Immer mehr Erwerbstätige haben mehr als einen Job

Steuerfreier Nebenverdienst...: Statistiken widersprechen vielen gängigen Vorurteilen. Marc Renaud

7 von 100 Beschäftigten in der Schweiz haben mehr als einen Job. Die Mehrfach-Erwerbstätigkeit der Eidgenossen ist fast doppelt so hoch wie der Durchschnitt in der EU. Mit ein Grund könnte die Freiwilligenarbeit sein, die miterfasst wird.

Dieser Inhalt wurde am 20. September 2011 - 13:13 publiziert
Alexander Künzle, swissinfo.ch

315'000 Personen oder 7,4% der erwerbstätigen Bevölkerung der Schweiz, und fast 10% aller arbeitenden Frauen, hatten 2009 mehr als einen Job. Das zeigt eine Untersuchung des Bundesamtes für Statistik (BFS). Bei den Frauen entspricht dies einer Verdoppelung des Anteils seit 1991.

Der Wert für die Schweiz liegt fast doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt von 3,8%. Italien zum Beispiel weist laut der offiziellen Statistik eine Mehrfach-Erwerbstätigkeit von lediglich 1,5% aus.

Nur in nordischen Ländern wie Norwegen (8,7%) oder Schweden (8,1%) liegen die Werte für die männlichen Erwerbstätigen höher als in der Schweiz.

Während in Skandinavien die Differenzen zwischen Männern und Frauen gering ausfallen, "weist die Schweiz die höchste Differenz zwischen den Geschlechtern sämtlicher EU- oder EFTA-Staaten auf", heisst es in einer Mitteilung des BFS.  

Und die Schwarzarbeit?

Wer von Mehrfachverdienst spricht, denkt oft an Steuerumgehung und Schwarzmarkt: Liegt es nicht nahe, Nebenerwerbsarbeiten weniger korrekt zu deklarieren als den Hauptjob – weil sie vielleicht ohnehin zeitlich beschränkt sind, in einem anderen Kanton stattfinden oder dank kleinerer Geldsummen anderswie verbucht werden können?

Thomas Geiser, Professor für Privat- und Handelsrecht an der Uni St. Gallen, winkt ab: Die auf offiziellen Zahlen beruhenden Resultate der Erhebung würden den Schwarzmarkt-Anteil nicht erfassen, sagt er gegenüber swissinfo.ch: "Die Statistiken des Bundesamtes beruhen auf dem übers Telefon erfragten Verhalten der Leute."

Er geht davon aus, dass Leute, die mehrfach erwerbstätig sind, kein Motiv haben, dies zu verheimlichen, solange sie bei dieser Art der Erhebung keine Konsequenzen befürchten müssen.

Mehrfacherwerb nicht automatisch Schwarzarbeit

Das mag für die Schweiz stimmen, aber trifft es auch auf die anderen Länder zu? Wie erklärt sich der extrem tiefe Wert von 1,5% in Italien? Das Schweizer BFS hat zwar EUROSTAT-Normen übernommen, um die Resultate international vergleichbar zu machen. Ob die Befragten in Italien aber auch offen Auskunft gaben oder "strategisch antworteten", kann der Schweizer Experte nicht beurteilen.

Dies vermutet auch Thierry Murier von der Sektion Arbeit und Erwerbsleben im BFS gegenüber swissinfo.ch. "Wenn die Zweitaktivität schwarz, das heisst steuer- und abgabenfrei erfolgt, liegt es nahe, dass der Befragte darüber keine Auskunft geben will. Schwarzarbeit ist an sich für uns nicht messbar. Aber man muss sie bei der Interpretation miteinbeziehen."

Dazu kommt der Umstand, dass Südeuropäer im Vergleich zu Arbeitnehmenden im Norden aufgrund des hohen Preis- und tieferen Lohnniveaus eher motiviert sind, bei mehreren Arbeitgebern nebeneinander oder gar gleichzeitig zu arbeiten.

Milizsystem und mehr Gutausgebildete

Geiser sieht noch einen weiteren Grund für den hohen Schweizer Anteil von Personen mit "mehreren professionellen Standbeinen", nämlich das Milizsystem. Übe jemand in einem Verein oder im Gemeinderat eine Tätigkeit aus, erscheine er ebenfalls in dieser Erhebung. Dafür spreche auch, dass ein Drittel aller Mehrfacherwerbstätigen, Vollzeit-Haupterwerbstätige (und nicht Teilzeiterwerbstätige) sind. Bei Männern sind es sogar zwei Drittel.

Auch Murier vermutet, dass dieser hohe Anteil auf die mehrheitlich gute Qualifikation dieser Erwerbstätigen deute. Leute, die flexibel in ihrer Arbeitsaufteilung und willens seien, weitere Aufgaben zu übernehmen. Ausserdem konzentrierten sie sich auf einige Branchen, wie zum Beispiel auf "Ärzte, denen neben der Arbeit in der Praxis noch ein Lehrauftrag angeboten wird".

Bei den Männern sei die Tendenz, dass Besserausgebildete auch Mehrfacherwerbstätige sind, besonders ausgeprägt. Frauen hingegen wiesen ungeachtet ihres Bildungsniveaus Mehrfach-Erwerbsanteile zwischen 9 und 10% aus.

Teilzeit oder Vollzeit

Nur 7% aller Mehrfach-Erwerbstätigen üben mehr als einen Job aus, weil sie keine Vollzeitstelle gefunden haben, so das BFS. Mit anderen Worten, fast 30% der Befragten ziehen eine Teilzeit- einer Vollzeitbeschäftigung vor, weil sie so einfacher eine Nebenerwerbstätigkeit ausüben können. Als weiterer Grund wird, vor allem bei Frauen, oft die Kinderbetreuung genannt.

Die BFS-Untersuchung zeigt auch, dass Mehrfach-Erwerbstätigkeit nichts Vorübergehendes ist: Fast die Hälfte jener, die 2009 mehrfach-erwerbstätig waren, hatten denselben Zweitjob bereits 5 Jahre vorher. Wobei Männer hier noch konstanter als Frauen abschneiden.

Verschieden gemäss Branchen

Schliesslich zeigen die Resultate, dass Mehrfach-Erwerbstätigkeit nicht nur innerhalb derselben Branche erfolgt, dass also zum Beispiel ein voll angestellter Buchhalter nebenbei auch noch die Buchhaltung eines anderen Unternehmens in seiner Branche betreut. Laut BFS wird sogar in drei Vierteln der Fälle die Nebenbeschäftigung in einer anderen Branche als jener des Haupterwerbs ausgeübt.

Am stärksten der Fall ist dies in den Branchen "Industrie", "Energie- und Wasserversorgung", "Kredit", "Versicherungen" und "Nachrichten": Angehörige dieser Branchen bevorzugen für ihren Nebenerwerb andere Branchen.

Demgegenüber kombinieren in der Branche "Private Haushalte" Erwerbstätige ihren Nebenverdienst am stärksten innerhalb derselben Branche. Dasselbe gilt auch für das Unterrichts-, Gesundheits- und Sozialwesen, Informatik und Immobilien.

"Verwilderung"?

Dass die Zunahme der Mehrfach-Erwerbstätigkeit auch ein negativer Index für den Zustand der Arbeitsverhältnisse sein kann, haben die Gewerkschaften schon früher erkannt.

So warnt Travail.Suisse 2010, dass "Arbeit auf Abruf", "Working Poor", "Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse" etc. zu einer "schleichenden Verwilderung der Arbeitsbedingungen" führen.

Der Anteil solcher prekären Arbeitsverhältnisse sei zwischen 2003 und 2008 auf 3,3% gestiegen, und zwar auch während der Hochkonjunktur.

Besonders betroffen seien Junge, Tiefqualifizierte und Frauen.

Travail.Suisse bedauert, dass bei den Untersuchungen zur Mehrfachbeschäftigung die Angaben über die Einkommens-Situation fehlen.

Es werde vermutet,dass zahlreiche Arbeitnehmende aus wirtschaftlichen Gründen einer Zweitbeschäftigung nachgehen, um damit ihren Lohn aufzubessern.

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Schwarzarbeit und Arbeitsrecht

In der Schweiz sei nichtversteuerte Arbeit juristisch, also im Sinn des Gesetzes, noch keine Schwarzarbeit, sagt Thomas Geiser, Professor an der Uni St. Gallen.

"Wenn aber Ausländer ohne Genehmigung arbeiten, oder wenn keine Sozialversicherungs-Beiträge entrichtet werden, handelt es sich um Schwarzarbeit."

Wenn ein Vollbeschäftigter ohne Wissen seines Arbeitgebers weiteren Nebenerwerben nachgehe, werde das teilweise auch als Schwarzarbeit erachtet – auch wenn es versteuert werde.

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