Jean Zieglers Kampf gegen den Kapitalismus

Jean Ziegler gab sich in Porto Alegre kämpferisch wie eh und je. swissinfo.ch

Jean Ziegler, UNO Botschafter für das Recht auf Nahrung und ehemaliger SP-Nationalrat, attackierte in Porto Alegre den Kapitalismus, die herrschende Elite, Bush, Sharon, Putin, die UNO, die Weltbank und den IWF.

Dieser Inhalt wurde am 28. Januar 2003 - 11:02 publiziert

Das Publikum feierte den Schweizer Soziologen und Buchautor frenetisch.

"Die Avantgarde der Humanität lebt heute in Lateinamerika", beginnt Jean Ziegler seine Rede. "Ich möchte Präsident Lula und seine Kollegen der Arbeiterpartei und der Landlosenbewegung erwähnen." Tosender Applaus. "Die Kämpfer in Ecuador." Tosender Applaus. "Fidel Castro und sein mutiges Volk." Der Applaus in der Arena will kein Ende nehmen.

Bereits nach seinen ersten Sätzen hat der ehemalige SP-Nationalrat das Publikum auf seiner Seite. In der Arena des Gigantinho in Porto Alegre drängen sich rund 20'000 Personen. Die Ränge sind zum Bersten gefüllt, überall sitzen und stehen Zuhörende.

Die Hitze beträgt am Sonntagnachmittag draussen 30 Grad, die Eingänge sind heillos verstopft. Der Sicherheitsdienst lässt niemanden mehr herein.

Gegen IWF und WTO

"Seit der Implosion der Sowjetunion breitet sich die kapitalistische Weltordnung aus wie ein Buschfeuer. In den industrialisierten Ländern heisst ihre Waffe Arbeitslosigkeit. In den Ländern des Südens ist ihre Henkersschlinge die Schuldenwirtschaft", sagt der UNO-Sonderberichterstatter für Ernährung.

"Eine kleine Gruppe von Männern hat mehr Macht, als es jemals ein Kaiser oder ein Papst hatte."

"Diese Oligarchie des transnationalen Kapitals hat ihre Söldner. Sie heissen Währungsfonds und Welthandels-Organisation. Die Globalisierung ist für drei Viertel der Menschheit der tägliche Terror."

"Hungertod ist kein Schicksal"

Der emeritierte Soziologieprofessor in Genf, Lehrer an der Sorbonne in Paris, Autor und Parlamentarier (so wurde Ziegler vorgestellt) ist bei den Anwesenden weitgehend unbekannt.

Sie sind eher wegen dem Befreiungstheologen Leonardo Boff oder dem Autoren Eduardo Galeano gekommen.

Doch noch dröhnt Zieglers leicht heisere Stimme, sein Französisch mit Deutschschweizer Akzent aus den Lautsprechern. Viele Menschen hören die Rede über kleine Radioempfänger, wo auf UKW die Rede übertragen wird.

"Dank Cyberspace und freiem Markt zeigen die Mächtigen eine enorme Vitalität. Noch nie fand das Massaker an der Menschheit so schnell statt: Jeden Tag sterben 100'000 Personen an Hunger. Das auf einem Planeten des Überflusses. Der Hungertod ist kein Schicksal: Hinter jedem toten Kind steht ein Mörder. Es ist an uns, diese zu demaskieren und ihren Arm zu lähmen."

Bush sei ein "Pinochet im Weissen Haus"

Der streitbare Schweizer, der gerne Schweizer Hochfinanz und Politik angreift, nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Angriffe auf das World Trade Center im September 2001 seien ein unentschuldbares Verbrechen, deren Verantwortliche bestraft werden müssten.

"Aber Herr Bush, der Pinochet im Weissen Haus" - Beifall und Pfiffe branden ihm entgegen - "nimmt diese Tragödie als Vorwand und bedroht das irakische Volk mit einem Bombenkrieg aus 15'000 Metern Höhe".

"Bush deckt die Verbrechen Sharons in Palästina, Putins Verbrechen in Tschetschenien - und das mit Verweis auf den sogenannten Krieg gegen den Terror."

Hoffen auf Basisbewegungen

"Wo bleibt die Hoffnung", fragt Ziegler. Sie sei nicht in der UNO, trotz der guten Idee und ihrem brillanten Generalsekretär Kofi Annan. "Die UNO lebt in einer Schizophrenie. Was immer ihre Unterorganisationen aufbauen, zerstören Währungsfonds und Weltbank!"

"Die Hoffnung liegt bei Karl Marx" - Klatschen unterbricht ihn - "bei Karl Marx, dessen Name in Europa niemand mehr zu nennen wagt".

"Marx sagte, ein Revolutionär muss das Gras wachsen hören. Das Gras wächst in Porto Alegre, in den Camps der Landlosen, in Paris an Sitzungen von ATTAC. Überall organisiert sich der Widerstand."

Ziegler fordert die Abschaffung von Währungsfonds und Weltbank, ein Ende der Offshore-Finanzplätze.

"George Bernanos sagte, Gott hat keine anderen Hände als unsere. Brauchen wir sie zusammen, um eine gerechtere Welt zu kreieren", fordert Ziegler zum Schluss, "um einen Sieg von Präsident Lula und seinem Volk zu schaffen."

Frenetischer Applaus brandet durchs Giganthino, der Schweiss läuft auf den Gesichtern und an den Beinen herunter. Sprechchöre skandieren "Olé, Olé, Olé, Ola, Lula, Lula", die Zuhörenden können sich kaum beruhigen.

Hier hat ihnen jemand aus dem Herz geredet. Ein bisher eher unbekannter Autor und Parlamentarier aus Suiça, aus der Schweiz.

swissinfo-Sonderkorrespondent Philippe Kropf in Porto Alegre

In Kürze

Ein kämpferischer Jean Ziegler sprach in Porto Alegre den Zuhörern aus der Seele.

Am Bücherstand beim Eingang stand sein Werk "Die Schweiz, das Gold und die Toten"; gleich neben den Büchern von Noam Chomsky, Hannah Arendt, demDalai Lama, Stephen E. Ambrose und Jiang Zemin.

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