitäres Drama

SKH-Chef Raedersdorf zeichnete die Lage in Grosny in düsteren Farben. Die humanitäre Situation in der "Hölle von Grosny sprengt sämtliche Rahmen", sagte er an einer Medienkonferenz nach seiner Rückkehr von einer Informationsreise am Samstagabend (04.03.) in Zürich-Kloten.

Wegen der grossen Sicherheitsprobleme sei die Arbeit für Hilfsorganisationen gegenwärtig fast aussichtslos. Ständig bestehe die Gefahr von Überfällen, Entführungen und Minenexplosionen. Die Sicherheit müsse durch Russland schnell verbessert werden, damit eine vernüftige humanitäre Arbeit überhaupt möglich werde.

Dringend Medikamente benötigt

Als Sofortmassnahme will das SKH fünf Arten von Medikamenten nach Grosny schicken, vor allem Insulin, Mittel gegen Darmkrankheiten und Hautinfektionen. Laut Raedersorf ist aus Sicherheitsgründen gegenwärtig unklar, ob das SKH innnert nützlicher Frist vor Ort tätig sein kann. Unter den gegenwärtigen Bedingungen sei dies kaum vorstellbar.

Im Grenzgebiet zu Tschetschenien und in Grosny warten derzeit rund 500'000 Menschen auf humanitäre Hilfe. Als erste Vertreter einer ausländischen Regierung konnten die SKH-Leute am Donnerstag Grosny besuchen. Raedersdorf wurde auf der Informationsreise von zwei weiteren SKH-Verantwortlichen begleitet.

Nahrungsmittel vorhanden - Verteilung ist das Problem

Bisher hat die Schweiz in Tschetschenien Soforthilfe in Höhe von rund 3,5 Millionen Franken geleistet. Laut Raedersdorf leben rund 200'000 Flüchtlinge in Zeltstädten im Grenzgebiet zu Tschetschenien, weitere 200'000 in Tschetschenien selber.

Nahrungmittel gebe es ausreichend, die Verteilung sei aber wegen der Sicherheitsprobleme massiv erschwert. Prekär sei die Versorgung der Menschen mit Wasser.

Im völlig zerstörten Grosny, wo ursprünglich rund 300'000 Menschen lebten, befänden sich nur noch rund 20'000 Menschen, sagte Raedersdorf. Als einzige humanitäre Organisationen seien neben dem russischen Zivilschutz Emercom nur kleine Delegationen der Médecins du monde und der Médecins sans frontières anwesend.

Hilfe nur über russischen Zivilschutz

Die Hilfe könne nur in engster Zusammenarbeit mit den russischen Emercom-Behörden geleistet werden. Das schier unglaubliche humanitäre Drama dürfte wegen der völlig unausreichenden Sicherheit für Hilfsorganisationen noch länger andauern. Das SKH und andere Organisationen müssten dabei ohnmächtig zusehen, sagte Raedersdorf weiter.

swissinfo und Agenturen

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