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Tokio (awp/sda/afp/rtd/dpa/dapd) - Japan scheint den Kampf gegen den drohenden Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima 1 zu verlieren. Nach gescheiterten Versuchen, die heiss gelaufenen Reaktoren zu kühlen, drohten am Mittwoch zwei von vier Reaktoren zu überhitzen und damit eine Kernschmelze auszulösen.
Experten warnten vor einer massiven Verstrahlung, sollte es in den nächsten 48 Stunden nicht gelingen, das Wasserniveau im Abklingbecken der gebrauchten Brennstäbe von Reaktor 4 zu heben.
Da sich die Brennstäbe dann "quasi an der freien Luft" befänden, würde die Strahlung so hoch sein, dass jeder weitere Einsatz in der Anlage unmöglich würde, warnte das französische Institut für Atomsicherheit IRSN. Zudem könnten sich die Brennstäbe selbst entzünden, sollte das Wasser in dem Abklingbecken weiter sinken. Weiterhin Probleme gab es auch in den Reaktoren 1, 2, 5 und 6.
STRAHLENBELASTUNG UNGEWISS
Die 50 Techniker des Notteams mussten die Atomanlage am Mittwochmorgen vorübergehend verlassen, da ein starker Anstieg der Strahlung gemeldet worden war. Als sich diese Meldung als falsch herausgestellt habe, seien die Arbeiter wieder zurückgekehrt, teilte die Betreiberfirma Tepco mit.
Ein Regierungssprecher sagte, die Strahlung vor Ort schwanke stark, bleibe aber auf einem gesundheitsgefährdenden Niveau. Die Behörden der Präfektur Ibaraki, südlich von Fukushima, sprachen von einer Strahlung, die das 300-fache des Normalen betragen habe.
Die Regierung in Tokio hat zum Schutz vor radioaktiver Strahlung bisher Gebiete im Umkreis von 20 Kilometern evakuiert. Wer zwischen 20 und 30 Kilometer entfernt wohnt, soll im Haus bleiben.
Die USA halten die Evakuierungszone um das japanische Katastrophen-Kraftwerk Fukushima 1 für zu klein. Die US-Regierung legte den vor Ort ausharrenden US-Bürgern ans Herz, das Gebiet im Umkreis von 80 Kilometern zu verlassen.
IAEA FRUSTRIERT
Die Internationale Atomenergieagentur IAEA zeigte sich erstmals frustriert über die japanische Informationspolitik und verlangte detaillierte und schnellere Informationen. IAEA-Chef Yukiya Amano kündigte an, er werde so schnell wie möglich selbst nach Japan fliegen und danach eine Sondersitzung des Gouverneursrats, dem IAEA-Leitungsgremium, einberufen.
Auch US-Energieminister Steven Chu zeigte sich unzufrieden mit dem Informationsfluss über die Geschehnisse in Japan. "Wir hören widersprüchliche Berichte darüber, was genau in den verschiedenen Reaktoren passiert, die nun in Gefahr sind", sagte er in einer Anhörung im US-Kongress.
Nach Einschätzung der EU ist die Lage faktisch ausser Kontrolle. EU-Energiekommissar Günther Oettinger befürchtet in den nächsten Stunden "weitere katastrophale Entwicklungen".
KAISER SPRICHT MUT ZU
Wie ernst die Lage ist, zeigte eine Fernsehansprache des Kaisers Akihito, der sich gewöhnlich nur zu offiziellen Anlässen zeigt. Er sprach seinem Volk Mut zu. Die Lage sei "unvorhersehbar". "Ich hoffe aufrichtig, dass wir verhindern können, dass sich die Situation verschlimmert", sagte der in Japan hochangesehene Kaiser.
Der Gouverneur der Präfektur Fukushima, Yuhei Sato, sagte dem Fernsehsender NHK, es fehle in den Notlagern an Nahrung und Treibstoff. "Die Sorge und Wut der Menschen in Fukushima haben ihre Grenze erreicht", warnte er.
SCHNEE VERSCHÄRFT NOTLAGE
Ein Kälteeinbruch und Schneefall verschärften die Notlage der Erdbeben-Opfer zusätzlich. Tausende Menschen mussten in den Trümmern ihrer Siedlungen ausharren. In der Nacht waren die Temperaturen deutlich unter null Grad gefallen.
Die Rettungskräfte haben die Hoffnung so gut wie aufgegeben, in den Trümmern noch Lebende zu finden. Die offizielle Zahl der Todesopfer stieg am Mittwoch auf 4277, wie die Polizei mitteilte.
Bei den Vermissten gingen die Angaben weit auseinander. Während die Polizei von 8194 Vermissten sprach, ging Regierungschef Naoto Kan von mehr als 10'000 aus. Die Regierung hat 80'000 Rettungskräfte im Einsatz, unter ihnen Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute.
rt

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