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Jugend ohne Politik – Politik ohne Jugend?

Jugendliche haben häufig andere Prioritäten.

(swissinfo C Helmle)

Immer weniger Jugendliche beschäftigen sich mit politischen Themen. Demokratie interessiert sie nicht.

An einer internationalen Tagung in Luzern bemühten sich viele Erwachsene und wenige Jugendliche, den Ursachen des Problems auf die Spur zu kommen und Lösungen aufzuzeigen.

Der Titel der Tagung erweckt Hoffnung: "Demokratie ist lernbar". Sieht man sich jedoch in der Welt um, fallen zuerst Ereignisse auf, welche dieser Aussage nicht unbedingt entsprechen: Rassismus, Egoismus, skrupelloses Verfolgen der eigenen Interessen, steigende Gewaltbereitschaft, Abstinenz bei Wahlen und Abstimmungen.

Die Tagung vom 2. und 3. Oktober in Luzern, mitgetragen durch den Europarat, wollte zum einen aufzeigen, dass Demokratie lernbar ist und zum anderen, wie dieses Lernen in die Praxis umgesetzt werden könnte. Die Beantwortung der Frage, ob Demokratie denn überhaupt lernbar sei, zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung.

Tolerante Gesellschaft dank demokratischer Bildung

Der Europarat legt grossen Wert auf demokratische Erziehung und Bildung. Eines seiner Hauptanliegen ist die Forderung nach einer freien, toleranten und gerechten Gesellschaft. Deshalb empfiehlt der Europarat den Regierungen seiner Mitgliedstaaten, der demokratischen Bildung höchste Priorität einzuräumen.

Dem stimmen Politiker, Bildungswissenschafter sowie die "Basis", die Lehrkräfte und Vertreter von Eltern- und ausserschulischen Organisationen, zu.

Fachleute aus dem Bereich des Europarates haben sich fünf Jahre lang mit dem 1997 lancierten Projekt "Education for Democratic Citizenship" (EDC) über die Heranbildung des staatsbürgerlichen Bewusstseins von Jugendlichen und Erwachsenen beschäftigt.

Jugendliche ohne Politik?

Die Tagung sollte den Transfer der Projektergebnisse in die Schweiz fördern. Professor Fritz Oser von Universität Freiburg rüttelte die Anwesenden in seinem Referat "Jugend ohne Politk" auf. Er berichtete über die Schweizer Ergebnisse einer internationalen Vergleichsstudie zur Politischen Bildung, an der 28 Länder mit über 90'000 14/15-Jährigen (in der Schweiz 3100 Jugendliche) teilgenommen haben.

Die Ergebnisse sind für die Schweiz nicht sehr ermutigend: Die Identifikation mit ihrem Land liegt für die 14 bis 15 Jährigen Schweizer Jugendlichen an unterster Stelle aller untersuchten Länder. Die Jugendlichen haben schon ein fast apathisches Verhältnis zu ihrem Land. Auch im Bereich des Interesses bei politischen Fragen zeigt die Studie ein tiefes Schweizer Niveau.

Apathische Schweizer Jugend?

Im Gegensatz zur eigenen Nation ist das Vertrauen in die Regierung und Gerichte sehr gross. Man könnte also interpretieren, dass die Jugendlichen in der Meinung, dass "die da oben" es schon recht machen, kein Interesse an der Anliegen der Landespolitik hätten.

"Dies ist eine These, eine Frage, die erst wissenschaftlich untersucht werden müsste", sagt Pädagogikprofessor und Mitverfasser der Studie, Fritz Oser von der Universität Freiburg, gegenüber swissinfo.

Die Studie zeige weiter, dass Schweizer Jugendliche sehr gut unterscheiden können, was Demokratie fördert und was nicht. Beim Umgang mit dem Problem der Immigration stehen sie jedoch praktisch an letzter Stelle. "Das ergibt ein Bild, das gesamthaft gesehen beunruhigt", sagt Oser weiter. Er leitet ab: "Die Schweizer Jugend ist nicht apathisch, sie ist nicht erzogen."

Es sei heute möglich, dass Jugendliche die Maturitätsprüfung ablegten, ohne Geschichtsunterricht genossen zu haben, da dieser auf freiwilliger Basis angeboten werde. "Das ist problematisch, da man so die eigenen Quellen verliert, nichts mehr weiss über die eigenen Quellen", erklärt Oser besorgt.

Interesse wecken

Man sollte junge Menschen für Politik, für Einfluss und Macht, für die Integration des Menschen interessieren können, ist der Pädagogikprofessor überzeugt.

"Wir wissen heute, wie man guten Unterricht macht", sagt er und verweist auf den an der Tagung aufgebauten "Infomarkt". Anhand zahlreicher Projekte und Lehrmittel zeigten verschiedenste Anbieter, dass demokratische Bildung und Erziehung realisierbar ist. Jugendparlamente berichteten über ihre Arbeit, Immigrantenkinder zeigten eine selbst kreierte Diashow. Zahlreiche Lehrmittel aus dem In- und Ausland präsentierten ein aktuelles und multimediales Angebot.

Oser plädiert für ein "Zeitfenster", dass in den Lehrplänen für den Demokratieunterricht geschaffen werden soll. Anhand konkreter Projekte sollte das Thema im Blockunterricht erarbeitet werden. "In dieser Zeit müsste es möglich sein, junge Menschen auch vom Positiven in der Politik zu überzeugen", ist Oser überzeugt.

Diskussionen

In acht Workshops wurde diskutiert, über Kenntnisse und Kompetenzen, über die Kinder, Jugendliche und Erwachsene verfügen müssen, damit sie ihre anfangs kleine und dann die grosse Welt verantwortungsvoll und aktiv mitgestalten können und vor allem wollen.

Weiter unterhielt man sich über den Beitrag, den das Fach Geschichte zur demokratischen Erziehung beisteuern kann. Die demokratische Bildung in Schulen, Vereinen, Organisationen und Elternhaus war ein weiteres wichtiges Thema.

Skeptische Jugend

Die Jugendlichen waren in Luzern zahlenmässig klar am schlechtesten vertreten. Der 21-jährige Simon Denoth bildete eine der Ausnahmen. Er ist überzeugt, dass das politische Desinteresse vieler Jugendlicher kleiner wäre, wenn man auch jüngere Gesichter in der Politik sehen würde.

"Es sind nicht wir Jungen, welche die Politik machen. Dies ist an einem aktuellen Beispiel klar ersichtlich. Über Cannabis hat der Nationalrat kürzlich nicht einmal geredet. Im Gegenzug dazu ist Absinth legalisiert worden."

Deshalb sei es klar, dass die Politik nicht für Jugendliche gemacht werde, sondern für die Interessen der mittleren bis älteren Bevölkerungsschichten, so Denoth.

Langfristiges Engagement

Die Frage, ob Demokratie denn nun lernbar sei, konnte auch bei der abschliessenden Podiumsdiskussion nicht eindeutig geklärt werden.

Die rund 300 an der Tagung teilnehmenden Frauen und Männer setzten sich jedenfalls mit Engagement, viel gutem Willen und Sachverstand dafür ein, dass die Frage eines Tages mit "Ja" beantwortet werden könnte.

swissinfo, Etienne Strebel

Fakten

Gemäss einer aktuellen repräsentativen Umfrage des "SonntagsBlick" wollen sich 28% der 18-25-Jährigen "ganz sicher" an den nationalen Wahlen Mitte Oktober beteiligen.

24% werden "wahrscheinlich" teilnehmen, 18% "wahrscheinlich nicht" und 30% "nicht".

Bei den letzten Nationalrats-Wahlen 1999 nahmen knapp 25% der 18-24-Jährigen teil.

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