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In der Schweiz heulen wieder die Sirenen

Eine von rund 8200 Sirenen in der Schweiz, die am Mittwoch getestet werden.

(Keystone)

4. Februar, 13 Uhr 30: In der ganzen Schweiz heulten die Sirenen. Wie jeden ersten Mittwoch in diesem Monat wurden sie auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft. Früher diente das Alarmsystem für den Fall eines bewaffneten Konflikts, heute warnt es vor allem vor Naturkatastrophen, Chemie- und AKW-Unfällen.

Wenn bei den alljährlichen Funktionstests am Mittwoch die Sirenen aufheulen, schreckt im ersten Moment manch einer zusammen.

Der regelmässig auf und absteigende Warnton, der eine Minute dauert und dann wiederholt wird, ist unheimlich und geht durch Mark und Bein. Er signalisiert einen allgemeinen Alarm. Auch bei den zwölf tiefen Dauertönen im Abstand von zehn Sekunden, die Wasseralarm (wird erst nach allgemeinem Alarm ausgelöst) bedeuten, läuft es einem kalt den Rücken hinunter.

Die Schweiz ist offensichtlich in Alarmbereitschaft: Insgesamt sind hierzulande 8200 Sirenen im Einsatz. Davon befinden sich rund 4700 stationär auf Gebäuden, 2800 mobile Sirenen sind für die Alarmierung in abgelegenen Gegenden vorgesehen und 700 Sirenen für die gefährdeten Gebiete unterhalb von Staumauern.

Mit diesem flächendeckenden System, das seit 1936 betrieben und ausgebaut wird, können über 98% der Bevölkerung erreicht werden.

"Bewährtes Mittel"

Während andere Länder wie Deutschland ihre nationales Sirenensystem nach dem Kalten Krieg allmählich abbauten, setzten etwa die Schweiz und Österreich weiterhin auf das Alarmsystem.

Ist ein solches System heute noch sinnvoll? "In unserer hoch technisierten und hoch zivilisierten Welt, die durch Katastrophen verletzlicher geworden ist, ist das Sirenensystem nötig", sagt Willi Scholl, Direktor des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (BABS) gegenüber swissinfo, der darin ein "bewährtes Mittel" sieht, um die Bevölkerung zu alarmieren. "Länder wie Deutschland, die das Sirenensystem abgeschafft haben, bereuen es heute und möchten es wieder einführen."

Seit Bestehen des Sirenensystems in der Schweiz haben sich die Gefahrenszenarien verändert: Ging es früher etwa noch darum, im Falle eines bewaffneten Konflikts einen Fliegeralarm auszulösen, soll heute bei Chemie- und AKW-Unfällen sowie Naturkatastrophen die Bevölkerung gewarnt werden.

Schweizerhalle und Tschernobyl

Das Risiko eines solchen Notfalls sei zwar gering, so Scholl, doch treffe das Unmögliche trotzdem einmal ein, sei der Schaden enorm. So würde etwa bei einem Dammbruch des Sihlsees die Stadt Zürich innert kurzer Zeit 50 Zentimeter bis 3 Meter unter Wasser stehen.

Ein einschneidendes Ereignis, bei dem der allgemeine Alarm zum Zug kam, fand am 1. November 1986 in Schweizerhalle statt, als es beim Chemiekonzern Sandoz zu einem Grossbrand kam.

Im letzten Jahrzehnt sorgten namentlich die überdurchschnittlichen Niederschläge für Alarm.

Doch die Gefahr lauert auch im Ausland. "Katastrophen kennen keine Landesgrenzen", sagt Scholl und verweist diesbezüglich auf Tschernobyl.

Die Schweiz lässt sich die Sicherheit gerne etwas kosten: In den nächsten Jahren will der Bund jährlich gegen 5 Mio. Franken in das Sirenensystem investieren. Der Bund bezahlt die Alarmanlage, die Gemeinde den Unterhalt.

Kritik an den Kosten lässt Scholl nicht gelten. Es handle sich hier um eine "sinnvolle" und "gerechtfertigte" Investition, wie er sagt.

Nicht alle wissen, was tun

Die Sirenentests, die seit 1991 alljährlich am ersten Mittwoch im Februar stattfinden, gehören für die Schweizerinnen und Schweizer inzwischen zum Courant normal.

Doch wissen die Schweizer, was bei Alarm zu tun ist? Gemäss Scholl hat eine Umfrage ergeben, dass 40% der Bevölkerung nicht wissen, wie sie sich bei Alarm verhalten müssen. Auch heute noch würden viele Leute das Fenster öffnen, um zu schauen, was los ist, anstatt Radio zu hören.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz lanciert deshalb dieses Jahr eine Informationskampagne. Mit Radio-Spots und Informationskarten, die am Mittwoch in der ganzen Schweiz an rund 30 Bahnhöfen verteilt werden, soll die Bevölkerung an das richtige Verhalten im Ernstfall erinnert werden.

Um mehr Publizität zu erhalten, hat das Bundesamt dafür namentlich die Ex-Miss-Schweiz Christa Rigozzi um Unterstützung gebeten. Ob dadurch etwa die Menschen erreicht werden, die keine der Landessprachen sprechen, ist jedoch fraglich.

Rettung im Luftschutzkeller?

Im Ernstfall wird die Bevölkerung aufgefordert, Radio zu hören, die Anweisungen der Behörden zu befolgen und die Nachbarn zu informieren. Mit den Schutzräumen habe die Schweiz zudem ein "hervorragendes Instrumentarium", so Scholl. Bei einem radioaktiven Unfall sei dort die Schutzwirkung bis zu 20 Mal grösser als im Haus selbst.

In der Schweiz wird bis heute auf die Luftschutzkeller gesetzt, mit deren Bau in der Schweiz in den 1960-er Jahren im Kalten Krieg begonnen wurde (auf rund 7,5 Mio. Einwohner gibt es rund 300'000 Schutzräume, so viele wie nirgendwo auf der Welt pro Kopf der Bevölkerung).

Doch würden die Leute heute noch in diese Luftschutzkeller gehen? "Wir haben ein System, das funktioniert, und es wäre fahrlässig, wenn man dieses abbauen würde", so Scholl.

"Ich gehe davon aus, dass die Leute bei einem AKW-Unfall im ureigensten Interesse die Weisungen befolgen würden und in den Keller und vielleicht in den Schutzraum gehen würden." Es sei jedoch klar, dass man nicht denken dürfe, sie könnten dort drei bis vier Wochen überleben.

swissinfo, Corinne Buchser

Sirenentests

Am 4. Februar 2009 wurde von 13.30 bis spätestens 14 Uhr in der ganzen Schweiz der allgemeine Sirenenalarm getestet.

Von 14.15 Uhr bis spätestens 15 Uhr ertönte in gefährdeten Gebieten unterhalb von Stauanlagen das Signal für Wasseralarm.

Sirenentests werden schon seit den 1970-er Jahren durchgeführt. Seit 1988 ist der Sirenentest verbindlich vorgeschrieben.

Während die Sirenen von 1982 bis 1990 zwei Mal pro Jahr getestet wurden, finden die Tests seit 1991 nur noch einmal pro Jahr statt, und zwar jeweils am ersten Mittwoch im Februar.

Bei den Tests erweisen sich im Allgemeinen 98% der Sirenen als funktionstüchtig.

In der Regel erfolgt der Auftrag zur Auslösung des Alarmierungszeichens durch die Nationale Alarmzentrale (NAZ) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz durchgeführt.

Bis anhin waren vor allem die Gemeinden für die Auslösung der Sirenen verantwortlich. Seit der Einführung der Sirenenfernsteuerung werden sie heute in den meisten Kantonen per Knopfdruck durch die Kantonspolizei ausgelöst.

Zugelassene Sirenenlieferanten gibt es lediglich drei: Apex electronics GmbH, Kockum Sonics AG und Nanzer Kommunikationstechnik GmbH.

Das Projekt POLYALERT umfasst die Planung und Umsetzung eines neuen Alarmierungssystems, das ab 2016 schweizweit im Einsatz stehen soll.

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Wasseralarm

Anlass für die Errichtung von Wasseralarmsystemen in der Schweiz war die militärische Bedrohung: Am 16./17. Mai 1943 wurden im Ruhrgebiet drei Talsperren durch die alliierten Luftstreitkräfte bombardiert.

Heute verfügt die Schweiz über ein System mit rund 700 Sirenen für den Wasseralarm.

Dabei werden 42 Gebiete unterhalb von Stauseen mit über 2 Mio. m3 Wasser abgedeckt (Grande Dixence: 400 Mio. m3 Wasser).

Verantwortlich für den Betrieb und den Unterhalt der Wasseralarmsysteme sind die Inhaber der Talsperren selber.

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