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Invalidenrenten: Verdoppelung innert zehn Jahren

Einer von sieben Versicherten wird zum IV-Fall! Keystone

Die Zahl der Vollrenten bei der Invalidenversicherung (IV) hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. So erhöhte sich die Anzahl der IV-Rentner seit 1992 um fast 50%.

Dieser Inhalt wurde am 15. September 2003 - 19:02 publiziert

Eine Kampagne der rechts-bürgerlichen Schweizerischen Volkspartei (SVP) hatte eine Polemik rund um die IV-Renten ausgelöst.

SVP-Nationalrat Christoph Blocher hatte im Juni den Stein rund um das finanzielle Problem bei der Invaliden-Versicherung (IV) ins Rollen gebracht und über "Scheininvalide" polemisiert. Jetzt hat das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) die neuesten Zahlen publiziert: Zwischen 1992 und 2002 erhöhte sich die Zahl der Rentenbezüger um fast 50% auf 465'000.

In Interviews und einer Inserate-Kampagne der SVP hatte Blocher diese Entwicklung vorweggenommen. Er sehe den grössten Handlungsbedarf bei der Invalidenversicherung, um die gesamten Sozialversicherungen zu sanieren. Zur Sozialversicherung gehören auch die beiden Rentensäulen AHV (Alters- und Hinterlassenen-Vorsorge) und die berufliche Vorsorge.

Allein 2002 zahlte die IV rund 10 Mrd. Franken als Renten und Massnahmen aus. Das Defizit (gegenüber den Beiträgen) beträgt 1,2 Mrd. Hier gebe es gigantische Missbräuche, sagte Blocher im Juni: "Ein Grossteil der psychisch Kranken ist nämlich nur scheininvalid".

Personalabbau via IV

Manche wollten gar nicht mehr gesund werden, weil sie die IV-Rente einem Lohn vorzögen. Im weiteren behauptete der Populist Blocher, dass es Arbeitgeber gebe, die ihren Personalabbau über die Invalidenversicherung lösten.

Diese Aussagen führten zu wilden Protesten der Betroffenen und zu ablehnenden Reaktionen etlicher Arbeitgeber. Doch auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) schreibt bei seiner Verteidigung der Standards der sozialen Sicherheit, dass der Ruf nach dem "Rentenalter 67 bei schlechtem Arbeitsmarkt bedeutet, dass Zehntausende von Älteren in die Invalidenversicherung abgeschoben werden."

Beschleunigte statistische Invalidisierung

Inzwischen wurde die "Invalidisierung der Gesellschaft" zur statistischen Tatsache: Seit Beginn der neunziger Jahre ist ein Verrentungs-Prozess im Gang, bei dem sich die Rentensummen alle zehn bis zwölf Jahre verdoppeln.

Betrug die Zahl der IV-Rentner in der Schweiz 1992 noch 140'000, waren es letztes Jahr 220'000. Im laufenden Jahr sind es rund 270'000 Personen, die eine Vollrente erhalten.

Das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) schreibt zu den jüngsten Zahlen, dass dieses hohe Wachstum weder eine direkte Folge der schwachen Wirtschaftskonjunktur sein könne noch auf das Phänomen der Überalterung der Versicherten zurückzuführen sei.

Denn die Wahrscheinlichkeit, von Invalidität betroffen zu sein, sei seit 1992 in sämtlichen Altersklassen gestiegen.

Diese Verteilung über alle Altersklassen ist für Hubert Barde, den Vize-Präsidenten der Schweizer Arbeitgeber, nicht unplausibel. Gegenüber swissinfo sagt er: "Es entspricht einer Tatsache, dass in den vergangenen zehn Jahren das Arbeitsleben um ein Vielfaches stressiger geworden ist. Die Arbeitslosigkeit schafft immer mehr Personen, die nicht mehr gebraucht werden und keine Arbeit mehr finden. Viele von ihnen landen schliesslich bei der IV."

Aus psychischen Gründen

Zu den Leistungen der IV gehören neben den Renten auch individuelle Massnahmen und die Hilflosen-Entschädigung. Den mit Abstand grössten Anteil machen jedoch die Renten aus. Für sie wurden 2002 rund 5,8 Mrd. Franken, das heisst über 60% der gesamten Ausgaben, aufgewendet.

Neuerdings erhalten auffallend viele junge Leute bis zur Pensionierung eine Vollrente. Sie werden überdurchschnittlich häufig aus psychischen Gründen invalid geschrieben.

Colette Nova vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund sagt gegenüber swissinfo: "Es fällt auf, dass die IV-Fälle aus psychischen Gründen proportional gleichstark zugenommen haben wie die Zahl der Psychiater in der Schweiz."

Zahl der IV-Rentner verdoppelt

Die Anzahl der IV-Rentner und -Rentnerinnen erhöhte sich seit 1992 um fast 50 Prozent. Der durchschnittliche Betrag einer ganzen Invalidenrente belief sich im Januar 2003 auf 1491 Franken.

Bei den Männern liegt die Wahrscheinlichkeit, invalid geschrieben zu werden, zudem um 22% höher als bei den Frauen. 56% aller IV-Rentenbezüger sind Männer. Kurz vor dem Pensionsalter nimmt sogar ungefähr jeder fünfte Mann eine IV-Rente in Anspruch.

Neu urteilen IV-Ärzte statt Hausärzte

Wie die "SonntagsZeitung" schreibt, erhalten vier von fünf Personen, die eine IV-Leistung beantragen, einen positiven Entscheid. Als weiteren Grund der Zunahme gibt die Zeitung an, dass es Hausärzte sind, die Gutachten schreiben, "und die Invaliden-Versicherung urteilt auf Grund dieser Gutachten."

Das soll sich ändern. Ab kommenden Jahr werden spezialisierte IV-Ärzte in Beurteilungszentren darüber entscheiden, wer invalid geschrieben wird.

Für Arbeitgeber-Direktor Peter Hasler ein Schritt in die richtige Richtung: "Es ist falsch, dass Hausärzte die Gutachten schreiben, auf Grund derer die IV-Stelle entscheidet."

Viele IV-Rentner leben im Ausland

Gemäss Statistik des BSV lebt jeder siebte IV-Bezüger im Ausland. Ein grosser Teil davon geht auf die vielen bezugsberechtigen Gastarbeiter zurück, die in der Schweiz schwere und gefährliche Arbeiten verrichtet haben.

Doch wird immer wieder gefordert, dass die Renten im Ausland den dortigen Lebenshaltungskosten angepasst werden. Das lehnt Beatrice Breitenmoser, Vizedirektorin im Bundesamt für Sozialversicherung ab.

In der "SonntagsZeitung" sagte sie: "Die Kosten steigen nicht primär wegen der Ausländer." Ausserdem wäre eine solche Massnahme – wegen der bilateralen Verträge, die die Schweiz abschloss – nur in Ländern ausserhalb der EU möglich.

Diese Woche wird auch im Ständerat im Zusammenhang mit der Bereinigung von Differenzen bei der beruflichen Vorsorge über Invaliditätsrenten gesprochen. Die Pensionskassen zahlen teils komplementär zur IV weitere Rentenanteile.

swissinfo, Urs Maurer

Fakten

Invaliden-Versicherung 2002:
Ausgaben: 10 Mrd. Fr.
Defizit: 1,2 Mrd. Fr.

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In Kürze

Einnahmen der IV (Mrd. Franken):
Lohnbeiträge: 3,8
Bund: 3,7
Kantone: 1,2

Beitragszahlende: 4'180'000
BezügerInnen: 460'000

Personen mit Vollrenten:
1960: 26'000
1980: 123'000
1990: 164'000
2000: 229'000
2001: 242'000
2003: 271'000

Zurzeit bezieht unter den 50- bis 54-Jährigen bereits jeder 10. Bewohner dieses Landes eine Leistung der IV, bei den über 60-Jährigen bald jeder 4.Mann und jede 6. Frau.
2003 richtete die IV in der Schweiz 386'000 Voll- und Zusatzrenten aus.

Der Anteil der Rentenbezüger an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter beträgt heute 5,0%.

Fast 80% der Rentenbezüger wurden infolge einer Krankheit invalid. Geburtsgebrechen und Unfälle kommen als Ursachen weniger häufig vor.

Rund 39'000 Renten gehen ins Ausland. Somit wohnen 14% der Bezüger ausserhalb der Schweiz. Sie erhalten 11% der Rentensumme.

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