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Hungersnot in Ostafrika: Hilfe und Ohnmacht

Diese somalische Mutter hat mir ihrem unterernährten Kind Zuflucht im kenianischen Lager Dadaab gefunden. Keystone

Die grösste Dürre seit 60 Jahren bedroht am Horn von Afrika das Leben von rund 12 Mio. Menschen, davon über zwei Mio. Kinder. In Somalia, wo die Lage am akutesten ist, helfen auch Unicef Schweiz und die kleine Privatorganisation Neue Wege aus Zürich.

Dieser Inhalt wurde am 28. Juli 2011 - 14:29 publiziert
swissinfo.ch

Die Weltgemeinschaft ist angesichts der Hungerkatastrophe im Dreieck Kenia, Somalia und Äthiopien zu raschem Handeln gezwungen. Das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) hat am Mittwoch eine Luftbrücke in die somalische Hauptstadt Mogadischu eingerichtet, um in erster Linie unterernährte Kinder bis fünf Jahre mit Nahrung zu versorgen.

In manchen Regionen Somalias stirbt in diesen Tagen alle sechs Minuten ein Kind, schätzt das UNO-Kinderhilfswerk Unicef.

Unicef Schweiz betreibt in Somalia bereits länger Nahrungsmittelhilfe. Angesichts der Krise hat der Schweizer Ableger des UNO-Kinderhilfswerks den Etat für Soforthilfe auf 500'000 Franken verdoppelt. Hilfe aus der Schweiz kommt u.a. auch vom Schweizerischen Roten Kreuz, der Caritas sowie der Glückskette.

Einen Fünftel erreicht 

"In den ersten sechs Monaten des Jahres haben wir in 800 Ernährungszentren rund 100'000 Kinder versorgt", sagt Sprecherin Andrea Kippe gegenüber swissinfo.ch. Die Zahl der akut unterernährten Kinder im Land beziffert sie auf rund 500'000. Ebenso viele Familien sollen mit Nahrungsmittelhilfen unterstützen werden.

Im Süden Somalias, der von der Dürre besonders betroffen ist, will Unicef Schweiz im nächsten Halbjahr die Zahl der bisher ernährten Kinder auf 75'000 verdoppeln.

Unicef Schweiz hilft zwar auch in den grossen Flüchtlingszentren in Kenia und Äthiopien, wo die Hungernden zu Tausenden eintreffen. Mit der Hilfe in Somalia selber - neben der Nahrungsmittelhilfe umfasst das Programm auch den Zugang zu Wasser und Gesundheitszentren -, sollen die Menschen von einer Flucht abgehalten werden, sagt Andrea Kippe.

Spezialernährung 

Entkräftete Kinder, die keine feste Nahrung mehr vertragen, werden laut der Unicef-Mitarbeiterin mit einer "therapeutischen Spezialnahrung" versorgt. Diese besteht aus einer Zucker- und Salzlösung, die den Geschwächten via Nasensonde verabreicht wird. "Danach gibt es eine Spezialmilch, bis die Verdauung wieder funktioniert, dann eine besonders nährstoffreiche Erdnusspaste", erklärt Kippe.

Die eigentliche Aufgabe, welche Unicef in Somalia seit Jahrzehnten wahrnimmt, besteht nicht in der Nahrungsmittelhilfe, sondern in der Verbesserung der Lebenssituation der Kinder. Im Vordergrund stehen dabei Bildung und Kinderschutz.

Zu den ganz wenigen Hilfsorganisationen, die überhaupt noch in Somalia tätig sind, gehört der Förderverein "Neue Wege in Somalia". Die Zürcher Privatorganisation ist seit 1994 ununterbrochen in Merka präsent. Seit 2002, als die Initiantin Verena Karrer in ihrem Haus ermordet worden war, setzt der Förderverein in der 80'000 Einwohner zählenden Hafenstadt das Werk der Krankenschwester fort.

In die Schule, um zu essen 

"Wir betreiben in Merka ein Ambulatorium, eine Schule mit Primar- und Sekundarstufe sowie einen Teil der Strassenreinigung", sagt Vizepräsident Heinrich Frei. Insgesamt stehen rund 100 lokale Beschäftigte auf der Lohnliste des Vereins.

Die Kleinorganisation, die sich hauptsächlich über private Spenden und Beiträge von Kirchen und Stiftungen finanziert, ermöglicht an ihren Schulen den 240 ärmsten Kindern eine warme Mahlzeit am Tag.

Weil wegen der Dürre die Tiere verendet sind und die Ernten ausfallen, sind die Preise für Nahrungsmittel explodiert. Dies illustriert eine Aufstellung von Abdi Omar Mohamed, die der stellvertretende Schulleiter der Verena Secondary School in Merka in einem Brief an den Förderverein machte. Das Kilogramm Zucker kostet 1 US-Dollar, 1kg Mehl und Reis gibt es für je 0,5 US-Dollar. Für 1kg Speiseöl muss Mohamed 2 US-Dollar bezahlen, während das 1 Kilogramm Fleisch 3 US-Dollar kostet.

Mit seinem Gehalt von 125 Dollar muss der Geschichts- und Geographielehrer nicht nur seine 14-köpfige Familie ernähren, sondern auch noch das Schulgeld für sieben seiner elf Kinder sowie die Miete bezahlen. Eine Tochter, die seit zwei Jahren an einer Hautkrankheit leidet, kann er nicht behandeln lassen, da in Mekra die nötigen Einrichtungen fehlen.

Wer Geld hat, hat auch Nahrung 

Vielen Stadtbewohnern geht es zudem wie Ali Abdullahi, dem Leiter des Ambulatoriums: Nachdem er bei sich drei Flüchtlingsfamilien aufgenommen habe, reiche es jetzt für alle noch zu einer Mahlzeit am Tag, berichtet Frei. Als Sofortmassnahme schickte der Verein Abdullahi 1000 Dollar, um in Mogadischu für sich sowie weitere Angestellte zusätzliche Nahrungsmittel bestellen zu können. Darüber hinaus hat die Organisation die Löhne für alle Beschäftigte ab Juli um 20 Dollar oder 20% erhöht.

Auch wenn Frei aufgrund des teils jahrelangen Vertrauensverhältnisses mit den Angestellten vor Ort die Gewissheit haben kann, dass die Soforthilfe tatsächlich denjenigen zu Gute kommt, für die sie gedacht ist, bleibt ihm dennoch ein Gefühl der Ohnmacht, was die Ursachen der Not betrifft. Denn die akute Hungerkrise wird in Somalia durch die Folgen von jahrzehntelangen Bürgerkriegswirren zusätzlich verschärft. Besuche vor Ort in Merka sind für die Vorstandsmitglieder des Vereins seit vier Jahren keine mehr möglich.

Mit Ausnahme von einigen Vierteln in der Hauptstadt, welche die Übergangsregierung kontrolliert, haben die islamistischen Al-Shabaab-Milizen die Macht.

Al-Shabaabs Zickzack-Kurs

Im Februar hatte Al-Shabaab das Ambulatorium in Merka schliessen lassen, die Anordnung aber wieder rückgängig gemacht. Ebenso widersprüchlich sind die letzten Signale der Islamisten-Organisation: Nachdem sie Hilfe aus dem Ausland lange Zeit strikte abgelehnt hatte, kündete die Miliz vor knapp zwei Wochen an, dass nun sämtliche Hilfe willkommen sei. Nur um die Ankündigung bereits nach wenigen Tagen wieder zurück zu nehmen. "Al-Shabaab scheint nicht mit einer Stimme zu sprechen", sagt Heinrich Frei.

Für ihn besteht der einzige Ausweg aus der vielschichtigen Krise darin, dass die von den USA und der Europäischen Union installierte und finanzierte Übergangsregierung Gespräche mit der Islamistenmiliz aufnimmt. Solche aber lehnen die beiden Schutzmächte strikte ab.

Hungersnot riesigen Ausmasses

In Somalia, Kenia, Äthiopien, Djibouti, Sudan und Uganda hungern rund 12 Millionen Menschen, knapp 2,5 Mio. davon sind Kinder.

Allein in Somalia leiden 3,7 Mio. Menschen an Hunger. 1,4 Mio. der 9,1 Mio. Bewohner sind auf der Flucht.

Ursachen sind die schlimmste Dürre seit 60 Jahren sowie bewaffnete Konflikte.

Die UNO hat Mittwoch eine internationale Geberkonferenz in Nairobi einberufen. Dabei sollen 1,6 Mrd. Dollar gesammelt werden.

Die Weltbank hat bereits Hilfe für über 500 Mio. Dollar angekündigt.

Gemäss Welternährungs-Programm (WFP) kamen in den letzten Tagen mehr als 250 Mio. Dollar an Spenden zusammen.

Ebenfalls seit Mittwoch betreibt die UNO eine Luftbrücke nach Mogadischu zum Einfliegen von Überlebenshilfe.

Diese soll auf andere betroffene Gebiete Somalias ausgebaut werden.

Die Halbierung des Welthungers bis 2015, eines der Millenniumziele, wird nicht erreicht.

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Schweizer Hilfe

Die Schweizer Regierung hat einen Zusatzkredit über 4,5 Mio. Franken gesprochen, um die Bevölkerung am Horn von Afrika zu unterstützen. Damit beläuft sich die Schweizer Hungerhilfe seit Anfang Jahr auf rund 14 Mio. Franken.

Das Schweizerische Rote Kreuz stockte seine Hilfe auf 1,2 Mio. Franken auf.

Die Caritas Schweiz erhöht ihre Nothilfe auf zwei Mio. Franken.

Unicef Schweiz stellt als Soforthilfe 500'000 Franken zur Verfügung.

Die Glückskette hat ebenfalls eine Spendensammlung für die Hungerleidenden gestartet.

Neben dem Förderverein "Neue Wege in Somalia" sind aus der Schweiz noch die kleinen Organisationen Swisso-Kalmo (Tuberkulosespital in Merka) und der Verein Hadia Medical Swiss-Somalia im Land tätig.

Somalia ist das weltweit gefährlichste Terrain für Hilfsorganisationen: In den vergangenen zweieinhalb Jahren wurden dort 36 Mitglieder von Hilfsorganisationen getötet.

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