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In Gondo geht die Sonne zweimal auf

Der Wiederaufbau in Gondo läuft, die Rückkehr ist aber für viele schwierig.

(Keystone)

Am 14. Oktober halbierte eine Schlammlawine ein kleines Schweizer Grenzdorf südlich des Simplonpasses. 13 Menschen starben. Der Schlamm riss 10 Häuser mit sich. Die Katastrophe hinterlässt Narben in Menschen und Dorf. Aber Gondo lebt weiter. Ein Augenschein 100 Tage nach der Katastrophe.

Energisch schliesst Pius Jordan die Türe zu seinem provisorischen Postbüro ab. Es ist ein gelber Container, eingeklemmt zwischen Nationalstrasse und einer Garage. Soeben hat er erfahren, dass seine Post eine der 900 Poststellen ist, die geschlossen werden sollen. Insgeheim hätte er schon gehofft, dass Gondo verschont bleibt. "Nach dem, was passiert ist..."

Jenen Samstag im Oktober werden die Menschen von Gondo nie vergessen: Um 10:15 Uhr kam der Schlamm. Heute fehlen liebe Menschen, und wichtige Gebäude sind zerstört.

Pius Jordan verliess seine Post nur Minuten vor der Katastrophe - und nun ist da, wo die Post war, ein Parkplatz. Nebenan verdeckt ein grosser Tannenbaum mit goldenen und roten Kugeln den erdigen Schuttkegel - mehr schlecht als recht.

Leben kehrt zurück

Rund 50 Menschen leben heute wieder in Gondo. 162 waren es am 13. Oktober 2000. Familien mit Kindern können noch nicht zurückkehren, selbst wenn sie wollten: Die Schule öffnet erst im Sommer wieder ihre Türen. Bis dahin gehen die Kinder in Brig zur Schule. Dort besucht sie Pfarrer Josef Sarbach jeden Donnerstag Nachmittag.

Sie wollen wieder zurück, weiss er zu erzählen. In Brig fehlt ihnen die Freiheit, die sie in Gondo haben. Und wohl auch die Vertrautheit. Denn in Gondo werden sie nur sieben Kinder sein, die zusammen die Schulbank zu drücken.

Aber immerhin wechselt in Gondo der Change wieder Geld, die Tankstelle verkauft Italienern billiges Benzin, das Kraftwerk wird repariert, ein Restaurant ist wieder geöffnet und der Grenzwachtposten ist ebenfalls wieder besetzt.

So brummen immerhin die Lastwagen wieder den Berg hoch, so wie vor dem 14. Oktober. Doch die Kinder und deren Lärm fehlt manchen in Gondo. Auch wenn sie vorher darüber geschimpft haben.

Zurückkehren ist nicht leicht

Ein Architekturwettbewerb soll Ideen für den Wiederaufbau von Gondo liefern. Aussenstehende, erklärt Roland Squaratti, Gemeindepräsident von Gondo, haben mehr Distanz und sind nicht ins Dorfleben involviert. Wichtig sei auch, meint Pfarrer Sarbach, dass das Dorf nicht rekonstruiert werde. "Vielleicht wagt man etwas Modernes, das dann weithin sichtbar ist." Ein Denkmal.

Noch überlegen sich einige Leute aus Gondo, ob sie zurückkehren sollen, können oder wollen. "Wir brauchen einfach noch Zeit zum Verarbeiten", erklärt Doris Jordan. Sie wohnt mit ihrem Mann und dem jüngsten Gondoner, dem fünf Monate alten Arno in Simplon Dorf. Ihr Haus steht noch, aber sie will, dass zuerst der Schutt weg ist. "Es ist kein schöner Anblick." Zuerst habe sie gesagt 'nein da gehen wir nicht zurück, da gibt es keine Zukunft'. Doch das hat sich geändert. Jetzt, wo in Gondo die Schule wieder geöffnet wird, und schon so viel gearbeitet wurde, kann sie sich wieder vorstellen zurück zu kehren. Aber eben - das braucht noch seine Zeit.

Roland Squaratti lebt seit November wieder im Dorf. Er hat durch die Schlammlawine zwei Brüder verloren. Beide waren Feuerwehrmänner. Seit jenem Tag ist das Dorf näher zusammengerückt, erzählt er. Früher, da habe man schnell gewunken, wenn man jemanden getroffen habe. Heute hält man an, kurbelt das Autofenster runter und spricht mit der Nachbarin. Und die Gespräche gehen heute tiefer als früher. Man spreche auch über Menschen, die nie mehr zurückkommen. Häufig sage man: "Weisst Du noch...".

Solidarität aus nah und fern

Noch heute erhält Gemeindepräsident Squaratti 20 bis 30 Briefe mit Spenden oder Sympathiebezeugungen. Dies verpflichte, meint er. Gondo müsse man wieder aufbauen. Einerseits zu Ehren den Menschen, die gestorben sind, andererseits der Menschen wegen, die sich so solidarisch zeigen.

Am letzten Donnerstag ist Roland Squaratti durch Brig spaziert, zu seinem Treuhandbüro. Da sprach ihn ein fremder Mann an, ob er nicht der Squaratti aus Gondo sei. Er habe sich auf den Weg nach Gondo gemacht, um ihm diese 50'000 Franken für den Wiederaufbau zu überreichen. 'Ach nein', habe der Mann gesagt, 'seinen Namen brauche Squaratti nicht zu wissen...'.

Die Menschen in Gondo zehren von dieser Solidarität, denn sie gibt Kraft. Sowie auch die Sonne, die jetzt wieder ein paar Minuten pro Tag die Hausdächer wärmt. Vom 6. Dezember bis zum 6. Januar scheint nämlich die Sonne nie in Gondo, erzählt Pius Jordan. Aber jetzt in diesen Tagen, geht sie gar zweimal auf. Sie taucht auf, verschwindet wieder hinter einem Felsen und erscheint ein zweites Mal.

Rebecca Vermot

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