Kabul in Erwartung einer "neuen Befreiung"

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Seit neun Tagen greifen amerikanische Kampfflugzeuge Ziele in Afghanistan an. Aus der Hauptstadt Kabul werden schwere Explosionen gemeldet. Für die Bewohner Kabuls sind die Luftangriffe ein weiteres Kapitel in einer langen Tragödie. Mehr zur Geschichte Kabuls vom Neuenburger Ethnologen Pierre Centlivres. Der Professor gilt als ausgewiesener Kenner Afghanistans.

Dieser Inhalt wurde am 15. Oktober 2001 - 15:13 publiziert

Aufgrund ihrer Erfahrungen trauen die Bewohner der afghanischen Hauptstadt keinen Befreiern mehr. Die älteren erinnern sich noch an den Oktober 1929. Damals waren die Paschtunen-Stämme aus dem Süden gekommen, um den tadschikischen Regenten Habibullah II zu verjagen. Weil die Staatskassen leer waren, konnte der neue Herrscher keinen Sold zahlen und erlaubte den siegreichen Truppen stattdessen, die Hauptstadt zu plündern.

Hunderttausende von Toten

Fünfzig Jahre später, im Dezember 1979, marschierte die Rote Armee in Kabul ein. Sie eilte der damaligen kommunistischen Regierung zu Hilfe, welche von den "reaktionären Banditen und den Marionetten des amerikanischen Imperialismus", also dem islamischen Widerstand bedroht war, wie es hiess. Die Empfänger dieser Hilfe, Land und Hauptstadt, zahlten einen hohen Preis: Hunderttausende Toter und Verstümmelter, Millionen im Exil. Und die vorübergehend leeren Gefängnisse von Kabul füllten sich erneut.

1992, drei Jahre nach dem Abzug der Roten Armee, wurde Kabul von den Truppen des Widerstands befreit. Arme Kabulis! Das Ende des kommunistischen Regimes erwies sich als eine neue Heimsuchung. Ab dem Sommer machten sich die verschiedenen Gruppierungen der Mujaheddin die Stadt streitig. Die von den Sowjets verschonte afghanische Hauptstadt wurde dabei zu mehr als der Hälfte zerstört.

Die Ankunft der Taliban

Meine Frau und ich waren im Sommer 1996 einen Monat in Kabul. Damals herrschte Präsident Burhanuddin Rabbani, allerdings war seine Lage prekär. Bewaffnete Gruppen von bärtigen Mujaheddin beherrschten die Strassen. In der modernen Stadt mussten die unter dem bisherigen Regime relativ emanzipierten Frauen wieder den Schleier tragen.

1996 schlugen die Raketen noch immer mehr oder weniger zufällig in die Wohngebiete ein. Zuerst waren es die Mujaheddin, welche sie gegen das kommunistische Regime einsetzten, danach kämpften die verschiedenen Gruppierungen gegeneinander. 1996 kam der Beschuss von den in der Nähe stationierten Taliban. Je nach Glauben und vor allem nach Herkunft fürchteten oder erhofften die Kabulis die Ankunft dieser neuen Akteure auf dem afghanischen Schauplatz, den bäuerlichen Paschtunen aus dem Süden.

Im September 1996 schritten die Taliban zur "zweiten Befreiung" der Hauptstadt. Eine ebenso bedrückende Befreiung wie die vorherige, welche Arbeitslosigkeit, die brutale Unterdrückung der Berufstätigkeit der Frauen sowie moralische Zwänge und Kleidungsvorschriften brachte.

Kabul, eine bestrafte Stadt

Der Kampf um die Kontrolle über die Hauptstadt wurde immer auf dem Rücken ihrer Bewohnerinnen und Bewohner ausgetragen. Seit Beginn des endlosen Konflikts hat jede neue Regierung neue Strapazen, neues Elend, neues Leid gebracht.

Kabul ist eine bestrafte Hauptstadt, die zu allem anderen auch noch ihre Bedeutung verloren hat. Unter den Taliban ist, zumindest bis Oktober 2001, Kandahar zum Machtzentrum geworden, wo ihr charismatischer Führer, der Mullah Omar wohnt.

Und jetzt hat mit den wiederholten Luftangriffen und dem Wiederaufflammen der Kämpfe erneut eine kritische Phase begonnen. Werden die Kabulis die neue Befreiung überleben?

Pierre Centlivres

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