IKRK auf Kriegsausbruch vorbereitet

IKRK-Präsident Kellenberger hofft immer noch, dass sich ein Krieg im Irak vermeiden lässt. Keystone

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ist darauf vorbereitet, im Fall eines Kriegs gegen Irak auf die humanitäre Krise zu reagieren.

Dieser Inhalt wurde am 07. März 2003 - 07:59 publiziert

Dies erklärte IKRK-Präsident Jakob Kellenberger im Gespräch mit Anna Nelson und Frédéric Burnand.

Die Irak-Krise tritt in eine entscheidende Phase. Am Freitag unterbreiten die UNO-Inspektoren dem Sicherheitsrat einen weiteren Bericht zum Abrüstungsprozess im Irak.

Der Bericht ist ein Schlüsselelement im diplomatischen Kampf im Sicherheitsrat zwischen Frankreich und seinen Alliierten einerseits und den USA andererseits.

Worum es geht, ist bekannt. Entweder fahren die Inspektoren mit ihrer Arbeit fort, oder die angloamerikanische Militäraktion gegen Bagdad wird eingeleitet, mit oder ohne neue UNO-Resolution.

Wie auch immer, die humanitären Organisationen bereiten sich aufs Schlimmste vor. So auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Dennoch hofft die Organisation noch immer auf eine friedliche Lösung.

swissinfo: Herr Kellenberger, wie weit ist das IKRK angesichts des angekündigten Kriegs im Irak vorbereitet?

Letzten Oktober hatten wir beschlossen, unsere Kapazitäten im Irak und dessen Nachbarländern zu erhöhen. Diese Vorbereitungen waren im Januar zu einem grossen Teil abgeschlossen.

Beim heutigen Stand können wir 150'000 im Irak Vertriebenen beistehen. Aber wir könnten notfalls rasch bis zu einer halben Million Menschen helfen. Für eine einzige Organisation ist das ziemlich eindrücklich.

Ich muss aber erneut darauf hinweisen, dass nach Ansicht des IKRK ein Krieg nicht unvermeidbar ist.

Kann man sich denn auf einen Krieg vorbereiten, dessen Ausmass in vielem unvorhersehbar ist?

Zwei Dinge sind in der Tat unvorhersehbar: Die Art, wie dieser Krieg geführt wird, und seine Folgen. Es wäre daher vermessen zu sagen, dass wir die gesamten Auswirkungen dieses Kriegs vorhersehen.

Aber wir haben nicht nach Spekulationen oder Kriegsszenarien gearbeitet. Wir haben unsere Aktivitäten aufgrund unserer eigenen Möglichkeiten geplant.

Und das IKRK kennt die sehr schwierige humanitäre Situation der Bevölkerung im Irak. Seit 23 Jahren ist die Organisation vor Ort.

Für uns stand deshalb das Material im Mittelpunkt, das für den Betrieb der Spitäler und der Wasserversorgungs-Systeme nötig ist. In diesen Bereichen dürfte grosser Handlungsbedarf bestehen.

Wir gehen davon aus, dass ein Militärschlag zu einer humanitären Krise führen würde. Eine grosse Zahl von Menschen würde aus den Städten fliehen, in andere Gegenden im Inneren des Landes oder aber über die Grenzen in andere Staaten.

Das IKRK hat den Auftrag, sich um die intern Vertriebenen zu kümmern. Für jene Menschen, die ins Ausland fliehen, ist das UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) zuständig.

Wenn es zum Krieg kommt, wird sich das IKRK auch um die Kriegsgefangenen kümmern müssen. Wir müssen sie registrieren und auch besuchen. Es gibt sehr viel zu planen.

Denken Sie, dass ein Krieg Auswirkungen auf den ganzen Nahen Osten haben würde?

Ja, ich denke, dass der Konflikt humanitäre Folge für die gesamte Region haben könnte. Aber darüber möchte ich nicht spekulieren.

Die Schweizer Aussenministerin hat vor kurzem in Genf ein humanitäres Treffen organisiert. Hat das Treffen konkrete Resultate gebracht?

Nach Ansicht des IKRK war das Treffen eine nützliche Gelegenheit zum Informationsaustausch. Aber für uns hatte das Treffen keine operative Dimension.

Ausserdem war die Koordination zwischen den verschiedenen humanitären Agenturen schon vorher sichergestellt.

Viele Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) glauben, dass die USA die humanitären Operationen kontrollieren wollen. Fürchtet das IKRK um seine Unabhängigkeit?

Wie in anderen Konflikten macht das IKRK auch hier keine Zugeständnisse in Sachen Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Neutralität.

Sind Sie im Feld nicht auf jeden Fall auf den guten Willen der US-Armee angewiesen?

Wir haben während der Offensive der USA gegen Afghanistan bewiesen, dass wir fähig sind, nach unseren Prinzipien zu handeln.

Haben Sie von Washington oder Bagdad Garantien für die Sicherheit ihrer Mitarbeitenden im Feld erhalten?

Wir erhalten nie absolute Garantien für die Sicherheit unserer Leute im Feld. Für uns steht diese Frage aber im Vordergrund.

Wir versichern uns jedes Mal, dass unsere Präsenz und unsere Aktivitäten von allen an einem Konflikt beteiligten Parteien akzeptiert sind.

Was den Irak angeht, so wurde dies geklärt, wir werden von den möglicherweise beteiligten Akteuren akzeptiert.

Aber je nach Intensität der Kämpfe müssen Sie vielleicht zumindest einen Teil ihrer Mitarbeitenden zurückziehen?

Das IKRK will im Irak bleiben, wie es schon 1991 der Fall war. Aber es ist möglich, dass wir wegen Sicherheitsproblemen unser Personal zurückziehen müssen.

Gerüchten zufolge könnten die US-Streitkräfte gegen strategische Ziele wie Bunker taktische Nuklearwaffen einsetzen. Widerspricht dies nicht dem humanitären Völkerrecht?

Das humanitäre Völkerrecht verbietet chemische und biologische Waffen. Ein formelles Verbot von Nuklearwaffen gibt es jedoch nicht.

Dagegen untersagt das Völkerrecht den Einsatz von Waffen, die unmässiges Leiden und unverhältnismässige Schäden verursachen. Das IKRK ist deshalb seit jeher der Meinung, dass dazu auch die Nuklearwaffen gehören sollten.

In den vergangenen Monaten kritisierten NGOs wiederholt, beim weltweiten Kampf gegen Terrorismus würden Menschenrechte und Völkerrecht verletzt. Was sagt das IKRK dazu?

Der Kampf gegen den Terrorismus hat nach Ansicht des IKRK viele Formen, auch bewaffnete Konflikte und Krieg gehören dazu. In einem solchen Fall muss aber das Völkerrecht zum Zuge kommen.

Daneben berührt der Kampf gegen Terrorismus auch andere Rechtsbereiche. Es ist meine feste Überzeugung, dass der Respekt für Menschenrechte kein Hindernis im Kampf gegen den Terrorismus ist.

swissinfo-Interview: Anna Nelson und Frédéric Burnand, Genf

Fakten

Das IKRK hat im Irak 5 Delegationen.

Das Personal umfasst insgesamt 35 ausländische Delegierte und 350 irakische Mitarbeiter(innen).

Zudem hat das IKRK in Jordanien, Kuwait und im Iran mehrere logistische Basen.

Im Budget 2003 sind für Irak fast 22 Mio. Fr. eingesetzt.

Bereits jetzt wurde das Budget für die Operationen im Irak um 16 Mio. Fr. erhöht.

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